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Bauern mussten Pferde abgeben

Als 1939 in Europa der Krieg ausbrach, war der Zweisimmer Martin Augsburger erst 20 Jahre alt. Zusammen mit seiner Kompanie war er in der ganzen Schweiz unterwegs, um die Grenzen zu sichern. Die Zeit als Soldat hat ihn geprägt.

Er lebt mit seinen Erinnerungen: Martin Augsburger beim Betrachten der Fotos aus dem Jahr 1939.
Er lebt mit seinen Erinnerungen: Martin Augsburger beim Betrachten der Fotos aus dem Jahr 1939.
Sarah Fogal

Es war ein Befehl: Alle Bauern aus Zweisimmen und Umgebung – auch jene der umliegenden Alpweiden – mussten bei Kriegsausbruch am 1. September 1939 ihre Pferde ins Dorf führen. Auf dem Parkplatz vor der heutigen Sekundarschule wurden sie versammelt, um für den Kriegsdienst eingesetzt zu werden. «Dies war mein erster sehr prägender Eindruck zum Krieg», erinnert sich der 89-jährige Martin Augsburger. Der Zweisimmer mit Jahrgang 1920 war damals junge 20 Jahre alt und würde kurze Zeit später als Feldartillerist für den Schweizer Militärdienst aufgeboten werden. «Für die Bauern war der Verlust ihrer Pferde – damals ein sehr wichtiges Arbeitsinstrument – besonders schlimm», erinnert sich Augsburger. Das ganze Dorf sei in Aufregung gewesen: «Alle waren sehr angespannt. Wir wussten, dass der Krieg kommen würde.»Martin Augsburger war früher viel unterwegs. Als Reiseleiter zwischen 1954 und 1979 hat er vor allem deutschen Touristen das Oberland gezeigt. «Insgesamt habe ich 31000 Gäste betreut», erzählt Augsburger. Unterwegs war er sowohl im Obersimmental wie auch im Jungfraugebiet. Heute ist der ehemalige Uhrenmacher und Bijoutier nicht mehr gut auf den Beinen und geniesst Besuche in seiner Wohnung oberhalb des Cat-Color Bijou Ladens an der Zweisimmer Bahnhofstrasse. «Die Zeit vergeht nur sehr langsam, seit meine Frau Nelly gestorben ist», sagt Martin Augsburger.Augsburger’s Körper mag zwar müde sein, sein Geist ist aber fit. Mit viel Präzision und Lust erzählt er von seinen Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges. Noch kurz vorher, zwischen Februar und Juni 1939, durchlief er die Rekrutenschule. «Zu diesen Zeitpunkt war alles noch normal», erinnert sich der Oberländer Zeitzeuge. Nach besagtem 1. September begann Augsburgers Reise als Feldartillerist der Abteilung 23 quer durch die Schweiz. Die Grenzen gesichert Ausgebildet wurde er zwischen Frauenfeld und Bière, danach ging die Reise weiter nach Brugg (Aargau), Langnau, Luzern, Schaffhausen und in den Jura, wo er mit seiner Kompanie Kommandoposten baute und damit die Zugänge zur Schweiz sicherte. «Unsere Aufgabe bestand darin, die Grenzen 24 Stunden pro Tag zu beobachten», so Augsburger. Zu direkten Kontakten mit deutschen oder alliierten Soldaten kam es nie, doch der Zweisimmer erinnert sich an die «unguten Gefühle, wenn sich ausländische Soldaten der Schweizer Grenze näherten.» Die Schweiz sei im Kreuzfeuer der Alliierten und der Achsenmächte gestanden. «In der Schweiz gab es viele, die mit Hitler sympathisierten, auch im Oberland», sagt der 89-Jährige Zweisimmer Zeitzeuge rückblickend kritisch. 1944 in Schaffhausen Insgesamt war Martin Augsburger fast zwei Jahre im Dienst der Schweizer Armee, verdient hat er 80 Rappen pro Tag. Bestimmte Kriegserlebnisse haben ihn besonders geprägt und sind in starker Erinnerung geblieben: «Ich weiss noch, als wir 1940 in Marchérue, im Jura, einen abgeschossenen deutschen Flieger fanden.» Als wäre es gestern gewesen erinnert sich der ehemalige Soldat auch an die Bombardierung von Schaffhausen. «Es war am 1. April 1944, sieben Minuten vor 11 Uhr. Ich sass mit einem Kollegen auf einem Hausdach, als rund 50 Meter von uns entfernt eine Bombe einschlug.» An besagtem Tag um 10.55 Uhr lies eine Staffel von 24 amerikanischen Bombern ihre tödliche Last auf die Stadt und die Umgebung fallen. In rund 30 Sekunden trafen 371 Brand- und Sprengbomben Fabriken, Wohnhäuser und Geleise und töteten 49 Menschen. Die Angreifer hatten Schaffhausen im deutschen Gebiet gewähnt.Martin Augsburger verspürte grosse Angst, hatte aber nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, war er sich seiner Rolle als Soldat doch auch in dieser Situation bewusst. «Ich wurde kurze Zeit später zum Aufräumen aufgeboten.» Das Leben jener Zuhause An das Leben der Bürger in Zweisimmen erinnert sich Augsburger aus den vielen Gesprächen, die er während seinem Frontdienst mit seiner Frau Nelly und seiner Mutter hatte. «Viele wurden im Landdienst eingesetzt, also in den Bereichen Landwirtschaft und auch in der Industrie.» Seine Frau sei als Serviertochter gebraucht worden – «ein Missbrauch», wie sich Augsburger noch heute darüber ärgert. Nelly war wie er Goldschmiedin. Hunger hätten sie zum Glück nie leiden müssen. «Wir hatten einen grossen Garten, wo wir allerlei Gemüse anbauten.»Leben mit Erinnerungen 70 Jahre und viele Erlebnisse später bezeichnet Martin Augsburger in seiner Zweisimmer Wohnung die Zeit als Schweizer Soldat im Zweiten Weltkrieg als «eine spannende Zeit». Noch bis vor kurzem hat er sich jährlich mit Mitgliedern seiner ehemaligen Einheit getroffen, heute fällt ihm das Gehen so schwer, dass er schweren Herzens auf eine Teilnahme verzichten muss: «Jetzt lebe ich mit meinen Erinnerungen und den zahlreichen Fotografien, die mir aus der Zeit zwischen 1939 und 1945 geblieben sind.» Doch nur noch rumsitzen will er nicht: Martin Augsburger macht deshalb bald eine Kreuzfahrt.

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