Die gute Tat der kleinen Bank

Affoltern i.E.

Wenn eine Bank freiwillig zu viel Steuern bezahlt, so muss das als aussergewöhnlich bezeichnet werden. Die Ersparniskasse Affoltern hat letztes Jahr genau das getan - aus Solidarität mit der Gemeinde.

Die dunklen Wolken täuschen: Bankleiter Christoph Müller zeigt sich solidarisch mit Affoltern.

Die dunklen Wolken täuschen: Bankleiter Christoph Müller zeigt sich solidarisch mit Affoltern.

(Bild: Thomas Peter)

Philippe Müller

Auch Jahre nach der Weltwirtschaftskrise, für die Grossbanken eine Mitverantwortung trugen, steht es um den Ruf der Finanzinstitute nach wie vor nicht zum Besten. Zudem machen fast wöchentlich Nachrichten die Runde, wonach Banken juristisch belangt werden, weil sie ihren Kunden im grossen Stil beim Verstecken von unversteuerten Geldern geholfen haben sollen.

Am angekratzten Image der Bankenwelt kann selbstverständlich auch die kleine Ersparniskasse Affoltern im Emmental nichts Grundlegendes ändern. Dafür fehlt ihr schlicht die nationale und selbstredend auch die internationale Bedeutung. Und doch hat sie etwas getan, was zumindest auf lokaler Ebene spürbar wirkt und für Gesprächsstoff sorgt: Sie hat im vergangenen Jahr freiwillig einen sechsstelligen Betrag an Gemeinde, Kanton, Bund und Kirche abgeliefert, den sie eigentlich von den Steuern hätte abziehen dürfen.

Rechnung mehr als halbiert

Und so ist es dazu gekommen: Die Bank hat letztes Jahr ihre Filiale in Weier um- und ausgebaut. Die anfallenden Sanierungskosten hätte sie teilweise dem Sachaufwand belasten dürfen, was automatisch zu einem tieferen Jahresergebnis und folglich zu einer deutlich tieferen Steuerrechnung geführt hätte. «Wir hätten unsere Steuerrechnung mehr als halbieren können», sagt Bankleiter Christoph Müller.

Es geht um 200'000 Franken

Und das hätte sich für die kleine Bank durchaus gelohnt: Inklusive Nachzahlungen hat sie 2013 rund 440000 Franken als Steuern abgeliefert, wie Müller auf Anfrage sagt. Die «Spende» beläuft sich also auf mehr als 200'000 Franken. Ein erheblicher Teil davon kam der Gemeinde Affoltern zugute. Müller sagt, die Bank habe das aus Solidarität gemacht in Zeiten, in denen es den Kommunen finanziell nicht so gut gehe. «Wir wollten dem Gemeinderat kein Ei legen. Wir wussten, dass es die Gemeinde vor Probleme stellen würde, wenn wir plötzlich deutlich weniger Steuern zahlen.»

Tatsächlich ist es so, dass Affoltern ohne die gute Tat der Ersparniskasse einen Verlust eingefahren hätte. Die Jahresrechnung 2013 schloss mit einem Gewinn von 110'000 Franken. Es ist also auch der lokalen Bank zu verdanken, dass Affoltern letztes Jahr als eine von nur elf Kommunen im Emmental keine roten Zahlen schrieb.

Müller verhehlt jedoch nicht, dass bei der nicht beanspruchten Steueroptimierung auch der Eigennutz eine gewisse Rolle gespielt habe: «Wir möchten gerade als kleine Bank konstante Ergebnisse ausweisen.» Das sei wichtig, damit ein Finanzinstitut in der Öffentlichkeit als verlässlich und stabil wahrgenommen werde. «Wir denken selbstverständlich betriebswirtschaftlich. Aber wir wollen zu unserer Region schauen und dort, wo wir können, unterstützend wirken», sagt der Bankleiter.

Der Dank der Gemeinde Affoltern liess übrigens nicht lange auf sich warten: Müller sagt, die Ersparniskasse habe einen Dankesbrief erhalten, unterschrieben von allen Mitarbeitern der Verwaltung und sämtlichen Gemeinderäten.

Berner Zeitung

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