Zum Hauptinhalt springen

Dunkle Sehnsüchte in Pink

Stotternde Tänzer, tote Cheerleader und eine flüsternde Beatboxerin: Der Ballettabend «Auf ein Wort» ist zwar vielfältig, doch keine der vier Uraufführungen kann restlos überzeugen. Dies gelingt einzig dem Tanzensemble.

Die Vorgaben waren für alle gleich: Verbindet Text mit Bewegung. Das Resultat ist so vielseitig und einfallsreich ausgefallen, dass der Ballettabend «Auf ein Wort» fast für jeden Geschmack etwas zu bieten hat. Allerdings haben alle vier Uraufführungen auch ihre Tücken. Diktat der Worte Der Abend beginnt verhalten. Zu einem kratzenden Klangteppich wiegen sich vier Körper im Zeitlupentempo, als baumelten sie einsam im Wind. Dann fängt einer hektisch zu zappeln an, und die Stimmung schlägt in ungelenke Aggression um. Die in der Schweiz lebende Französin Corinne Rochet setzt sich in «Des fois, je Comment dire» mit der Schwierigkeit auseinander, in Beziehungen die richtigen Worte zu finden. Leider wirkt ihr Bewegungsvokabular gerade in den Paarszenen austauschbar. Das Ringen um den richtigen Ausdruck wird am ehesten in jenen Momenten fassbar, als sich die Tänzer so lange winden und verrenken, bis sie stotternd ein Wort «gebären». Anders beim französischen Choreografen Medhi Walerski: Der 31-Jährige macht erst gar keinen Hehl daraus, dass ihm die Worte fehlen. «Words Failed Me» heisst denn auch seine abstrakte, dynamische Choreografie. Ironischerweise muss sich hier eine anonyme Masse dem Diktat seiner Worte beugen. So wiederholt eine Stimme aus dem Off etwa den Satz «Hi, das bin nur ich, ich bin hier» – und die Ensemblemitglieder setzen Inhalt, Rhythmus und Schwingung des Textes in Bewegung um. Mal wirken sie dabei wie getriebene Anstaltsinsassen, mal entziehen sie sich ihrem Hetzer mit ironischen Einlagen. Dann wiederum scheint jeder für sich die Gemütslage der mächtigen Stimme auszuloten – wie ein Puzzlestück einer komplexen Identität. Die Atmosphäre pendelt zwischen Verzauberung und Beklemmung, was dem Stück einen beinahe hypnotischen Sog verleiht. Doch der Wow-Effekt bleibt auch hier aus. Battle auf der Bühne Bei Ballettchefin Cathy Marston steht die Sprache im Vordergrund. In «And Our Faces Vanish Like Water» liefern sich die Berner Rapperin Steff la Cheffe und die Sopranistin Mélanie Adami auf der Bühne ein rhythmisches Battle – mit Geflüster, Gesang und Beatbox. Leider ist Marstons Choreografie, eine beliebige Mischung aus klassischen und modernen Elementen, im Vergleich zu den klingenden Sprachgewittern der beiden Frauen so schwach, dass sie über weite Teile zur Staffage verkommt. Schade, denn die Idee, Musikerinnen in das Stück einzubinden, hätte einiges Potenzial. Auch in «Crimes of Passion» des englischen Choreografen Mark Bruce ist der Tanz eine reine Illustration von mehreren Songs, doch im Gegensatz zu Marston setzt er geschickt auf Effekte. Hier wähnt man sich in einer burlesken Parallelwelt, wo Sehnsüchte, Erotik und Klamauk nahtlos ineinandergreifen. So geben sich Mann und Frau einem lasziven Pas de deux hin, derweil um sie herum ein lustiges Trüppchen im Kreis hüpft. Danach sägt ein Magier seinen blonden Vamp unsanft entzwei, und später werden ein paar nervige Cheerleader kurzerhand erschossen. Ein fulminantes Schlussbouquet, allerdings ohne erkennbaren Tiefgang. So bleiben die Einzigen, die an diesem Abend restlos überzeugen, die Tänzerinnen und Tänzer. Das Berner Ensemble zeigt sich wandelbar und einmal mehr auf der Höhe seiner Kunst. Lucie MachacVorstellungen: bis 19.März, 19.30 Uhr, Vidmarhallen, Köniz. www.bernbillett.ch. >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch