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Die abtrünnigen Schäfchen

Madiswils Kirchgemeinde will nichts mehr wissen von «reformiert.»: Sie hat das Abonnement für die reformierte Zeitung gekündigt. Johannes Josi vom Herausgeberverein Saemann findet das «Gärtlidenken jammerschade».

Nur die Kirche bleibt im Dorf. Die Zeitung «reformiert» verschwindet. Auf Ende Jahr hat die Madiswiler Kirchgemeinde das Abo gekündigt.
Nur die Kirche bleibt im Dorf. Die Zeitung «reformiert» verschwindet. Auf Ende Jahr hat die Madiswiler Kirchgemeinde das Abo gekündigt.
Walter Pfäffli

Die Madiswiler Schäfchen scheren aus: Auf Ende des Jahres hat die Kirchgemeinde die neue Zeitung «reformiert.» abbestellt. So steht es in einer Mitteilung aus der Dorfzeitung «linksmähder». Wer «reformiert.» in Madiswil auch ab 2010 lesen will, muss die Zeitung selber abonnieren.

Flugblätter statt Zeitung

Was ist los – sind die Madiswiler schlechte Christen? «Nein, nein, überhaupt nicht», wehrt Kirchgemeindepräsident Hansueli Gfeller ab. Man habe den Entscheid schon vor gut zwei Jahren gefällt. Die Kündigung erfolge erst jetzt, weil die Frist so lang sei. Früher hiess «reformiert.» hier zu Lande noch «saemann». Und im Hinblick auf die Umstellung der Zeitung vor rund einem Jahr haben sich die Madiswiler für den Ausstieg entschieden.

Die Gründe sind vielfältig: «reformiert.» berichtet wie der Vorgänger «saemann» auch über Veranstaltungen der einzelnen Kirchgemeinden, die vor allem lokal interessieren. «In diesem Bereich können wir unsere Mitglieder zur Genüge selber informieren», sagt Gfeller. Man wolle nun mehr Nachrichten über den Anzeiger, die Dorfzeitung und Flugblätter verbreiten.

Für die «eigenen Schäfli»

Hinzu komme: Die lokalen Meldungen aus anderen Kirchgemeinden «interessieren bei uns eher wenig». Man müsse ja in erster Linie schauen, dass «die eigenen Schäfli» zufrieden seien. Und diese können offenbar leben mit dem Verzicht. Der Entscheid im Kirchgemeinderat gegen die Zeitung «reformiert.» sei damals jedenfalls einstimmig gefallen, erinnert sich Gfeller. Seither habe es auch keine Reklamationen gegeben.

Über 400'000 Leser

Ein Grund für den Verzicht auf die Zeitung war letztlich auch das Geld. Das Jahresabo kostet die Madiswiler 15'000 Franken. «Wir müssen sparen», sagt Gfeller. Er glaubt nämlich auch: «Viele legen doch die Zeitung einfach ungelesen auf die Seite.»

Dem widerspricht allerdings eine kürzlich publizierte Studie: Gemäss dieser lesen 70 Prozent aller Empfänger im Synodalverband Bern-Jura-Solothurn die Zeitung. Das sind 5 Prozent mehr als noch 2003. Die Berner Ausgabe von «reformiert.» erreicht heute über 400'000 Leser. Und es dürften bald noch mehr werden. Johannes Josi, langjähriger Präsident des Vereins Saemann, der «reformiert.» im Kanton Bern herausgibt, sagt: Von den über 200 Kirchgemeinden in den Kantonen Bern, Jura und Solothurn hätten 150 die Zeitung abonniert. Tendenz steigend: Erst vor kurzem seien in der Stadt Bern zwei grosse Kirchgemeinden dazugekommen.

Vom Entscheid der Madiswiler ist Josi denn auch enttäuscht. «Ich finde solches Gärtlidenken jammerschade.» Die Zeitung sei doch ein Fenster nach aussen. «Damit kann eine Gemeinde auch Leute ansprechen, die gar nie in die Kirche gehen.» Zumal die Leserstudie zeige, dass immer mehr Junge «reformiert.» lesen würden. Für Josi ist denn auch klar: Hier geht es nicht ums Geld, sondern um etwas Grundsätzliches: «Will man die ganze Breite der Meinungen abdecken oder nur ‹his master’s voice›?» Madiswil hat sich entschieden: Die Stimme des eigenen Herrn reicht.

«Immer mehr Altpapier»

Dass die Madiswiler Schäfchen nun abtrünnig werden, stört Kirchgemeindepräsident Gfeller allerdings nicht. «Warum sollte es?», fragt er. Wer die Zeitung wolle, könne sie ja abonnieren. Gfeller ist noch unschlüssig, ob er selber dies im nächsten Jahr tun wird. Eigentlich erfahre er ja auch ohne «reformiert.», was er wissen müsse. Und: «Das Altpapier nimmt auch immer mehr zu.»

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