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«Solche Kuhställe darf es nicht mehr geben»

78 Kälber, Rinder und Kühe haben im Stall von Bauer Thomas Tiefenbach dahinvegetiert. Mireille Meylan, Spezialistin für Wiederkäuermedizin an der Vetsuisse-Fakultät Bern, zum Gesundheitszustand und dem Leiden der Tiere.

Sie können nicht sprechen, können nicht sagen, was ihnen fehlte und konnten dem Elend nicht entrinnen: die 78 Kälber, Rinder und Kühe im Stall von Bauer Thomas Tiefenbach in Studen. Vergangene Woche liess die Polizei den Stall räumen (wir berichteten). Welche gesundheitlichen Probleme quälten die Tiere? Worunter haben sie gelitten? Und wie gross waren ihre Schmerzen? Diesen und weiteren Fragen geht Mireille Meylan, stellvertretende Leiterin der Wiederkäuerklinik der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern, auf Anfrage dieser Zeitung nach. Seit zwölf Jahren arbeitet sie am Tierspital in Bern, und ihr Spezialgebiet ist die Wiederkäuermedizin.Der Bauer kennt seine Tiere«Ein Bauer kennt seine Tiere», ist Meylan überzeugt, «er sieht sofort, wenn etwas mit ihnen nicht in Ordnung ist.» Auch wenn sich die Intensität und die Art des Schmerzes nicht genau beschreiben lassen, so deuten gemäss Meylan einige Merkmale darauf hin, dass eine Kuh erkrankt ist oder dass sie leidet. Das Tier atme schneller, nehme eine angespannte Haltung ein, blicke ängstlich umher und mache einen gestressten Eindruck.Klauen regelmässig pflegenEin Indiz dafür, dass die Tiere schlecht gepflegt wurden, sind die ausgewachsenen und verformten Klauen. Eine Kuh mit derartigen Klauen stehe ungern auf, bewege sich kaum und bleibe die meiste Zeit liegen, so die Expertin. Ein sperriger Gang weise ebenfalls auf die Probleme hin. «Eine Klaue benötigt mehrere Monate, bis sie so gross wird.»Die Folge ist eine abnormale Stellung des Fusses, was sich wiederum auf Gelenke und Sehnen des Tieres auswirke. «Für die Kuh fühlen sich solche Klauen an, wie wenn wir Menschen viel zu enge Schuhe tragen», beschreibt sie das Leiden. «Klauen müssen deshalb regelmässig gepflegt werden, das ist Pflicht.»Ein BakterienherdAuch der knietief liegen gebliebene Mist im Stall löst bei Meylan Kopfschütteln aus. Durch die Nässe könne sich die Haut viel schneller verletzen , und Bakterien verursachten Entzündungen der Unterhaut. «Diese sind für die Tiere sehr schmerzhaft.» Mist und Schlamm hielten sie davon ab, sich auf den Boden zu legen und sich auszuruhen. «Auch wir Menschen liegen nicht gerne im stinkenden Schlamm.» Milch fürs GülllochLegt sich eine Kuh dennoch hin, erhöht sich das Risiko einer Euterentzündung. «Die durch Bakterien verdreckte Milch darf nicht mehr konsumiert werden», erklärt Meylan. Auch wegen der anschliessend zwingend notwendigen Behandlung mit Antibiotika sei die Milch ungeniessbar. «Diese muss in den Abfluss oder ins Güllloch geschüttet werden.» Wie die Spezialistin erklärt, birgt der verschlammte, nasse Boden noch mehr Gefahren. Rutschen die Tiere beim Aufstehen aus, können sie sich schwer verletzen. Meldung erstatten Liege eine Kuh, wie im Fall von Studen, gar am Boden fest, dann müsse sie zwingend vom Tierarzt untersucht werden. «Es gibt viele Ursachen dafür, dass eine Kuh nicht mehr aufstehen kann. Das muss genau abgeklärt werden.» Unerlässlich ist gemäss Meylan auch, dass ein Tierarzt solche Zustände unverzüglich den Behörden meldet, wenn er davon Kenntnis hat. «Der Zustand im Stall ist schrecklich», sagt Meylan, als sie die Bilder der Kantonspolizei Bern sieht. «Solche Ställe darf es einfach nicht mehr geben.»

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