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«Die Ansprüche sind gestiegen»

handballWacker-Thun-Trainer Martin Rubin äussert sich vor Wiederaufnahme

Kürzlich weilten Sie mit Ihrem Assistenten Dragan Dejanovic an der EM. Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen? Martin Rubin: Wir waren in Serbien an einer Trainertagung. Das war sehr lehrreich. An der EM kam nicht viel Neues zutage. Es war aber beeindruckend, zu sehen, wie die Spieler stets Gefährlichkeit ausstrahlen. Da war jeweils eine Menge Zug zum Tor vorhanden, da konnten jederzeit und aus allen Lagen Treffer fallen. Das hat mir imponiert. Bei uns ist noch zu viel Leerlauf drin. Wie weit entfernt sind Ihre Spieler von der kontinentalen Spitze? Gibt es welche, die mithalten könnten? Roman Caspar beispielsweise würde ich sofort zutrauen, Aufgaben in der Deckung zu übernehmen. Und Luca Linder würde in manchem Team eingesetzt werden. Legionäre anderer Vereine, wie etwa Ladislav Tarhai oder Dragan Marjanac vom BSV Bern, haben bewiesen, dass Topleute unserer Liga mitspielen können. Ich denke, einige Schweizer würden auf diesem Level absolut genügen – vielleicht nicht ein, zwei Dutzend, aber doch ein paar. Unlängst hat Wacker den Serben Nikola Isailovic verpflichtet. Was versprechen Sie sich von ihm? Er verkörpert nicht Weltklasse, das war uns schon klar, und so was werden wir uns wohl auch nie leisten können, gerade auf dieser Position. Er hat uns im Probetraining aber überzeugt. Er ist sehr engagiert, deckt stark und geht hin, wo es wehtut. Wir haben ein paar Linkshänder getestet, und Nikola war der beste. Er hat einen guten Schuss und Möglichkeiten, noch stärker zu werden. Vor der Pause setzten Sie hinten rechts mehrere Spieler regelmässig ein. Isailovic wird auf Kosten der talentierten Schweizer Fabian Studer oder Thomas Rathgeb aufgestellt werden. Man wird wieder mehr tun müssen, um zu spielen. Einen Konkurrenzkampf im Aufbau hatte ich mir schon vor der Saison gewünscht. Ich will den Jungs Druck machen können. Nun ist die Situation so, wie sie mir gefällt. Rathgeb hat den Vorteil, polyvalent zu sein – ihn kann ich auch andernorts bringen. Studer ist ein junger Linkshänder mit Perspektiven; das ist sein Vorzug. Nikola weiss, dass er Gas geben muss. Wer schlecht spielt, wird auch mal zuschauen müssen. Einen hervorragenden Akteur werden Sie mit Jakub Szymanski verlieren. Sind Sie in die Suche nach dessen Ersatz involviert? Ich bin beteiligt, ja, und der Aufenthalt in Serbien war auch dabei von Nutzen. Ich habe Spieler anschauen können und mit Agenten gesprochen – die waren ja alle da. Für uns steht fest: Wir wollen Szymanski ersetzen, nicht zwingend durch jemanden für die Mitte, aber ein Rückraumakteur wird bestimmt kommen. Während die Positionen am Flügel ausschliesslich von Thunern belegt werden, ist im Aufbau mit Rathgeb bloss ein Einheimischer zu finden. Ist das Zufall? Das hat vor allem mit der Physis zu tun. Viele sind zu klein für den Rückraum. Wir haben hier technisch und taktisch sehr gut ausgebildete Spieler – aber oft fehlt es an der Grösse. Dafür kann niemand was, das ist einfach so. Wenn ich mir die aktuelle U-19-Auswahl ansehe: Da hats talentierte Leute – aber in den Rückraum wirds wohl kaum einer schaffen, dazu sind sie zu klein. Vor den abschliessenden fünf Begegnungen der Hauptrunde belegt Ihr Team den zweiten Platz, womit es weit besser dasteht, als Sie es erwartet haben. Ich habe mich da anscheinend etwas getäuscht. Es ging damals nicht darum, tiefzustapeln und den Druck zu mindern. Ich hatte in Anbetracht der Transfers vieler Konkurrenten wirklich das Gefühl, dass es schwierig würde – zumal wir Spieler verloren hatten. Unser Vorteil ist es wohl, ein Team zu haben, das sich kennt, teils seit vier Jahren. Kriens, Pfadi Winterthur und der BSV werden von Fachleuten als besser eingestuft. Weshalb? Die ganz grossen Einzelkönner haben wir wahrscheinlich nach wie vor nicht, das stimmt. Langsam, aber sicher werden wir aber wahrgenommen. In der Vergangenheit habe ich mich gewundert: Für unsere Leute interessierte sich kaum jemand. Nun erhalten wir vermehrt Angebote. Darauf müssen wir reagieren, indem wir jene Kräfte, die wir unbedingt halten wollen, rechtzeitig weiter an uns binden. Dazu müssen wir auch mal einem Spieler entgegenkommen. Wir haben nun lange eine preiswerte Mannschaft gehabt – keine billige, aber eine günstige (schmunzelt). Wäre es nun nicht an der Zeit, das Saisonziel zu ändern? Die Teilnahme an der Finalrunde ist Ihnen faktisch sicher. Mit der Mannschaft habe ich noch nicht darüber gesprochen. Aber Sie haben bestimmt recht: Wer Zweiter ist, kann nicht sagen: «Okay, nun werden wir Sechster.» Sicher ist es nun das Ziel, sich für die Playoffs zu qualifizieren. Dazu müssen wir nach der Finalrunde unter den Top 4 sein, und das ist realistisch. Man sagt Ihnen nach, ein Gespür für den Menschen zu haben; Sie verstünden es, ein ausgezeichnetes Klima zu schaffen. Wie wichtig ist diese Eigenschaft? Wie jeder andere habe ich Stärken und Schwächen. Sehen Sie: Ich will, dass die Spieler Freude haben an dem, was sie tun. Das gelingt offenbar. Nun sollte ich lernen, die Peitsche hervorzunehmen, wenn es sie braucht. Daran arbeite ich. Die Spieler verstehen sich blendend. Trotzdem soll es welche geben, die erwägen, Wacker zu verlassen. Vor fünf Jahren, als ich kam, war jeder froh, dabei zu sein, und jeder spielte ungefähr so viel wie der andere. Die Ansprüche sind gestiegen – bei uns allen. Und ich coache heute leistungsorientierter als damals. Es gibt wohl welche, die meinen, sie verdienten mehr Einsatzzeit. Nun, die haben zwei Möglichkeiten: Sie können in jedem Training beweisen, dass sie zu Unrecht Ersatz sind. Oder sie gehen den einfacheren Weg – und verlassen uns eben. Interview: Adrian Horn >

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