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Linker Politiker ist nach rechts gerutscht

Während 38 Jahren war Ernst Marti Mitglied der Rüegsauer SP und versah unter ihrer Flagge viele politische Ämter. Jetzt zieht er einen Schlussstrich. Die SP sei nicht mehr seine Partei. Er kann sich sogar einen SVP-Beitritt vorstellen.

Der langjährige SP-Mann Ernst Marti kann sich mit der Partei nicht mehr identifizieren.
Der langjährige SP-Mann Ernst Marti kann sich mit der Partei nicht mehr identifizieren.
Thomas Peter

Eine halbe Stunde, nachdem er der SP-Sektion Rüegsau beigetreten war, fand er sich auch schon als deren Präsident wieder. «Das war an der Hauptversammlung am 1.Februar 1971», erinnert sich der heute 74-jährige Ernst Marti lachend. Damals habe es in der Sektion auch schon gekriselt; engagierte Leute seien schwer zu finden gewesen. Nach und nach sei es dann aber gelungen, den geschrumpften Mitgliederbestand wieder anzuheben. «In den Blütezeiten waren wir 80 Leute, machten immer wieder Druck auf die Bürgerlichen und konnten auch das eine und andere bewegen.» Zum Beispiel die Veröffentlichung des Steuerregisters und Ähnliches mehr – eigentlich keine grossen Sachen und zum Teil auch solche, die unterdessen wieder geändert worden seien, aber immerhin: Man habe mit der SP als Faktor jederzeit rechnen müssen.

Abschied von den Genossen

Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Die SP-Sektion Rüegsau hat sich nach rund 85-jährigem Bestehen aufgelöst. Im Gemeinderat und in den Kommissionen war sie in den letzten Jahren ausschliesslich durch Parteilose vertreten. Zwei «echte» Mitglieder erledigten zuletzt noch das Administrative. Da sich niemand fand, der in ihre Fussstapfen treten wollte, beschlossen sie, einen Schlussstrich zu ziehen und das Sektionsvermögen an den SP-Regionalverband Emmental zu überweisen. Hans-Ulrich Enggist bleibt der Partei als Einzelmitglied erhalten, während Ernst Marti den Genossen den Rücken kehrt. «Die SP ist einfach nicht mehr meine Partei; in den letzten Jahren war ich nur noch mit halbem Herzen dabei», gesteht er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Das sagt nicht irgendeiner, sondern jemand, der nach seinem Eintritt in die Partei aus der politischen Landschaft seiner Wohngemeinde kaum mehr wegzudenken war. Es gab fast keine Kommission, die er ausgelassen, und kein Amt, das er nicht ausgeübt hätte. Im Gemeinderat wirkte er insgesamt während 16 Jahren mit, aufgeteilt in zweimal zwei Legislaturperioden; dazwischen amtierte er während sechs Jahren als Gemeindepräsident.

Beruflich nicht verfilzt

Mit dem Nimbus des «linken Druckmachers» in einer bürgerlich dominierten ländlichen Gemeinde konnte er problemlos umgehen. Klar sei er, zumindest eine Zeit lang, nicht unbedingt der Liebling der Bürgerlichen gewesen, sagt er. Der Tiefbauingenieur hatte aber den Vorteil, dass er nicht in Rüegsau sein Brot verdiente, sondern auf den Stadtverwaltungen von Burgdorf und Bern – hier zuletzt in der Funktion des stellvertretenden Stadtingenieurs. «Zudem ist es ja so, dass die Parteizugehörigkeit im politischen Alltag eines Dorfes höchstens vor den Wahlen in den Vordergrund rückt; ansonsten wird im Gemeinderat reine Sachpolitik betrieben», führt er aus.

Gefallen am Landesring

Ein in der Wolle gefärbter Roter war Ernst Marti eigentlich nie. Im Landesring der Unabhängigen hätte er sich seinerzeit auch ganz wohl gefühlt, aber diese Partei gab es in Rüegsau nicht. So landete er denn bei der SP, mit deren Grundsätzen er sich damals zu einem grossen Teil identifizieren konnte.

Das hat sich im Lauf der Jahre allerdings geändert. «Bei den letzten Nationalratswahlen habe auch ich mein politisches Profil auf Smartvote erstellt; was dabei herauskam, war ziemlich rechts», sagt er. Nicht, dass er die SP nun in Bausch und Bogen verwerfe. «Sie hat nach wie vor ihr Gutes.» Allerdings habe das Störende für ihn zu- und der gemeinsame Nenner entsprechend abgenommen. «Die linken Positionen sind extremer geworden, meistens kann ich mich damit nicht mehr identifizieren.» Dass der Staat im vollen Umfang für die ausserfamiliäre Kinderbetreuung aufkommen solle, gehe ihm nicht in den Kopf. Auch ärgere ihn, dass die SP die sicherheitspolitische Situation im Land herunterspiele und schönrede – und für die von der SP unterstützte Gebühren- und Abgabenpolitik habe er ebenfalls nichts übrig.

Ab ins einstige Gegenlager?

So war es nur konsequent, dass sich Ernst Marti von der SP verabschiedete. «Im Moment bin ich parteilos», sagt er, deutet aber auch an, dass für ihn der Übertritt in eine andere Partei durchaus denkbar wäre. Ins bisherige Gegenlager nämlich, in die SVP. «Die macht in vielen Belangen eher eine Politik in meinem Sinn.» Zudem habe er in der Partei unterdessen viele Freunde gewonnen. Eines sei für ihn aber klar: Als Gemeinderat kandidieren würde er nicht mehr, denn diese Zeit sei vorbei. Er schliesst jedoch nicht aus, weiterhin in der Baukommission mitzuwirken – «wenn es erwünscht ist».

Abgesehen davon hat er in seiner Funktion als Vizepräsident der Eissportanlage Brünnli und als Vorstandsmitglied des Kantonalen Eishockeyverbands auch so genug zu tun, und seine Reisen in ferne Länder möchte er ebenfalls nicht missen.

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