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Ein feuchtes Brandmal

Ich habe immer geahnt, dass das Schicksal mich eines Tages für meine Angeberei brandmarken würde. Zwar wusste ich nicht wie, wann, wo und in welcher Form das geschehen wird – aber ich wusste es. Nun, letzte Woche ist es passiert. Das Schicksal hat mir unwiderruflich unauslöschlich ein Stigma eingebrannt. Dass bei diesem Unglück ein Bügeleisen die Hauptrolle und ich nur den schlecht aussehenden Statisten spielen würde, hätte ich mir nicht in den fiebrigsten Kinderträumen erdenken können. Bügeleisen? «Denken Sie nicht zu weit», sagen die Klugen, «denken Sie nicht zu nah», sage ich Ihnen. Ich bügle meine Wäsche nämlich nie (selbst). Aber das ist es ja gerade eben, was den Wahnsinn so wahnsinnig macht, so unangezogen und nackt (der Berner sagt hierfür «dr füdleblut Wahnsinn»): Ein paar Sekunden, ein Bügeleisen, ein Statist, die Bühne und ein ahnungsloser Helfer genügen der Regisseurin Schicksal, um mich in ihrer gemeinen Inszenierung aussehen zu lassen wie eine doof-servile Marionette, die armselig an den Drähten ihrer Finger hampelt. Irgendjemand wollte mich offensichtlich vor mir selbst blossstellen. Leider ist das gar nicht so eine schlechte Idee: Die arglos Leichtlebigen wie ich lernen dann am schnellsten, wenn sie mal ordentlich eins ausgewischt bekommen. Als Bühne hat sich das Schicksal mein Badezimmer ausgesucht. Dort stand ich schäbiger Statist jüngst nämlich unter dem warmen Wasser und ahnte nichts Böses (Anmerkung: Bevor ich weiter erzähle, lehnen Sie sich doch bitte zurück und machen Sie es sich für das kleine gemeine Puppenspiel gemütlich. Ihre voreiligen Gedanken zum Ausgang des Spiels – ‹der unbeholfene Bub verbrennt sich bestimmt die Hand am Bügeleisen› – können Sie spätestens jetzt getrost verwerfen.) Aber jetzt lesen Sie selbst: Der Statist steht allein unter der Dusche. Er geniesst den wohltuenden, heisswarmen Wasserfall auf seinem Rücken. Plötzlich zuckt er zusammen. Das Wasser hat von heiss auf eiskalt gewechselt. Der Statist reagiert verdattert aber geistesgegenwärtig und dreht den Temperaturregler auf ganz heiss. Da zuckt er wieder zusammen, diesmal wie ein verstörtes Tier. Mit schmerzverzerrtem Gesicht schreit er. Warum? Das Wasser hat seine Temperatur innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde erneut umgestellt – von eiskalt auf noch viel heisser als heiss. Interpretation des Spiels: Wasser ist per se nicht launisch. Die Mutter hat im Zimmer nebenan das Bügeleisen in Betrieb genommen. Moral von der Geschichte: Heimliche Warmduscher, die in der Öffentlichkeit unablässig den harten Burschen markieren, werden in den eigenen vier Wänden irgendwann eiskalt feuerheiss geduscht, und zwar so, dass ihnen das feuchte Brandmal ihr Leben eine Lehre sein wird.dino.dalfarra@>

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