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«Die Geschichten fliegen mir zu»

François LoebFrüher war er Warenhauschef und Nationalrat, jetzt widmet sich François Loeb vor allem der

Wie so oft steigt François Loeb im Berner Hauptbahnhof aus dem ICE. Seit sieben Jahren wohnt er bei Freiburg im Breisgau, wo seine Frau an der Musikhochschule unterrichtet. Doch er kommt häufig in die Schweiz zu seiner Tochter oder dem Sohn und den vier Enkelkindern. Der Siebzigjährige fährt gerne Zug: «Zum Schreiben brauche ich Bewegung. Dann fliegen mir die Geschichten zu, sie schreiben sich wie von selbst in zwei, drei Stunden.» Es sei interessanter, zweiter Klasse zu reisen, findet er: «Dort schnappe ich nicht nur Gesprächsfetzen auf, manchmal kann ich sogar die Gedanken der Passagiere anzapfen!» François Loeb richtet sich ein auf ein ausgiebiges Gespräch, bestellt im Schweizerhof nicht bloss eine Tasse Tee, sondern gleich eine Portion. Er schreibe seit seiner Studentenzeit, berichtet er, früher unter Pseudonym auch für die Presse. Seit seiner Pensionierung hat er acht Bücher veröffentlicht, und zurzeit richtet er einen Blog ein, um laufend seine Texte unter die Leute zu bringen. «Ich habe schon zu viele Manuskripte in der Schublade», erzählt er lachend. Inspiration Venedig Dreissig seiner kleinen Erzählungen sind soeben erschienen unter dem Titel «Der Organist von San Marco». Alle spielen in Venedig, für den Autor «die schönste Stadt der Welt». Unzählige Male ist er seit seiner Jugend dort gewesen, trotzdem verlaufe er sich immer noch, und das mit Genuss. Weil er absichtlich nicht den Wegweisern folgt, um so den Touristenscharen zu entgehen. «Meine Frau wird manchmal ungeduldig, wenn ich ein bestimmtes Restaurant einfach nicht mehr finde», sagt er schmunzelnd. Und beruhigt sogleich: Er werde die geplante Venedig-Reise für die Leserschaft dieser Zeitung mit ortskundiger Hilfe führen, um in Lieblingslokalen aus seinen neuen Geschichten vorzulesen (siehe Espacecard-Hinweis rechts). Die Titelstory des Buchs handelt von einem armen Jungen, der sich taubstumm stellt, um Zugang zu der sonst nur für Reiche bestimmten Musik zu erlangen. Dazu hat den Autor ein Orgelerlebnis während der Frühmesse in der Basilica San Marco inspiriert. Auch andere Erzählungen verknüpft er mit realen oder imaginierten Kirchen, Palästen, Gassen und Plätzen der Lagunenstadt. Surreale Fantasie Berichten lässt er ihre Bewohner: den Kapitän eines Vaporettos, einen Kupferschmied, einen Physiker, einen Museumswächter und viele andere. Einige leben in der Gegenwart, andere in ferner Vergangenheit oder Zukunft. Und immer geht es um rätselhafte Ereignisse: Da werden Koffer zu Todesfallen, und Kanäle bekommen Reisszähne, Buchstaben fliegen davon, und eine Laterne wirft dunkelschwarzes Licht. Albträume entstehen leicht im winterlich nebligen Venedig, das die echten Kenner besonders lieben. «Die Stadt hat eine blutige Geschichte, sie zog das Glück ebenso an wie das Verderben», weiss François Loeb. «Ein Strassenname wie ‹Calle degli Assassini›, Mördergasse, ruft direkt nach einer Gruselgeschichte.» Die düstere Fantasie erinnert an die Novellen deutscher Romantiker, vor allem an E.T.A. Hoffmann (1776–1822). Auch die üppige Bildsprache mit ihren Worterfindungen stammt eher aus dem 19.Jahrhundert. Doch gekonnt verteidigt der Berner Autor seinen Stil: «Seit meiner Zeit in der Politik bin ich mir bewusst, dass die Menschen in Bildern denken. Das geht mir nicht anders, und schreiben kann ich nur aus meiner inneren Welt heraus.» Zum Abschied verschenkt er gleich vier seiner Bücher und macht sich dann auf den Weg nach Muri zu seinen Grosskindern. Marie-Louise Zimmermann ;François Loeb: Der Organist von San Marco, Prospero- Verlag, 189 Seiten. ;Mit François Loeb nach Venedig: Exklusive Leserreise mit dem Berner Autor zu den Schauplätzen seines Buches «Der Organist von San Marco» (17. bis 20.11.2011). Achtung: Es sind nur noch vier Doppelzimmer verfügbar. Infos/Anmeldung: www.espacecard.ch. >

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