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Metzger hält Raubkatzen

Der 71-jährige Kirchberger Metzger Erich Krieg hält Raubkatzen. Noch nach 25 Jahren ist er von seinem exotischen Steckenpferd fasziniert. Eine Leopardin und zwei schwarze Panther leben in seinem Gehege.

Aus der Dunkelheit leuchten zwei bernsteinfarbene Punkte. Unüberhörbar ist ein warnendes Fauchen zu hören. Mephisto hat sich in den geschützten Bereich zurückgezogen. Es ist nicht sein Tag, denn es sind heute fremde Leute in seinem Revier. Denn Mephisto ist nicht ein zahmes Kätzchen, sondern ein ausgewachsener, schwarzer Panther. Nicht ein Zoo ist sein Zuhause, sondern der weitläufige Garten einer privaten Kirchberger Liegenschaft. Dort, am Erlenweg 8, hat vor fünfundzwanzig Jahren die ungewöhnliche Geschichte begonnen. «Mit einem Puma», erklärt der inzwischen 71-jährige Metzger Erich Krieg. Eigentlich sei es ein Bubentraum gewesen. Denn immer schon habe er von Raubkatzen geträumt. Bis in der «Tierwelt» ein junger Puma zum Verkauf angeboten wurde. Die Kaufentscheidung beeinflusste damals auch sein jüngster Sohn Rolf. «Er liess nicht locker, bis wir das Jungtier bei uns zu Hause hatten.» So nahm die grosse Leidenschaft des Erich Krieg seinen Anfang. Überhaupt ist in Kriegs Leben fast alles Leidenschaft. Das meiste hat direkt oder indirekt mit Tieren zu tun. Wie der gleichnamige Metzgereibetrieb mit dem angegliederten Partyservice. Den Familienbetrieb führt mittlerweile in dritter Generation sein 38-jähriger Sohn Rolf. Aber auch den Senior findet man noch jeden Tag im Betrieb. Denn das «Metzgern» habe er im Blut, wie er sagt. Vererbt von seinem Vater Otto, dem Begründer der «Krieg-Dynastie», der ebenfalls Metzger und Kleinbauer war.

Liebe zu den Tieren.

Wenn Erich Krieg sagt, er liebe alle Tiere, «ausgenommen vielleicht die Reptilien», glaubt man es ihm. Obschon er von Berufes wegen Tiere schlachten muss. Wenn er, auf dem Weg zu seinen Raubkatzen, durch den blitzblank geputzten Betrieb mit den vielen Räumen geht, scheint es, als gehe sein Herz auf. Stolz zeigt er die älteren und neueren Gerätschaften der Metzgerei. Wie etwa die Räucherkammer mit den aufgehängten Fleischwaren oder dem Schlachtraum. Das Halten von Raubkatzen und sein Beruf seien kein Widerspruch, betont Krieg. Die Verantwortung gegenüber den Tieren – und dazu gehöre auch das humane Schlachten – sei nicht nur in seinem Beruf unabdingbar. Bei den Gehegen und den Stallungen angekommen, beruhigt Krieg zuerst einmal seine beiden anderen Tiere: die gefleckte afrikanische Leopardin Aisha und den schwarzen Panther Aramis. Die elfjährigen Geschwister sind die Nachkommen von Mephisto. Währenddessen ich Aisha zutraulich von Krieg durch die Gitterstäbe hindurch kraulen lässt, rennt Aramis zunächst aufgeregt fauchend im Gehege herum. «Er hat halt den ungestümen Charakter seines Vaters Mephisto geerbt», sagt Krieg fast entschuldigend. Diesen habe er im Alter von vier Jahren gekauft. Mit Schoppen aufgezogen

Es sei ein wesentlicher Unterschied, ob man eine Raubkatze bereits im zarten Babyalter bekommt oder erst Jahre später. So wie etwa Shiva, die wegen einer Schwangerschaftsvergiftung verstorbene Partnerin von Mephisto, die sehr anhänglich gewesen sei. Da diese bei allen drei Würfen zu wenig Milch hatte, war das Ehepaar Krieg gezwungen, die Jungen mit der Flasche aufzuziehen. Währenddessen raufen sich die beiden inzwischen längst ausgewachsenen Kraftbündel Aramis und Aisha ausgiebig in ihrem Käfig. Die Aufzucht der Jungmannschaft sei eine wunderschöne, aber anstrengende Zeit gewesen, erinnert sich der Kirchberger. «Und durch das häufige Schöppeln ein Engagement rund um die Uhr.» Erich Krieg hat Fotos und einen Film aus dieser Zeit. Beim Betrachten kommt man nicht um ein «Jöö» herum. So erging es damals wohl auch den Kirchberger Passanten, als Kriegs die Kleinen jeweils an der Leine ausführten. Welche Hunderasse dies sei, wurden sie etwa gefragt, lacht Krieg noch heute.

Es bleiben Raubtiere Das Klicken des Fotoapparates scheint die beiden schwarzen Tiere Mephisto und Aramis völlig aus der Bahn zu werfen. Dies verwundert kaum, denn meistens bekommen die vierzig bis sechzig Kilogramm schweren Raubkatzen nur die Mitglieder der Familie Krieg zu Gesicht. Da der Weg zu den Gehegen durch den Betrieb führt, bekommt die Öffentlichkeit wegen der hygienischen Auflagen die Tiere nicht zu sehen. Immer zuerst in den Zoo

Auch wenn der Raubkatzenhalter bescheiden auftritt, ein wenig stolz ist er schon auf seine Nachwuchserfolge. Denn dies sei bei Tieren in Gefangenschaft nicht so selbstverständlich. Erich Krieg weiss Bescheid, denn er geht in jeder Stadt zuerst in den Zoo. Sein Wissen basiert auf Beobachtungen und dem Lesen der entsprechenden Literatur. Oder er informiert sich – wenn etwa Impfungen oder Krallenschneiden anstehen – beim Tierarzt. So erfuhr er am Anfang vom Dählhölzli-Tierarzt, dass es eine Bewilligung braucht, um die Tiere zu halten. «Und eine Mindestgrösse der Gehege», doppelt er nach. Wie mit den Panthern und Leoparden hatte Krieg in den Achtzigerjahren auch mit seinen ersten Tieren, den beiden Bergpumas, dreimal hintereinander Zuchterfolge. «Mehr als einmal war ich Geburtshelfer», sagt Krieg fast ein wenig gerührt. Die Jungtiere wurden später in Zoos oder an Private verkauft. «Nur wegen des Platzes, nicht etwa wegen des Gewinns», beeilt sich Krieg zu sagen. Obschon sein Steckenpferd ja nicht gerade billig sei. Da er aber mit seinem Beruf sozusagen an der «Futterquelle» sitze, sei die finanzielle Belastung im tragbaren Rahmen. Im Gegensatz zur freien Wildbahn müssen seine Tiere nicht auf Beutezug gehen. «Und bekommen die Mahlzeiten erst noch portioniert», lacht er und reicht Fleischstücke durch das Gitter.

Da wild lebende Tiere nur etwa alle zwei bis drei Tage Beute schlagen, stehen für Mephisto, Aramis und Aisha zwei Fastentage pro Woche an. An fünf Tagen fressen sie je anderthalb Kilo Fleisch. «Rind-, Kalb- oder Pferdefleisch.» Oder, wie ein Ausschnitt aus «10 vor 10» zeigt, ganze Kuhschwänze. «Dies reinigt den Magen», weiss Krieg.

Faszination Gepard

Von all den Tieren, die er einst besessen hatte, faszinieren ihn Geparde am meisten. Mit diesen schnellen Raubkatzen habe er leider keinen Nachwuchserfolg gehabt. Obschon die beiden Geparde Leila und Arco das stolze Alter von vierzehn Jahren erreichten, bekundeten sie in all den Jahren kein Interesse aneinander, sagt Krieg achselzuckend. Während er über die Unterschiede der verschiedenen Wildkatzen spricht – «Geparde haben Pfoten wie Hunde und klettern nicht» –, bedauert er sein eigenes Alter. Denn wäre er jünger, würde er es noch mal mit den stolzen und in der freien Wildbahn gefährdeten Geparden versuchen. Zu «Studienzwecken» war er früher in Kenia. Wegen seiner Raubkatzen hat Krieg heute nur noch während deren Fastentage frei. Arbeit zu delegieren sei zu gefährlich.

Krieg kaum mehr im Käfig

Immer wieder versucht Erich Krieg mit sanfter Stimme, den aufgebrachten Aramis zu beruhigen. In den Käfig hinein gehe er, anders als früher, nur selten. Wegen seines Alters. Würde er von den Tieren zu Fall gebracht, könnte es für ihn gefährlich werden, sagt er, während er sich versichert, dass die Schieber zwischen den Käfigen heruntergelassen sind. Denn die Grosskatzen «dinieren» aus Sicherheitsgründen allein. «Wegen der Machtkämpfe», sagt Krieg. Auf die Zukunft angesprochen, meint er: «Vorläufig bleibe ich meinen Raubkatzen treu.» Und später werde man sehen.

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