Die Welt in der Dachstock-Galerie

Unterseen

Ein halbes Jahrhundert haben Erika und Ernst Hanke in ihrer Steindruckerei mit Kunstschaffenden aus aller Welt zusammen gearbeitet. Nun gibt es Einblicke.

In der KSU-Galerie zeigen Erika und Ernst Hanke einen Querschnitt durch die Vielfalt der Arbeiten aus ihrer Steindruckerei.

In der KSU-Galerie zeigen Erika und Ernst Hanke einen Querschnitt durch die Vielfalt der Arbeiten aus ihrer Steindruckerei.

(Bild: Sibylle Hunziker)

Alois Carigiet, Hans Erni, Lotti Glauser, Susanne Hartmann, Dagmar Mezricky, Marion van Nieuwpoort, Jacques Rime, Paul Wunderlich... – das Verzeichnis zur Ausstellung «Rückblick auf das Leben eines Steindruckers» liest sich wie ein Lexikon der figurativen Kunst. 131 Lithografien von 89 Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt zeigt die Kunstsammlung Unterseen (KSU) in ihrer Galerie im Stadthaus-Dachstock.

Und doch ist es nur ein kleiner Ausschnitt aus der Sammlung der Steindruckerei Hanke. «Wenn ein Künstler mit einem Steindrucker zusammenarbeitet, steht traditionell ein Exemplar jeder Edition dem Drucker zu», erklärt Ernst Hanke.

Drucken mit einem Stein

Steindruck ist ein Sammelbegriff für verschiedenste chemische Flachdruckverfahren, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt wurden. Alle nutzen den Umstand, dass sich Fett und Wasser abstossen. Für Farbdrucke braucht es gewöhnlich mehrere Steinplatten – eine für jede Farbe.

Nicht so bei Ernst Hanke. In seiner Druckerei in Ringgenberg veränderten die Künstlerinnen und Künstler die Zeichnung auf dem Stein nach jedem Druckdurchgang. Das Resultat sind Bilder, die oft weniger an Drucke erinnern, sondern viel mehr an Aquarelle, Zeichnungen, Collagen oder gestochen scharfe Fotografien. Dabei kann jede Edition nur einmal gedruckt werden, da der Stein ständig verändert wird.

Aus Not zur Perfektion

«Eigentlich ist es eine Technik, die schon immer für Korrekturen gebraucht wurde – oder aus Not», sagt Ernst Hanke. So habe Vladimír Gažovi? in Bratislava nur über einen guten Stein verfügt, als ihn Hanke in den 1980er-Jahren kennen lernte. Fasziniert von den Möglichkeiten dieser Technik entwickelte sie Hanke zusammen mit Gažovi? und Paul Wunderlich – alle drei sowohl Künstler als auch Steindrucker – zu einem speziellen Verfahren.

Mehr noch als herkömmliche Verfahren bedingt das Drucken mit einem Stein die enge Zusammenarbeit zwischen Künstler und Drucker. Dass die Arbeit organisatorisch funktionierte, lag an Erika Hanke. Die Frau des Druckers war notfalls rund um die Uhr da, wenn es an der Druckmaschine eine versierte Kraft brauchte; sie kochte für die Künstler, damit sie den Vorgang, in dem Zeichnen und Drucken ständig ineinandergreifen, nicht zu lange verliessen.

«Und hie und da mussten wir auch im Garten jäten, wenn der Künstler sich nicht entschliessen konnte, ob dieses Rot jetzt zu hell oder zu dunkel war», erinnert sich Erika Hanke schmunzelnd.

Lernen und lehren

An der Vernissage vom Samstag skizzierte Erika Hanke leicht und unterhaltsam die Entstehung und Entwicklung der Druckerei – von Ernst Hankes Ausbildung beim Art. Institut Orell Füssli in Zürich bis zum Kauf der Druckerei Casserini in Thun und zum Umzug nach Ringgenberg in den 1980er-Jahren.

Der Internationale Senefelderpreis, der Kulturpreis der Volkswirtschaftskammer Berner Oberland oder der Grafikpreis des Schweizerischen Lithografenbundes öffneten Türen, ebenso wie die Begegnungen mit Kunstvermittlern wie dem heutigen KSU-Präsidenten Christoph Wyss – und natürlich die Künstler, die Vertrauen in Hankes Handwerk hatten.

«Die Beziehung zu einem Künstler entwickelt sich gewöhnlich über Jahre und Jahrzehnte», sagt Ernst Hanke. «Man lernt von- und miteinander und wächst so gemeinsam.»

Nun hat der Steindrucker seine Maschine einem jungen Kollegen in Schweden weitergegeben. Er selbst reist als gefragter Lehrer kreuz und quer durch Europa. Für die Ausstellung in der KSU-Galerie bleibt er aber im Oberland, damit er während der Öffnungszeiten interessierten Besuchern Auskunft geben kann.

Öffnungszeiten: bis 22. September jeweils Donnerstag und Samstag 15–18 Uhr, Freitag 18–21 Uhr und Sonntag 11–16 Uhr.

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