Maritz revolutionierte die Kanone

Burgdorf

Als einfacher Handwerker stellte Johannes Maritz zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf der oberen Allmend Rohre für Kanonen und Mörser her. Zu Ruhm gelangte er durch die Erfindung der Geschützbohrmaschine.

Die Genialität eines Metallarbeiters führte eine ganze Familie zum Erfolg: Das Strassenschild im Neumattquartier erinnert an Erfinder Johannes Maritz.

Die Genialität eines Metallarbeiters führte eine ganze Familie zum Erfolg: Das Strassenschild im Neumattquartier erinnert an Erfinder Johannes Maritz.

(Bild: Thomas Peter)

Urs Egli

u Pulverweg, Zeughausstrasse und Guisanstrasse passt die Maritzstrasse im Neumattquartier thematisch sehr gut dazu. Der Name von Henri Guisan, der die Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg kommandierte, ist wohl jedem Absolventen der Volksschule ein Begriff. Doch wer Johannes Maritz war, dürften heute einzig noch Lokal- und Militärhistoriker wissen.

Als altes Burgergeschlecht ist der Name Maritz seit 1533 bekannt. Gut 180 Jahre später sorgte Johannes Maritz (1680–1743) dafür, dass der Familienname in Westeuropa zu einem Begriff wurde – jedenfalls in Militärkreisen. Nicht etwa, weil er als einfacher Handwerker in der Armee Karriere gemacht hätte, sondern weil ihm, der bis dahin in der sogenannten alten Büchseschlyffi auf der oberen Allmend, südlich der Burgdorfer Altstadt, Rohre für Kanonen und Mörser hergestellt hatte, eine revolutionäre Erfindung gelang: die Geschützbohrmaschine.

Bohren statt ausglätten

1714 konstruierte der 34-Jährige eine grosse Maschine, genauer: eine Drehbank. In diese spannte Johannes Maritz massiv gegossene, runde und kanonenrohrlange Metallzylinder ein, liess diese um die Längsachse rotieren und bohrte sie in Achsenrichtung aus. Die Bohrung konnte auf diese Weise exakt auf den Durchmesser der Kanonenkugeln und -geschosse gefertigt werden. Die Fabrikationszeit der Geschütze konnte dank diesem Verfahren massiv reduziert, die Zielgenauigkeit der Geschosse stark verbessert und die Lebensdauer der Kanonen verlängert werden. Bis zur Erfindung von Maritz wurden die Kanonenrohre aus Bronze und Eisen stets um einen Kern herum gegossen, sodass auf den ersten Blick fertige Geschützrohre entstanden. Einsatzfähig waren die Kanonen jedoch nicht, weil die Läufe zuerst noch ausgeglätten werden mussten. Da die Kanonen meistens in Serien gefertigt wurden, konnte die Temperatur des flüssigen Metalls nicht konstant gehalten werden, sodass im Guss Unregelmässigkeiten und Spannungen resultierten. Entsprechend hoch war die Ausschussquote.

Die Artillerieoffiziere, vorab die französischen, waren begeistert vom präzisen Produktionsverfahren des Burgdorfers. In französischen technischen Handbüchern wurde dessen Erfindung genau beschrieben und als bahnbrechend bezeichnet. Der Name und die Herkunft des Erfinders waren den Franzosen nicht so wichtig. Ab und an wurde Johannes Maritz als Genfer oder als Franzose bezeichnet. Da vor 300 Jahren eine Erfindung noch nicht patentiert werden konnte, tauchte Jahre später der Name des hessischen Giessers Keller von Kassel als Vater des Vollgussverfahrens auf. In der deutschen technischen Literatur wurde Maritz gar als Nachahmer bezeichnet – letztmals datierend auf das Jahr 1744, als Johannes Maritz bereits gestorben war.

Unberechtigte Kritik

In der Heimat dagegen standen Johannes Maritz und Samuel Leu, der die Kanonen im Vollgussverfahren herstellte, in der Kritik. Der bernische Artillerieoberst und Geschützgiesser Johann Rudolf Wurstemberger zog 1722 heftig über die neue Produktionsmethode her. Maritz und Leu bewiesen das Gegenteil: 140 Sechspfundgeschosse wurden abgefeuert, ohne dass die von Wurstemberger angekündigten Schäden auftraten.

Kurze Zeit später verlegte Maritz seinen Arbeitsort nach Genf, wo er die Geschützproduktion aufnahm. 1726 konnten die von Genf bestellten Kanonen ausgeliefert werden. Darauf wurde der gebürtige Burgdorfer Direktor der Genfer Trinkwasserversorgung. 1729 siedelte die Familie Maritz – die Ehefrau Katharina mit den Kindern Susanna Kathrina, Jean und Samuel – von Burgdorf nach Genf um und bezog dort eine Dienstwohnung.

300 Kanonen für Bern

Zusammen mit seinem Sohn Jean übernahm Johannes Maritz 1734 die verlotterte Giesserei von Lyon und später noch jene in Strassburg. Derweil entwickelte Samuel Maritz das Genfer Wasserpumpwerk weiter und arbeitete auch als Glockengiesser. 1751 siedelte er nach Bern um, da er für die Artillerie des Kantons Bern mehr als 300 Geschütze herstellen konnte. Einige dieser Kanonen sind heute im Schloss Burgdorf ausgestellt. Johannes Maritz, der Erfinder der Geschützbohrmaschine, starb 1743 im Alter von 63 Jahren.

In Burgdorf lebt derzeit keine Person mit dem Familiennamen Maritz. Quelle: «Die Geschützgiesser Maritz», Max F. Schafroth, Burgdorfer Jahrbuch 1953. Historisches Lexikon der Schweiz.

Berner Zeitung

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