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Die Taube mit dem goldenen Stühlchen

In den zwölf Raunächten um den Jahreswechsel riefen die Menschen die guten Geister an und baten um ein fruchtbares Jahr. In diesem Märchen aus Thüringen erscheint Frau Holle als weisse Taube, um das schneebedeckte Land zu segnen.

Zwischen dem Thüringer Wald und dem Harzgebirge lehnte an einem Hügelhang der Hof eines gottesfürchtigen Bauern. Als nun wieder einmal das runde Jahr in die zwölf Nächte mündete, schlich sich der Jungbauer, so, wie er dies von seinem verstorbenen Vater gesehen hatte, heimlich hinaus auf den Acker und machte die Runde durch seinen Garten. Er schüttelte den Apfelbaum, er rüttelte den Birnbaum und sprach dazu den alten Spruch, den sein Ahne schon sprach: «Bäumchen wach auf, Frau Holle kommt!» Da vernahm er ein Rauschen im Gezweig, und ein Schauer rieselte herab durch den ganzen Baum, vom Wipfel bis zur Wurzel. Und es wehte im Winde heran wie Flügelschlag, und Frau Holle erschien im Federkleid einer weissen Taube. Sie schwebte über die verschlossenen Knospen der Krone, kreiste dann um den ganzen alten Garten und breitete ihre singenden Schwingen weit über das wellige Ackerland aus. Und wo sie flog, da senkte sich ein Segen nieder auf das Gefilde, sank in die schlummernden Wurzeln und Knollen unter schneebedeckten Schollen, auf dass sie wieder fruchtbar würden und Keime lockten im kommenden Jahr. Der Bauer gewahrte auch ein goldenes Stühlchen an ihrem Fuss. Darauf setzte die Taube sich nieder, wenn sie die weite Reise ermüdet hatte. Und wo sie Rast hielt, da sind dann im nächsten Frühjahr die schönsten Blumen und Stauden gewachsen, als wäre dort ein umhegter Garten. So wusste denn jener Bauer: In dieser Stunde hat Frau Holle wieder Umzug gehalten und hat die alte Erde gesegnet mit Strunk und Staude, mit Strauch und Baum. Sage aus Thüringen Aus «Wintermärchen, siebzig Wintermärchen in sieben Kapiteln». Ausgewählt von Djamila Jaenike, mit Schwarzweisszeichnungen von Cristina Roters. Herausgegeben von der Mutabor Märchenstiftung. 240 Seiten, Mutabor-Verlag, 2011. 38 Franken.>

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