Ein Haus nach dem anderen brannte lichterloh

Grindelwald

Am 18. August 1892, heute vor 125 Jahren, brannten in Grindelwald 116 Gebäude ab. Über 400 Einheimische wurden auf einen Schlag obdachlos. Lokalhistoriker Peter Bernet hat den schwarzen Tag aufgearbeitet.

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Der weitherum bekannte Grindelwalder Grossrat und Bärenwirt Fritz Boss befand sich gerade auf einem Rundgang um sein Hotel. Es war am 18. August 1892, 15 Uhr nachmittags an einem Donnerstag. Ein heftiger Föhnsturm tobte, es hatte seit Wochen nicht mehr geregnet, und es herrschte eine Hitze, wie man das noch selten erlebt hatte.

Da entdeckte er Rauch auf dem Dach. Nun ging alles rasend schnell. Viel zu schnell, um noch eingreifen zu können. Der Gasthof Bären war ein vierstöckiger, hölzerner Gebäudekomplex, und Teile waren mit Holzschindeln gedeckt. Binnen kürzester Zeit stand das Hotel in Flammen, ebenso die Häuser der Umgebung mit einer Bäckerei und der Wirtschaft Helvetia von Bierbrauer Horn.

Auch die englische Kapelle neben dem Hotel brannte lichterloh. Im Turm hing die kleine Glocke der Petronellakapelle, einem sagenumwobenen einstigen Wallfahrtsort am Unteren Gletscher, Grindelwalds wertvollstem Altertum. Sie schmolz. Ein wuchtiger Feuerorkan entwickelte sich mit einer Glutwolke, die im Föhnsturm talauswärts trieb. Ein Haus nach dem anderen ging in Flammen auf. Nur vereinzelte wurden übersprungen, wie das Haus der Bergführerfamilie Jossi zu Truffersbrunnen. Die Häuser waren fast ausnahmslos mit Schindeln gedeckt, klingeldürr nach den heissen Wochen, und die Scheunen voll Heu. Sogar Schweifelzäune gerieten in Brand.

Es ging alles so rasch, dass bald Scheunen oberhalb der Schwendi am Wagisbach brannten, gute 45 Minuten Fussmarsch vom Dorfzentrum entfernt. Die Häuser im Tal unten blieben aber verschont, ebenso die Bauten hinder Itramen und Wärgistal. Sogar das nahe dem Brandherd stehende Haus Bernet-Jossi, heute Bazar Brunner, und von dort an alle Häuser und Hotels dorfeinwärts waren nicht betroffen. Der Föhn wirkte in der anderen Richtung. Das Flammenmeer breitete sich talauswärts in Richtung Bussalp aus.

Wasserkübel von Hand zu Hand

250 Gäste wohnten zu jener Zeit im Hotel, und die meisten waren auf Ausflügen unterwegs. Die Männer der Feuerwehr waren in den Vorsassen am Heuen oder auf der Alp beschäftigt. Oder sie trugen Gäste auf Tragstühlen auf das Faulhorn oder zum Gasthaus auf der Bäregg. Eine grosse Dorfsaugspritze und zehn kleine Spritzen der Bergschaften ringsum wären wohl vorhanden gewesen, ebenso Leitern und Feuerhaken (ein solcher ist heute noch an der Aussenwand der Raiffeisenbank zu sehen), aber es fehlte das Personal dazu.

Ein Bergführer kam gerade von der Bäregg herunter und musste von dort zusehen, wie sein Haus im Tal unten in Flammen aufging. Kinder, allein zu Hause, konnten sich wohl retten, mussten dann aber verzweifelt erleben, wie ihr Heim vor ihren Augen niederbrannte. Von der Lütschine herauf wurde eine Menschenschlange gebildet, die Wasserkübel von Hand zu Hand reichte. Eine wohlmeinende, aber hilflose Aktion, über die sich einige nachher lustig machten. Es seien Engländer und hübsche Engländerinnen dabei gewesen sowie Hunderte junge Südländer, wird später berichtet. Gegen achthundert italienische Bauarbeiter waren zu dieser Zeit in Grindelwald Grund stationiert, um die Wengernalpbahn auf die Kleine Scheidegg zu bauen.

Hilfe von Brienz und aus dem Hasli

Innert zwei Stunden waren im Grindelwaldtal 116 Gebäude zerstört und 412 Einwohner obdachlos. Die Gebäudeversicherungen waren ungenügend, weil sie nicht obligatorisch waren. Opfer der Flammen wurde auch das neue Winterhotel, nach Davos eines der ersten in der Schweiz und 1888 die Geburtsstätte des Wintertourismus im Berner Oberland: ein heizbares dreistöckiges Mansardenhotel. Immerhin gelang es gerade noch, 60 wertvolle Reit- und Kutschenpferde in Sicherheit zu bringen, den Stolz der Familie Boss.

Früher war es Brauch, einander in Notlagen zu helfen, auch über die Gemeindegrenzen hinweg. So waren alle Feuerwehren aus den Lütschinentälern bald zur Stelle, ebenso aus dem Bödeli. Interlaken kam mit zwei Spritzen und dem ­Sicherheits- und Rettungskorps. Die Feuerwehr Wilderswil mit ihrer Feuerspritze blieb mehrere Tage, um schwelende Mottfeuer zu löschen. Sogar von Brienz kam Hilfe und aus dem Hasli erfahrene Meiringer Feuerwehrleute. Ihr eigenes Dorf war ein Jahr zuvor ab­gebrannt.

Vom Waffenplatz Thun wurde eine Abteilung einer Artillerierekrutenschule nach Grindelwald befohlen. Dann erfuhr man Unglaubliches aus dem Simmental: St. Stephan war zur gleichen Zeit auch in einer Feuersbrunst abgebrannt. Wochen später gaben Vereine der Stadt Bern zugunsten der Brandgeschädigten in Grindelwald und St. Stephan Wohltätigkeitskonzerte.

Nach dem Brand fing eine neue Zeit an

Nach dem Brand des Hotels Bär trat der 77-jährige Johann Boss die Grundstücke mit den abgebrannten Bauten seinem 45-jährigen Sohn Fritz Boss ab, «auf Rechnung zukünftiger Erbschaft». Schon ein Jahr später entstand das Grand Hotel Bear, in städtischer Bauweise massiv gebaut, mit 350 Betten, grosszügigen Gesellschaftsräumen und über hundert Angestellten. Es wurde 1894 eröffnet.

Nach der Dorfkatastrophe fing in Grindelwald eine neue Zeit an: weg von den Dorfbrunnen hin zu einer Wasserversorgung mit Hydranten. Auch weg vom malerischen Türmchengasthof Bär für reiche Einzelfamilien hin zum Grand Hotel Bear mit grossen Gesellschaftsräumen und vielen Arbeitsplätzen für die Talbevölkerung. Das Hotel war auch im Winter geöffnet und wurde zu einem beliebten «Engländerhotel».

Sogleich wurden aus der Brandkatastrophe die Lehren gezogen: Die Feuerwehr Grindelwald wurde neu organisiert, zudem baute man im ganzen Tal verstreut weitere Feuerweiher als Wasserreserven. Kein Mensch war nach dem Vorgefallenen dagegen. Bald darauf erhielt die Dorfkirche eine neue Glocke zum Gedenken an die Katastrophe. Sie wird heute noch benutzt.

Heute um 15 Uhr,am Tag und in der Stunde des Brandausbruchs vor 125 Jahren, wird in der Kirche Grindelwald eine Erinnerungsglocke läuten. Anschliessend wird von der Heimatvereinigung im Grindelwald-Museum des Ereignisses kurz gedacht.

Berner Zeitung

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