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Ein Urteil – und viele offene Fragen

Mitte Juni 2009 verlor der 13-jährige Beat Zumkehr aus Frutigen bei einem Alpaufzug auf tragische Weise sein Leben. Er war beim Treiben von einem Lieferwagen angefahren worden. Die Eltern sagen, was Fakt ist – und was ungeklärt.

«Är het sig gfröit uf ds Zügle a Giesene, uf d’Chüe u d’Gloggi» Diese Worte wählten Brigitte und Martin Zumkehr für etwas, das Eltern gar nie sollten formulieren müssen. Das Ehepaar aus Reinisch schrieb dies im Leidzirkular von Beat, dem ältesten seiner drei geliebten Buben. Der Siebtklässler der Oberstufenschule Frutigen war am 13. Juni letzten Jahres durch einen tragischen Verkehrsunfall aus seinem blühenden Leben gerissen worden. Das Hoffen auf ein Licht «Nach dem Unfall ging ein Ruck durchs ganze Tal», sagt Brigitte Zumkehr. Sie erinnert sich an das, was nie hätte passieren sollen – passieren dürfen. Den Eltern fällt es schwer, über das Leid zu sprechen, das so unvermittelt über ihre Familie hereingebrochen ist. Der Schmerz, ohne Vorwarnung und Grund ein Kind zu verlieren, sei nicht fassbar – schon gar nicht in Worten. Die Solidarität und Anteilnahme seien gross gewesen. «Dies zu spüren, das war schön.» Sie fügt aber sogleich an, dass man den Schmerz selber ertragen müsse – «und darauf hoffen, am Ende des schwarzen Tunnels wieder einmal ein Licht zu sehen». Das, was ihrer Familie jäh das Licht raubte, ereignete sich an jenem Samstag in der Morgendämmerung. Die «Züglete» aus Frutigen war mit rund 50 Stück Vieh, Kühen und «Guschti», auf die Alp Giesenen ob Blausee-Mitholz unterwegs. Seit Jahren schon durfte Beat beim Alpaufzug als Treiberjunge mithelfen. «Mitbuure», das tat er mit seinen Brüdern auf dem Hof seines Onkels oft – und mit viel Freude. Die Viehherde befand sich kurz nach halb fünf Uhr im Kandergrunder Bunderholz, auf einer übersichtlichen Ausserortsstrecke der Hauptstrasse, als von Frutigen her ein blauer Lieferwagen nahte. Der Kurierfahrer reagierte viel zu spät. Er prallte heftig in die Herde, erfasste auch Beat und schleuderte ihn weg. Nach der medizinischen Erstversorgung am Unfallort wurde der schwer verletzte Junge mit einem Rega-Helikopter ins Spital geflogen. Dort konnten die Ärzte sein junges Leben nicht mehr retten. Die Bremsspur im Bunderholz zog sich über 40 Meter weit. Messungen der Polizei ergaben später, dass der Wagen mit nahezu 100 Stundenkilometern in Richtung Kandersteg gefahren war. Erlaubt sind dort deren 80. Fakten kontra Fragen Gross war und ist die Informationsbegierde der Leute, die vom Unfall erfahren haben. «Wie ist der Stand des Verfahrens? Was passiert mit dem Fahrer? Wurde ihm der Ausweis entzogen? Unternehmt ihr nichts?» Mit solchen Fragen sehen sich die Eltern seit bald einem Jahr konfrontiert. Es sind Fragen, die Kraft rauben – Fragen, die belasten – Fragen, die schmerzen. Auch deshalb sollten die bekannten Fakten in der Zeitung publiziert werden, begründet die Mutter am Tisch in der Kanzlei des Thuner Rechtsanwalts Jürg Friedli. Dass Zumkehrs einen Anwalt haben, hat seinen Grund. Ohne Rechtsbeistand wäre es schwierig, sich in den verschiedenen Verfahren zurecht zu finden und Auskunft zu erhalten. Der Beizug eines Anwalts erfolgte auf Anraten der Opferberatungsstelle. Eine Beteiligung im Strafverfahren empfehle er in der Regel nur dann, wenn die Verschuldensfrage umstritten sei. Da die zuständige Motorfahrzeugversicherung die Haftung anerkannt habe, und eine Verurteilung von Amtes wegen erfolgen musste, sei auf eine Beteiligung im Strafverfahren verzichtet worden, erklärt der Thuner Anwalt. Heute liegt ein rechtsgültiges Urteil gegen den Fahrer des Lieferwagens vor. Der Schweizer, er ist Ende zwanzig und aus der Region Bern, wurde in vier Punkten schuldig gesprochen: der fahrlässigen Tötung; des Führens eines Fahrzeuges in nichtbetriebssicherem Zustand; des Nichtbeherrschens des Fahrzeuges; des Überschreitens der gesetzlichen Höchstgeschwindigkeit um 16 km/h. Er wurde verurteilt: zu einer bedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten bei einer Probezeit von drei Jahren; zu einer Verbindungsbusse von 1000 Franken; zu einer Busse von 700 Franken; zu den Verfahrenskosten von 5879 Franken. «Eine Strafe, die ‹richtig› ist, gibt es nicht. Diese brächte uns Beat auch nicht zurück», sagt seine Mutter. Für wie lange und ab wann dem Unfallverursacher der Ausweis entzogen worden ist, wissen die Eltern nicht. «Die Frage des Ausweisentzuges ist nicht Gegenstand des Strafverfahrens. Diese wird im Verfahren vor dem Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt geklärt. In diesem Verfahren können sich die Geschädigten nicht beteiligen», erläutert der Anwalt der Eltern. Ein Rätsel bleibt Für Brigitte und Martin Zumkehr bleiben nach dem Strafprozess Fragen offen – und dürften es bleiben. Insbesondere die der Unfallursache. «Die Strasse war voller Kuhdreck. Es war kaum möglich, die ‹Züglete› nicht zu bemerken. Zudem trugen wir Leuchtwesten und hatten auch eine Lampe nach hinten gerichtet», erklärt Martin Zumkehr. Trotzdem hielt der Unfallverursacher gegenüber dem Richter lapidar fest, er wisse nicht, warum er den Alpaufzug nicht gesehen habe. Bis kurze Zeit vor der verhängnisvollen Kollision fuhr gar noch ein PW mit eingeschalteten Warnblinkern hinter dem Alpaufzug her. Weil man überzeugt, war, dass der Alpaufzug im Bereich der übersichtlichen Strecke, wo sich schliesslich der Unfall ereignete, problemlos erkannt werden konnte, überholte der PW die «Züglete», um Verpflegung zu holen. Unverständlich ist für den Vater, der mit Beat den Alpaufzug begleitet hatte, auch, dass es die Beifahrerin, die er und mehrere Anwesende nach der Kollision aus dem Fahrzeug haben aussteigen sehen, nach den Aussagen des Unfallverursachers nicht gegeben haben soll. Für die Eltern passt das Aussageverhalten des Fahrers auch zum Umstand, dass er sich bei ihnen bis heute nie in irgend einer Form gemeldet hat. «Auch wenn es für alle Beteiligten schwierig gewesen wäre, hätte es geholfen, wenn er sich früher gemeldet hätte», ist Brigitte Zumkehr überzeugt. Das Unfassbare wäre für sie besser fassbar geworden, «wenn der Fahrer erklärt hätte, weshalb er nicht auf die Strasse geschaut hat. Das weiss nur er». «Man fühlt sich klein» «Ich hatte lange Zeit damit zu kämpfen, dass einem die Hände gebunden sind, dass man nicht kämpfen kann.» Und werde man fremdbestimmt, dann fühle man sich klein. Als Beispiel nennt die Mutter, wie Beat in die Rechtsmedizin überführt werden sollte, wogegen sie sich vehement gewehrt hat. «Das sei nach Unfällen aus versicherungstechnischen Gründen einfach so, hat die Antwort gelautet.» Solches habe zu Trauer und Schmerz eine grosse Ohnmacht ausgelöst. Ende September letzten Jahres wäre Beat Zumkehr 14 Jahre jung geworden. Mit Tränen in den Augen sagt seine Mutter: «Er hatte sich so auf die ‹Züglete› an Giesenen gefreut.» Im Leidzirkular schrieben die Eltern: «Är het ned dörfe obe acho» Jürg Spielmann >

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