Dem Vater der Solätte auf der Spur

Burgdorf

Burgdorf anno 1729: Die Stadtbibliothek wurde gegründet, die Solennität fand zum ersten Mal statt und der «Leichenraub zu Burgdorf» wurde aufgedeckt. Bei allen drei Ereignissen hatte Pfarrer Johann Rudolf Gruner seine Finger entscheidend im Spiel.

Die Burgdorfer Solätte, wie man sie heute kennt. Sie geht zurück aufs Jahr 1729 und den Pfarrer Johann Rudolf Gruner.

Die Burgdorfer Solätte, wie man sie heute kennt. Sie geht zurück aufs Jahr 1729 und den Pfarrer Johann Rudolf Gruner.

(Bild: Olaf Nörrenberg)

Philippe Müller

Es liest sich wie ein Krimi: «Der Dachdecker Daniel Osti wurde bei Arbeiten am Burgdorfer Rathaus von einem Balken so unglücklich getroffen, dass er tot zusammenbrach. In der Nacht wurde sein Leichnam heimlich aus dem Sarg entfernt und durch Stecken und Steine ersetzt.»

Diese Schilderung des Todesfalls mit besonderen Umständen aus dem Jahr 1729 findet sich im Burgdorfer Jahrbuch von 2014. Die Episode hat auch als «Leichenraub zu Burgdorf» Eingang in die Geschichtsbücher gefunden. Sie ist eng verbunden mit dem damaligen Pfarrer Johann Rudolf Gruner. Dieser amtete ab 1725 als Pfarrer in der Stadtkirche Burgdorf. Und er gilt als der Entdecker dieser frevlerischen und aus Gruners Sicht gotteslästerlichen Tat.

Er fand heraus, dass der Arzt und Chirurg Johannes Kupferschmid hinter dem Leichenraub stand und den toten Körper des Dachdeckers aus anatomischem Interesse seziert hatte. Pfarrer Gruner machte das Verbrechen publik, woraufhin der Berner Rat Kupferschmid zu einer Geldbusse verurteilte. Diese wurde ihm später jedoch erlassen.

So aufsehenerregend der Leichenraub damals auch gewesen sein mag: Johann Rudolf Gruner verdankt es nicht der Aufdeckung dieser Tat, dass in Burgdorf mittlerweile eine Strasse nach ihm benannt worden ist. Vielmehr soll die Grunerstrasse, die unter anderem am Schlossmattschulhaus vorbeiführt, an die kulturellen Errungenschaften erinnern, die die Stadt Pfarrer Gruner zu verdanken hat.

Interessiert an der Kultur...

In erster Linie denkt man an Pfarrer Gruner, wenn von der Solennität Burgdorf die Rede ist. Denn er, der von Bern abgesandte Geistliche, ist der Vater der Solätte. 1729 – also im selben Jahr, in dem er den Leichenraub aufdeckte – fand das heutige Blumenfest zum ersten Mal statt.

Der Burgdorfer Chronist Johann Rudolf Aeschlimann hielt dazu Folgendes fest: «Das von Pfr. Gruner vorgeschlagene Project, die bisherige Osterfreude der Kinder in eine Solennität umzuschaffen, wurde genehmigt. Die erste wurde den 10.Mai, nach Art zu Bern, gehalten. Gewöhnlich hält ein Student der Theologie von Burgdorf auf der kleinen Kanzel eine Rede, vor- und nachher ertönt schöne Musik. Nach Austeilung der Prämien hält ein kleinerer Schüler eine Abdankung. Nachmittags ist gewöhnlich militärischer Umzug.» Chronist Aeschlimanns Zeilen sind nachzulesen im Essay «250 Jahre Stadtbibliothek Burgdorf 1729–1979».

Wie es der Name des Aufsatzes sagt, geht es im selben Text auch um die Gründung der Stadtbibliothek. Und auch hier hatte Pfarrer Gruner seine Finger entscheidend mit im Spiel, wie aus der Schrift ersichtlich ist: «Das Bedürfnis einer Sammlung von Büchern, Altertümern, naturwissenschaftlichen Gegenständen etc. zu öffentlichem Gebrauche erwachte endlich auch in Burgdorf.

Unter dem Namen einer Bibliothek wurde eine solche in diesem Jahre begründet. Der Magistrat gewährte dazu einen Platz nebst den nötigen Regalen. Der bei der Einrichtung derselben sehr tätige Pfarrer Gruner war einer der ersten Donatoren und empfahl dieselbe allen seinen und sonstigen Freunden der Wissenschaft.» Fast schon als selbstverständlich mutet es an, dass die Gründung der Stadtbibliothek ebenfalls in diesem so ereignisreichen Jahr 1729 erfolgte.

Die hier geschilderten Taten, durch die er in Burgdorf nachhaltige Spuren hinterlassen hat, sind das eine. Bekannt ist des Weiteren, dass Johann Rudolf Gruner, der 1680 in Bern zur Welt gekommen war, einer regimentsfähigen Berner Familie angehörte, die ihre Wurzeln im sächsischen Zwickau hatte. Nach seinem Theologiestudium predigte Gruner ab 1707 in Trachselwald, bevor er 1725 nach Burgdorf kam und 1744 zum Dekan des Kapitels Burgdorf ernannt wurde, das mehr als 20 Kirchgemeinden umfasste. Der Pfarrer war auch ein Sammler. Sein Augenmerk galt Münzen, Medaillen und antiken Gegenständen.

...und am Tod

Auch das Schreiben gehörte zu des Pfarrers Leidenschaften: So verfasste er nicht weniger als 386 Bände über historische, topografische und genealogische Quellen. Gruner betätigte sich demnach bis zu einem gewissen Grad auch als Ahnen- und Familienforscher.

Interessiert war er auch an den Todesumständen seiner «Schäfchen». Das zeigt nicht nur seine Untersuchung zum Leichenraub. Auch sonst schrieb er detailgetreu nieder, wie und warum wer den Tod gefunden hatte. Nicht selten überbrachte der Pfarrer den Hinterbliebenen die Todesnachricht gleich selber, wenn er etwa herausfand, dass ein Burgdorfer im Ausland zu Tode gekommen war. Selber fand Pfarrer Johann Rudolf Gruner den Tod am 19.März 1761 im Alter von 81 Jahren. Am Ostermontag, 22.März, wurde er in Burgdorf begraben.

Quellen: «Die Totenrodel von Pfarrer Johann Rudolf Gruner», Trudi Kohler-Zimmermann, erschienen im Burgdorfer Jahrbuch 2014; «250 Jahre Stadt-Bibliothek Burgdorf 1729–1979», Doris von Ballmoos-Pauli, Heinz Fankhauser, Burgdorf 1979.

Berner Zeitung

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