Die Schweiz feiert ihr Brauchtum am Unspunnenfest

Es findet nur alle paar Jahre statt: das Unspunnenfest in Interlaken. Seit mehr als 200 Jahren gilt es als eines der grössten Brauchtumsfeste des Landes. Ende August trifft man sich wieder zum grossen Stelldichein.

Erinnerungen an 2006: Damals strömten Abertausende Menschen ans Unspunnenfest in Interlaken.

Erinnerungen an 2006: Damals strömten Abertausende Menschen ans Unspunnenfest in Interlaken.

(Bild: Keystone)

Tausende Aktive und über 150'000 Besucher werden vom 26. August bis am 3. September in Interlaken erwartet. Neun Tage lang wird Interlaken zum Hotspot der Swissness.

Das Eröffnungswochenende am 26./27. August steht im Zeichen des Unspunnen-Schwingfests. Der Anlass ist von seiner Bedeutung her mit einem Eidgenössischen Schwingfest oder dem Kilchberg-Schwinget zu vergleichen. Am Sonntag finden auch die Steinstosswettbewerbe mit dem 83,5 Kilogramm schweren Unspunnenstein statt. Das Schlusswochenende am 2./3. September ist dem Trachten- und Alphirtenfest gewidmet. Auf dem Programm steht ein grosser Festumzug mit rund 70 Bildern aus 26 Kantonen. Ein Festspiel präsentiert die Zeitepochen während den Unspunnenfesten von 1805 bis 2017.

Als Festrednerin wird Bundespräsidentin Doris Leuthard erwartet. Zwischen Eröffnungs- und Schlusswochendende kommen die zwölf nationalen Trägerschaftsverbände an eigenen Thementagen auf ihre Rechnung. Alphirten und Landfrauen, Hornusser, Alphornbläserinnen und -bläser und Fahnenschwinger, Steinstösser, Jodlerinnen und Jodler, Volksmusikanten, Trachtenleute, und Schützen bestreiten ihre Programme und präsentieren sich dem Publikum.

Das Unspunnenfest findet seit zweihundert Jahren in grösseren Abständen von etwa einem Dutzend Jahre statt, letztmals 2006.

Touristisch top

Das Unspunnenfest hat seine Wurzeln im ausgehenden 18. Jahrhundert und beginnenden 19. Jahrhundert als die Schweiz eine Staatsordnung nach französischem Vorbild kannte. Die politisch schwierige Zeit war geprägt von Animositäten zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung. Die bernische Obrigkeit versuchte, Unruhen und Aufstände zu verhindern und Stadt- und Land einander wieder näher zu bringen. Ein Fest im Geiste der Verbrüderung kam da gerade Recht.

1805 wurde das erste Unspunnenfest durchgeführt, mit Umzug, Gesang, Schiessen, Schwingen, Steinstossen und Alphornblasen. Bester Schütze damals war ein gewisser Johann Kaspar Beugger aus Aarmühle, dem heutigen Interlaken. Er war auf einem Auge blind.

1808 folgte eine weitere Auflage des Unspunnenfests. Die beiden Feste lockten Scharen von Zuschauern an, namentlich adelige Patrizier aus Bern. Dafür sorgten nicht zuletzt umfangreiche Werbemassnahmen im Vorfeld - nota bene die wohl erste Tourismuswerbung in bernischen Landen.

Bekannte Maler und Schriftsteller wie Elisabeth Vigee-Lebrun, Franz Niklaus König oder Germaine de Staël hielten ihre Eindrücke des Anlasses fest. Bildungsreisen junger Aristokraten und die von ihnen verfassten Reiseberichte waren gross in Mode und so verbreitete sich die Unspunnen-Idylle rasch in alle Welt. Heute würde man wohl von einem Marketing-Coup sprechen.

«Unspunnen» war mit seiner internationalen Ausstrahlung eine Art Initialzündung für den Berner Oberländer Tourismus. Die einheimische Bevölkerung merkte, dass man mit den Fremden Geld verdienen konnte. Bald wurden erste Pensionen eingerichtet und um 1850 entstanden die grossen Hotelbauten an der Höhenmatte.

Politisch ein Flop

Die politischen Ziele erreichte die bernische Obrigkeit allerdings mit den Festen nicht. Die rebellischen Oberländer liessen sich nicht so einfach besänftigen. Das Fest wurde nicht wiederholt und geriet in Vergessenheit.

Ganze hundert Jahre sollte es dauern, ehe man sich 1905 wieder darauf besann - zur Belebung der Fremdensaison im Sommer. Der Anlass war so erfolgreich, dass den Interlakner Bäckern am Festsonntag die Brotvorräte ausgingen.

Die beiden Weltkriege setzten dem Tourismusboom im Oberland vorerst ein Ende. Noch überschattet von den Kriegsjahren kam 1946 der Geist von Unspunnen erneut gelegen, um Einigkeit und Heimatgefühl zu beschwören. Der Auftakt zum Umzug gelang dann aber nicht ganz nach Mass: eine Maus hatte die Zündschnur für den Böllerschuss durchgenagt.

Die Feste von 1955 und 1968 standen im Zeichen der sanften Modernisierung: neue Lieder, neuzeitliche Instrumentierungen und künstlerische Interpretationen waren gefragt. In den 1980-er und 1990-er Jahren wurde «Unspunnen» zum medialen Grossereignis.

«Unspunnen» in der heutigen Form ist ein Grossanlass auf heikler Gratwanderung zwischen Brauchtum, Medienspektakel und Kommerz. Viel Logistik ist nötig, damit zehntausende Besucher verpflegt und unterhalten werden können. Auch dem Sicherheitsaspekt muss heute grosse Rechnung getragen werden.

«Unspunnen» und sein Stein des Anstosses

Zum Unspunnenfest gehört natürlich auch der 83,5 Kilogramm schwere Unspunnenstein, der bei den Steinstosswettkämpfen zum Einsatz kommt. Gestossen wird allerdings längst nicht mehr mit dem Originalstein.

Der Stein vom ersten Unspunnenfest 1805 verschwand danach. 1808 kam ein anderer Stein zum Einsatz, der bis in die 1980-er Jahre verwendet wurde. 167 Pfund wog der legendäre «Chemp», der vielen als Symbol bernischen Selbstverständnisses und Heimatverbundenheit galt. Im Zug des Jurakonflikts entwendeten jurassische Jungseparatisten 1984 den Unspunnenstein aus dem Touristikmuseum in Unterseen - ein Stich ins Herz der Berner Seele. Der Stein blieb jahrelang verschollen.

1985 wurde ein Ersatzstein aus Grimselgranit gefertigt, der bis heute im Einsatz ist. Der verschollene Unspunnenstein tauchte 1999 unter mysteriösen Umständen wieder auf. Allerdings waren dem Stein Europasterne eingemeisselt worden. Für den Wettkampf taugte der dadurch zu leicht gewordene Stein nicht mehr. Der Brocken wurde in einer Hotelhalle in Interlaken ausgestellt, wo er 2005 erneut geklaut wurde. In der Vitrine hinterliessen die Diebe einen Pflasterstein mit aufgemaltem Jurawappen.

Unter der Ägide des Bundes haben die Kantone Bern und Jura den Konflikt um den Berner Jura unterdessen weitestgehend ausgeräumt. Das bernjurassische Städtchen Moutier hat sich im Juni in einer Volksabstimmung für einen Wechsel zum Jura entschieden.

Im September werden zwei weitere kleine bernjurassische Gemeinden ebenfalls über ein solches Vorhaben befinden. Dann gilt die Jurafrage als gelöst. In Interlaken hofft man nun, dass der alte Unspunnenstein vielleicht doch noch endgültig aus seiner politischen Geiselhaft entlassen wird. Wie auch immer die Sache ausgeht, eines ist sicher: der Unspunnenstein hat mit seiner wechselvollen Geschichte viel zum Mythos des Festes beigetragen.

Für weitere Informationen: www.unspunnenfest.ch

jaw/sda

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt