Der Pomp als musikalische Macht

Das Gstaad Menuhin Festival verschreibt sich der Macht der Musik. Mit «Pomp in Music» meint Festivalintendant Christoph Müller mehr als die äusserliche Wirkung. Die Aufführungen von Barock bis Moderne sollen unterhalten und Unterschiede aufzeigen.

Christoph Müller, Intendant des Gstaad Menuhin Festival, setzt auf «Pomp in Music». Er will die Wirkung von opulenten sakralen wie säkularen Werken zelebrieren.

Christoph Müller, Intendant des Gstaad Menuhin Festival, setzt auf «Pomp in Music». Er will die Wirkung von opulenten sakralen wie säkularen Werken zelebrieren.

(Bild: Svend Peternell)

Svend Peternell

Das ist eine Ansage: «Pomp in Music». Das tönt wuchtig und ist alles andere als eine Deklaration der feinen Töne. Könnte man meinen. Aber Christoph Müller will beides: Die Macht der Musik – also ihre Wirkung – zelebrieren, aber auch ihren Reichtum und ­ihre Fülle auskosten. Zu Letzterem gehört etwa der grosse Zy­klus «Brahms ou la richesse in­térieure».

Die Gegenlinie des Pomps

In dieser Kammermusikreihe, die rund ein Dutzend Konzerte umfasst, spiegelt sich die mittlere Lebensphase von Johannes Brahms: «Es gibt kaum so hochromantische Musik in so harmonischer Dichte», erklärt der 46-jährige Intendant des Gstaad Menuhin Festival. Er spricht von «grosser Melodienvielfalt und einer unglaublichen Ideenvielfalt».

Das ist also die Gegenlinie, welche die 61. Festivalausgabe als Kontrast zum äusserlich Reichen ebenfalls pflegen will. «Und natürlich kann man das Thema Pomp und Reichtum als Nebeneffekt auch auf Gstaad münzen», schmunzelt der CEO in einem Berner Lokal, das zwischen Rohbauelementen auch den Anspruch auf chic und stylisch erweckt, wenn man Hochkanttüren und überdimensionierte Bilder mit historischem Flair als Massstab nimmt.

«Natürlich kann man das Thema Pomp und Reichtum als Nebeneffekt auch auf Gstaad münzen.»Christoph Müller

Sonst aber will Christoph Müller mit dem Pompösen als Zugpferd in den Epochen zwischen Barock, Romantik, Klassik und Moderne durchaus unterhalten und auch ein wenig die Unterschiede in verschiedenen Aspekten zeigen. So manifestiert sich der barocke Pomp in der An­betung und Verherrlichung von etwas Göttlichem oder Royalem – gewissermassen als Spiegel der Mächtigen. Hierfür stehen «Der Messias» (15. Juli) von Georg Händel und das «Magnificat» (28. Juli) von Johann Sebastian Bach.

Wucht der Orchestergrösse

Die Klassik brachte Auftrags­werke dazu hervor, die Auftrag­gebenden selber darzustellen. Hier sticht die «Krönungsmesse» (28. Juli) von Mozart hervor. Die (Spät)romantik schliesslich protzt nicht zuletzt mit orches­traler Grösse. Ein Beispiel dafür ist «Also sprach Zarathustra» vom Gespann Nietzsche und Richard Strauss (12. August), eine Komposition, in der die Orgel zum Orchesterinstrument wird.

In Camille Saint-Saëns Orgel­sinfonie am gleichen Abend bekommt die Orgel einen sehr pompösen Touch. «Durch Musik wird etwas Übermenschliches zum Ausdruck gebracht», sagt Müller.

Carpenters Monsterorgel

Auch die Moderne hält einige ­Zückerchen bereit. So wird der Amerikaner Cameron Carpenter seine gigantische Kunstorgel, die er selber bauen liess und mit der er in der Welt herumreist, prä­sentieren (11. August). «Die Orgel hat einen so grossen Register­umfang, wie es ihn sonst nicht gibt», erklärt Müller. «Und was Carpenter spielt, ist nicht ein­zuordnen. Das geht von Bach über Mozart bis hin zu Jimi Hendrix. Das kann einen durchaus sprachlos zurücklassen. Carpenter hat eine eigene Gattung geschaffen – und das auf einem elektronischen Instrument, denn die Orgel wird ohne Blasbalg gespielt.»

Was Carpenter spielt, ist nicht ein­zuordnen. Das geht von Bach über Mozart bis hin zu Jimi Hendrix.Christoph Müller

Pompös im Sinne einer grossen Oper ist «Aida» von Giuseppe Verdi (1. September), die halb­szenisch präsentiert wird. «Die Aufführung wird ergänzt durch grossformatige Projektionen von Stimmungsbildern, die pro Akt unterschiedlich daherkommen», verspricht Müller. Und: «Wir haben eine starke Sängerbesetzung mit dem London Symphony Orchestra und Gianandrea Noseda als Dirigenten.»

Kein Pomp bei Mutter

Und wie ist das Pompöse beim Auftritt von Geigenstar Anne-Sophie Mutter (24. August) einzuordnen? Ist es die Grösse ihrer musikalischen Persönlichkeit? Ihr vielversprechender Name? Schliesslich gibt sie im riesigen Zelt ein kammermusikalisches Recital – zusammen mit Pianist Lambert Orkis.

Müller gibt zu: «Hier ist der Begriff Pomp weder gewollt, noch muss man ihn künstlich herbeireden. Es hat sich so ergeben. Anne-Sophie Mutter konnte lange nicht nach Gstaad kommen – auch, weil sie zu Verschiedenem Distanz brauchte.» Jetzt kommt Mutter erstmals nach Gstaad, seit Müller im Jahr 2001 die künstlerische Leitung übernommen hat.

«Dass ein Recital im Zelt funktioniert, haben wir letztes Jahr bei Lang Lang gesehen. Mutter ist indessen ein ganz anderer Typ als Lang Lang, einiges älter und dabei natürlich in den besten Jahren. Sie pflegt auch nicht den Popstarkult und ist nicht aktiv in den sozialen Medien.»

Anne-Sophie Mutter ist dafür schon jetzt eine Ikone – herausgegangen aus dem Umfeld des grossen Dirigenten Herbert von Karajan, der sie von Salzburg her massgeblich in die Karriere hineinhievte.

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