Zum Hauptinhalt springen

Probleme für Fachhandel in der Altstadt

Dass die Oberstadt als Zentrum für den Fachhandel passé sei, glaubt der langjährige Ladenbesitzer H.P. Klötzli nicht. Wer jene Faktoren beeinflusse, die er auch wirklich steuern könne, habe hier nach wie vor sein Auskommen.

Scheren, Scheren, Scheren: Der Messerschmied H.P. Klötzli erklärt, welche Vielfalt von einem Fachhändler heute erwartet wird.
Scheren, Scheren, Scheren: Der Messerschmied H.P. Klötzli erklärt, welche Vielfalt von einem Fachhändler heute erwartet wird.
Walter Pfäffli

Die Meldungen über Geschäftsschliessungen in der Burgdorfer Altstadt reissen nicht ab. Die Folgerung, dass der historische Stadtkern – einst die kaufmännische Drehscheibe der Emmestadt – für den Fachhandel kein gutes Pflaster mehr sei, liegt somit auf der Hand.

H.P. Klötzli, der seit gut 35 Jahren in der Oberstadt ein Geschäft für Messer, Scheren und andere Klingen betreibt, mag dies in dieser absoluten Form jedoch nicht bestätigen. Er sieht für den Fachhandel in der Oberstadt nach wie vor Chancen – allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. «Um die richtigen Schlüsse zu ziehen, muss man verstehen, was in den letzten Jahrzehnten im Detailhandel genau abgelaufen ist», sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Umwälzung im Fachhandel

Seine Analyse tönt auf den ersten Blick ernüchternd: «Viele Faktoren kann ich als Fachhändler zur Kenntnis nehmen, aber nicht beeinflussen», erklärt er. Zum einen die Entwicklung bei den Grossverteilern: Diese hätten als ursprünglich reine Lebensmittelanbieter den Fachhandel jahrzehntelang nicht tangiert; heute seien sie aber in diesem Segment ebenfalls tätig und machten dem Fachhandel ernsthafte Konkurrenz. «Es gibt zum Beispiel kantonsweit praktisch keine Eisenwarenhändler mehr, denn Schrauben, Nieten und Nägel kauft man heute im Do-it-yourself.» Dasselbe gelte für die Haushaltwarengeschäfte, die schweizweit praktisch verschwunden seien: «Auch sie wurden von den Grossverteilern an die Wand gespielt.»

Die politische Ebene

Leben müsse man aber auch mit der Tatsache, dass die Politik die Weichen nicht sehr fachhandelsfreundlich gestellt habe – weltweit, national wie lokal. «China wurde von Amerika als Billigproduktionsland aufgebaut, das wirkt sich jetzt verheerend aus. Fachgeschäfte mit durchschnittlicher Qualität und durchschnittlichem Angebot haben einen schweren Stand; der Kunde kauft keinen teuren Mantel, wenn er ihn in ähnlicher Machart und halbwegs brauchbarer Qualität made in China preisgünstig in einer grossen Ladenkette erstehen kann.»

Hemmschwelle Oberstadt

Auf lokaler Ebene komme hinzu, dass im Burgdorfer Stadtrat immer weniger Gewerbler die Interessen ihres Standes verträten; das Parlament setze sich zunehmend aus Pädagogen und Verwaltungsleuten zusammen. Auch verspüre die Kundschaft zwischen 30 und 70, an die sich der Fachhandel in der Oberstadt vor allem wende, eine gewisse Hemmschwelle, sich in diesen Stadtteil zu begeben, nicht zuletzt wohl wegen des Fahrverbots.

H.P. Klötzli sagt es noch einmal: «Das sind Gegebenheiten, die ich als Einzelner nur zur Kenntnis nehmen kann; will ich etwas bewegen, muss ich mich auf jene Faktoren konzentrieren, die sich beeinflussen lassen.» Konkret: «Will ein Ladenbesitzer überleben, muss er sich zuerst einmal klar darüber werden, was Fachhandel heute überhaupt bedeutet.» Einfach Schuhe, Scheren oder Wäsche zu verkaufen genüge nicht mehr. Der Fachhändler müsse mehr denn je der ausgewiesene Spezialist sein und mit einem Sortiment und einem Service aufwarten, den ihm so schnell keiner nachmache. Klötzli verdeutlicht dies mit einem Beispiel aus seiner Branche: «Sowohl Nagelscheren, Nähscheren, Küchenscheren als auch Stickscheren zu führen ist nur die Hälfte eines umfassenden Angebots; dieses muss zusätzlich auch in die Tiefe gehen, also von jeder der genannten Scherensorten verschiedene Ausführungen aufweisen.»

Eine Stadt reicht nicht mehr

Dass diese Art der hohen Spezialisierung ihre Kundschaft nach wie vor finde, zeige sich in der Oberstadt verschiedentlich; zum Beispiel Seiler, Buchmann, die Vinothek oder auch sein eigenes Geschäft zögen nicht nur einheimische Käufer an. Gerade dies sei aber eine entscheidende Voraussetzung zum Überleben, führt Klötzli aus. «Eine Stadt mit 15000 Einwohnern reicht für ein Fachgeschäft heute nicht mehr, es braucht ein Einzugsgebiet von 200000 Personen.» Aus diesem Grund dürfe sich ein Ladeninhaber nicht scheuen, seine Stärken selbstbewusst auszuspielen und unter Umständen nicht nur regional, sondern sogar landesweit zu werben – gezielt in Kreisen, die als Käufer auch wirklich in Frage kämen. Er selber habe diesbezüglich gute Erfahrungen gemacht; unterdessen zähle er zu seiner Kundschaft Leute aus allen möglichen Städten der Schweiz.

Amerikaner und Japaner

An diesem Punkt schlägt der weit gereiste Geschäftsmann eine Brücke zur Stadt Burgdorf. Was sie mit ihrer Altstadt, ihrer Geschichte und ihrem naturnahen Umland zu bieten habe, dürfe sich sehen lassen, und zwar durchaus auch im internationalen Vergleich. Historische Persönlichkeiten wie Johann August Sutter und Heinrich Pestalozzi, die in Burgdorf gewirkt hätten, liessen sich bestens verkaufen, Sutter bei amerikanischen und Pestalozzi bei japanischen Touristen, sagt Klötzli. «Jemand muss das nur in die Hand nehmen.» Er sei überzeugt, dass ein Spaziergang die Emme entlang von Burgdorf in den Lochbach für Besucher aus Japan ein Naturerlebnis erster Güte wäre; würde man den Bummel noch mit einer Flyer-Fahrt, einem Stadtrundgang und einer Weiterreise nach Solothurn kombinieren, hätte man ein Paket, das bestimmt auf Anklang stiesse.

«Als Trumpf ausspielen»

Dies wiederum würde sich, spannt Klötzli den Bogen weiter, natürlich befruchtend auf die Fachgeschäfte auswirken. Er könne dies im Zusammenhang mit dem Museum Franz Gertsch schon jetzt beobachten: «Die auswärtigen Gäste verbinden ihren Museumsbesuch häufig mit einem Bummel durch die Altstadt und loben immer wieder deren Schönheit und Intaktheit», berichtet er. Diese Leute sähen eben nicht das Wegsterben der Läden; sie erfreuten sich vielmehr an jenen Geschäften, die es noch gebe, den kreativen Konfiseur, die drei Goldschmiedeateliers, den Tabakladen und andere mehr. «Viele Gäste kennen in ihrer Heimat nichts Derartiges, das dürfen wir ruhig als Trumpf ausspielen», schliesst H.P. Klötzli.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch