Durchtanzte Solätte-Nacht hatte ungeahnte Folgen

Burgdorf

Ursina Stoll ist keine gebürtige Burgdorferin, aber schon von jeher ein grosser Fan der Solätte. Dank ihrer Grossmutter, bei der sie immer wieder in den Ferien war. Ein unerlaubter Ausflug in jungen Jahren hatte aber harte Konsequenzen.

So jung, so hübsch, so ungezogen: Ursina Stoll mit 20 Jahren.

So jung, so hübsch, so ungezogen: Ursina Stoll mit 20 Jahren.

(Bild: zvg)

Die Einladung zur Solätte mit meinem damaligen Schatz wog eindeutig mehr als die Schulstunden an der Kantonsschule Solothurn. Die Folgen dieses Schwänzens wogen vor 50 Jahren allerdings schwer.

Wie gerne wäre ich schon als Kind an der Solätte eine Burgdorferin gewesen, um im weissen Kleid und mit Blumen im Haar am Umzug mitzulaufen und ins Publikum zu winken. Mein Vater hatte mir voller Begeisterung von seinen Solätte-Erlebnissen erzählt und einen Bilderbogen zum Ablauf des Festtages gezeichnet. Ich habe die Burgdorfer einfach nur beneidet. Damals lebte ich im Engadin, und der Chalandamarz (traditionelles Fest am Winterende) konnte es in meinen Augen niemals mit der strahlendbunten Solätte aufnehmen.

Ein paar Jahre später – ich war inzwischen Handelsschülerin an der Kanti Solothurn – stand mein Herz in Flammen für einen Burgdorfer Gymeler. Natürlich verbrachte ich die Wochenenden regelmässig beim Grossmueti, und mein Schatz als Bertholdianer machte bei allen Aktivitäten rund um die Solätte mit. «Chunnsch de scho am Namittag, i fröie mi uf es paar Blüemli vo dir», umwarb mich der Herzallerliebste. Keine Frage – ich war dabei, auch bei der Polonaise und dem abendlichen Tanz.

«Solätte und heisse Liebe waren jeden Einsatz wert.»

Dumm nur, dass ich am Montagnachmittag ein paar Schulstunden gehabt hätte. Und naiv hatte ich den Schulvorsteher gefragt, ob ich für die mir so wichtige Solätte frei bekommen könne. Als Antwort erhielt ich ein striktes «Nein». Ausserdem war es im Schülerinnenheim der Stadt Solothurn (Palais Besenval) untersagt, ohne triftigen Grund während der Woche auswärts zu übernachten. Was tun? Für mich ging es um sehr viel: Solätte und heisse Liebe waren jeden Einsatz wert. Ich entschloss mich, zu schwänzen und ein wenig zu lügen – so schlimm würden die Konsequenzen nicht sein. Da täuschte ich mich gewaltig.

Nach wundervollen Solätte-Stunden und einer praktisch durchtanzten Nacht nahm ich müde aber glücklich den Frühzug nach Solothurn. Mir war klar, dass ich rechtzeitig zum Schulbeginn um 7 Uhr antraben musste. Schon in der ersten Lektion wurde ich zum Schulvorsteher gerufen. Und der deckte mich knüppelhart ein: Was mir einfalle, nach seinem «Nein» einfach die Schule zu schwänzen und danach zu erscheinen, als sei nichts gewesen. Ich sei für die Kantonsschule Solothurn untragbar, er berate sich noch mit seinen Kollegen, ob ich sogar von der Handelsschule gewiesen würde.

Ein Vermerk im Zeugnis mache garantiert die Stellensuche auch nach einem erfolgreichen Diplom schwierig. Zudem informiere er die Leitung des Schülerinnenheims sowie meine Eltern im fernen Engadin über mein «katastrophales» Verhalten. Strafaufgaben an vier Nachmittagen und dem Abwart beim Putzen helfen kamen zur Abrundung des Strafmasses hinzu. Am Mittag folgte die Fortsetzung der Strafpredigt durch Frau Doktor Weber vom Palais Besenval: Ich bekam bis zu den Sommerferien keinen Ausgang mehr, auch nicht an den Wochenenden, und hatte immer um 20 Uhr im Zimmer zu sein.

Vater zeigte Verständnis

Ich war am Boden zerstört. War mein Wunsch nach einer Solätte mit meinem Liebsten derart verwerflich und Schulschwänzen ein strafbares Delikt? Als Erstes telefonierte ich vom öffentlichen Apparat nach Samedan. Mein Vater hatte Verständnis für mich. Als Burgdorfer fand er mein «Vergehen» nicht schlimm, nur unüberlegt. Sein Rat, in Zukunft nicht mehr im Voraus um Erlaubnis für einen freien Solätte-Tag zu bitten, war erzieherisch sicher unkorrekt, aber Balsam für mich. Auch mein Schatz tröstete mich am Telefon. Da liessen sich die Strafen gleich besser verkraften, denn alle Androhungen wurden – bis auf den Schulausschluss – durchgezogen.

Unterdessen lebe ich seit 23 Jahren in Burgdorf im Haus meiner Grossmutter und freue mich immer auf die Solätte. Meine beiden Enkelkinder aus Gümligen wollen ebenfalls dabei sein. Sie haben in Schule und Kindergarten problemlos frei bekommen. Heute gibt es ja den Anspruch auf Freitage nach eigener Wahl.

P.S. Meinen damaligen Schatz kenne ich noch heute – wir sehen uns meistens am Zapfenstreich vor der Solätte!

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...