Zum Hauptinhalt springen

«Der Südjura ist eine Geisel Berns»

Selbst nach einem erneuten Nein des Berner Juras kämpfe man weiter für den Traum eines einigen Juras, beharrt der Sprecher der separatistischen Béliers.

Marc Frechénoux, forscher «Animateur principale» der antibernischen Béliers, vor dem Hôtel de la Gare, einer separatistischen Weihestätte im bernischen Moutier.
Marc Frechénoux, forscher «Animateur principale» der antibernischen Béliers, vor dem Hôtel de la Gare, einer separatistischen Weihestätte im bernischen Moutier.
Stefan Anderegg

Herr Freléchoux, wann erhielten Sie zum letzten Mal Besuch von der Polizei? Marc Freléchoux: Ich hatte noch nie mit der Polizei zu tun.

Wirklich? Auch nicht, nachdem Ihre Béliers im April die Gipfelpyramide auf der Obwaldner Aelggialp in der Mitte der Schweiz geklaut hatten? Nein, auch da hörte ich nichts von der Polizei. Es gab eine Strafanzeige der Gemeinde Sachseln. Sie erklärte aber, sie lasse die Anzeige fallen, wenn die Pyramide wiederhergestellt werde. Wir haben übrigens auch keine Reinigungsrechnung erhalten, wie das einige Medien schrieben.

Die Polizei erschien auch nicht, als Ihre Gruppe in Interlaken den Unspunnenstein stahl? Damals war ich noch nicht Animateur. Aber die Polizei kam auch nicht zu meinem Vorgänger. Sie weiss, wo wir wohnen.

Drückt die Kantonspolizei des Juras bei den Aktionen der separatistischen Béliers ein Auge zu? Wir machen halt kaum je illegale Aktionen auf jurassischem Territorium.

Sie sagen es selber: Ihre Aktionen sind illegal. Straftaten, Delikte. Man kann das als Delikte bezeichnen. Aber es gibt mehrere Abstufungen von Delikten. Unsere Aktionen sind sympathische und symbolische Delikte. Die Pyramide, die ja nun wieder auf der Alp steht, wurde eher ausgeliehen als gestohlen. Es gab nie das Ziel, sie zu behalten.

Aber der Unspunnenstein befindet sich immer noch in den Händen Ihrer Gruppe. Der Unspunnenstein wurde 1984 als eine Art Geisel genommen, die gegen den Südjura ausgetauscht werden sollte. Er wurde dann vorübergehend an Shawne Fielding-Borer zurückgegeben. Weil der Südjura immer noch nicht frei ist, verschwand der Stein wieder. Jetzt stösst man in Interlaken halt eine Kopie des Steins.

Sie können jetzt hier bekannt geben, wann Ihre Gruppe den Originalstein herausrückt. Ich kann Ihnen leider zu keiner Enthüllung verhelfen. Vielleicht haben ältere Béliers den Stein. Ich weiss es nicht genau.

Pyramiden und Steine klauen: Das sind doch Bubenstreiche. Ich verstehe die Symbolsprache der Béliers nicht ganz. Das ist visuelle Propaganda. Unsere Aktionen haben immer einen symbolischen und humoristischen Anteil. Bei der Pyramide aus der Mitte der Schweiz spielen wir auf das Gleichgewicht der Schweiz und ihrer Demokratie an. Wir wollten die Eidgenossenschaft daran erinnern, dass sie eine Moderationsrolle zu spielen hat bei den Arbeiten der Assemblée interjurassienne (AIJ) für die Zukunft des Juras. Wir wollten auch jene Schweizer wachrütteln, die sich nicht für den Jura interessieren.

Vielleicht müssen Sie akzeptieren, dass die Jura-Frage niemanden mehr interessiert. Die Leute hier im Jura tauchen nun wieder in die Sache ein. Viele interessieren sich nicht mehr, weil sie frustriert sind über die anhaltende Teilung des Juras. Und leider erfahren die Jungen im Berner Jura und im Kanton Jura in der Schule nichts mehr über die Geschichte des Juras.

Junge haben andere Probleme als diese alten Geschichten. Lassen sich überhaupt noch genug Junge für die Béliers rekrutieren? Es ist schwieriger als vor dreissig Jahren, als wir bis zu 7000 Mitglieder hatten. Heute sind es etwa 400. Das sind immer noch viele.

Letztes Jahr verhinderte die Polizei am Fest der jurassischen Jugend knapp eine Eskalation zwischen Béliers und berntreuen Sangliers. Befürchtet der Berner Regierungsrat Philippe Perrenoud von Ihnen zu Recht ein Anheizen des alten Jura-Konflikts? Absolut nicht. Wir sind nicht mehr in den Jahren der Glut. Wir befinden uns heute im Stadium der Diskussion.

Sie nennen sich militant. Befürworten Sie Gewalt? Wir sind militante Pazifisten, die Strassenaktionen machen.

Wann verübten die Béliers den letzten Sprengstoffanschlag? Die Béliers setzen als Gruppe nie Sprengstoff oder Feuer ein. Das war der radikale Front de Libération du Jura. 1993 fiel ein Bélier bei einer individuellen Aktion in Bern seiner eigenen Bombe zum Opfer. Dieser tragische Vorfall hat nicht zuletzt zur Bildung der AIJ geführt.

Sie sind 26 Jahre jung. Sie haben den Jura-Konflikt nicht selber erlebt. Sie kennen ihn nur aus den Erzählungen von Veteranen. Was fasziniert Sie daran? Es geht um eine Staatsgründung. Der Jura ist der einzige Staat Europas, der ohne Blutvergiessen gegründet wurde. Und das ist erst dreissig Jahre her.

Das war doch keine Staatsgründung! Der Jura ist einer von vielen Kantonen im Staat Schweiz. Kantone sind Staaten, und die Schweiz ist ein Staatenbund. Aber was mich vor allem fasziniert an der Jura-Frage, ist der Umstand, dass ein Volk seine Selbstbestimmung in die Hand genommen hat. Es stimmt: Der Jura ist ein normaler Schweizer Kanton geworden. Für mich hat die Jura-Politik mit Leidenschaft zu tun. Die Bevölkerungsmehrheit spürt sie leider nicht mehr. Eine Vereinigung würde dem jurassischen Volk wieder neuen Atem geben.

Der Alltag findet heute in Wirtschaftsräumen statt, die sich nicht an Kantonsgrenzen halten. Neue Grenzen im Jura würden in Ihrem persönlichen und beruflichen Leben nichts ändern. Im Berufsleben wohl nicht. Aber es geht vor allem darum, dass die Jurassier herausfinden, wer sie sind. Der Südjura ist heute in eine germanofone Masse eingetaucht, er ist halb bernisch. Wir Jurassier haben aber eine andere Kultur als die Berner.

Ich bin hier in Moutier in der Romandie, kein Mensch spricht Deutsch. Überdies garantiert ein Sonderstatut frankofone Sonderrechte. Wo ist das Problem? Auf der Ebene der Institutionen sind wir hier in der Deutschschweiz. Hier gilt die Politik Berns. Wer wählte Philippe Perrenoud, den Regierungsrat des Südjuras? Die deutschsprachige Mehrheit des Kantons Bern. Im Südjura allein wäre er nicht gewählt worden. Diese Missachtung der jurassischen Kultur bleibt ein Problem.

Das Problem ist doch, dass der Kanton Jura zu klein und ökonomisch zu schwach ist zum Überleben. Er braucht Anschluss. Warum schliesst er sich nicht mit dem Neuenburger und Waadtländer Jura zusammen? Historisch gesehen lebt das jurassische Volk im alten Bistum Basel der sechs Bezirke im Nord- und Südjura. Wenn der Kanton Jura mit Neuenburg fusioniert würde, hätte die Romandie weniger Repräsentanten im nationalen Parlament. Eine Fusion würde nichts ändern am Problem des Juras: dass die Entscheidungszentrale zu weit entfernt ist vom Volk. Wir wollen regionale Selbstbestimmung. Wenn wir von neuen Kantonsgrenzen reden, reden wir aber nicht von unüberwindbaren Mauern.

Hoffen Sie nach dem AIJ-Bericht auf eine baldige Volksabstimmung über den Jura? Das ist unser Ziel.

Wird der Berner Jura anders als 1979 für eine Vereinigung mit dem Norden stimmen? Wenn man morgen abstimmen würde: nein. Man muss die Vorschläge der AIJ diskutieren, damit sie sich in den Köpfen festsetzen. Das Projekt eines grösseren Kantons hat finanzielle und politische Folgen, es muss sorgfältig vorbereitet werden.

Wenn der Südjura die Vereinigung wieder ablehnt, respektieren die Béliers diesen Entscheid? Dann würden wir dafür kämpfen, dass Gemeinde für Gemeinde abgestimmt würde. Wenn etwa das heute autonomistische Moutier für den Übertritt wäre, würde ihm wohl der ganze Bezirk Moutier folgen. Und so könnte es weitergehen, bis der Südjura Geschichte wäre.

Ein schöner Traum. Statt aufzugeben, würden Sie lieber weiter für das Unmögliche kämpfen? Tun wir das nicht schon heute?

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch