Burgäschisee

Sie heben Gräben aus, um Lücken zu füllen

BurgäschiseeArchäologen der Uni Bern suchen am Toteissee in Burgäschisee im Rahmen eines internationalen Projekts nach älteren Siedlungen aus der Jungsteinzeit.

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Die Gegend um den Burgäschisee ist für Archäologen eine echte Goldgrube. Grabungen in seiner Seeuferzone haben seit 1944 die Überreste von vier neolithischen Siedlungsplätzen und zig Artefakte zutage gefördert. Kupferobjekte oder Tierfiguren gelten gar als europaweit einzigartig. Die ältesten Siedlungen der Jungsteinzeit liessen sich bisher in der Zeit um 4000 vor Christus verorten.

Doch dann nahmen im vergangenen Sommer Mitarbeitende des Instituts für Pflanzenwissenschaften der Uni Bern Bohrungen im See vor. Sie untersuchten die feinen organischen Ablagerungen auf seinem Grund, die einen Rückschluss auf die Vegetation rund um den See zulassen – bis zurück in die Zeit um 14000 vor Christus, diese lange Zeitspanne alleine ist aussergewöhnlich. Sie stiessen dabei auf Pollen von Getreide, das bereits 5000 Jahre vor Christus von Menschen am Burgäschisee kultiviert worden sein musste.

1000 unbekannte Jahre

Zwischen den bisherigen Funden und den jüngsten Erkenntnissen klaffe also eine «Lücke» von etwa 1000 Jahren, erklärt Othmar Wey. Der Doktor der Ur- und Frühgeschichte und Mitarbeiter des Instituts für Archäologische Wissenschaften der Universität Bern arbeitet derzeit mit Studenten daran, diese Kluft mit Wissen zu schliessen: Im März haben sie Grabungen am ältesten bekannten Siedlungsplatz des Sees aufgenommen. Das dreijährige Forschungsprojekt der Uni Bern, das parallel zu zwei vergleichbaren in Deutschland und Österreich durchgeführt wird, kostet rund 200000 Franken pro Jahr. Es wird vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert.

Bereits sein Beginn war vielversprechend. Es begann mit einer Notgrabung im Wald, nachdem bei einem entwurzelten Baum zwei Eberzahn- und zwei Bärenzahnanhänger bei einer Feuerstelle gefunden worden sind.

Der Mythos der Pfahlbauten

Im Übergang von Jäger- und Sammlerkulturen zu einem sesshaften, bäuerlichen Leben wohnten die Menschen am Seeufer des Toteissees in durchschnittlich 32 Quadratmeter grossen Hütten, deren Wände mit Lehm verputztes Flechtwerk bildete. Um sie auf dem feuchtweichen, instabilen Untergrund zu verankern, wurden Holzpfeiler in den Boden versenkt. Die lange verbreitete Vorstellung des Pfahlbaus – das Häuschen auf Pfählen im See – sei überholt, so Wey. Weil der Pegel des Sees variierte, lagen auch die Siedlungen mal tiefer und mal höher. Zurück blieben verschiedenste Hinterlassenschaften im Boden, für die sich die Archäologen heute interessieren. Sie sprechen von der Kulturschicht: Humus mit Abfällen lagerte sich auf der Seekreide ab – dem ausgefällten Kalk, der liegen blieb, wenn sich der See wieder zurückzog.

Die Standorte sind zufällig

Diese dunkel-helle Schichtung legen die Studenten um Othmar Wey offen. Dreizehn Gräben von bis zu 1,5 Meter Tiefe haben sie nach dem Zufallsprinzip seit März ausgehoben – und die meisten bereits auch wieder geschlossen. In den sogenannten Schnitten arbeiten sie am Profil, das mit einem Vermessungsnetz ausgelegt wird. Auf Fotos und Zeichnungen wird dadurch die Lage der Fundstücke auf den Zentimeter genau festgehalten.

Mahl- und Reibsteine, Holzkohle, Steinartefakte, Knochenteile und Keramikscherben sind unweit des Bootsanlegestegs zutage gefördert worden. Im Winter werden sie untersucht, datiert und ins Depot der Kantonsarchäologie verbracht. Dank den Topffragmenten sei es möglich, die Zeitstufe der Siedlung zu bestimmen, erklärt Wey. Form und Verzierungen der Keramikgefässe könne man einem Stil zuordnen. «Wie heute waren auch damals Stile der Mode unterworfen.» Es handelt sich dabei um Cortaillod-Keramik – benannt nach der gleichnamigen Seeufersiedlung am Westufer des Neuenburgersees, wo die ersten dieser Stücke gefunden wurden.

Holz als wertvoller Fund

Zum Nachteil gereicht den Archäologen, dass der See unter zweien Malen um je einen Meter abgesenkt worden ist. Zwar hat er dadurch Land freigegeben, auf dem die Grabungen durchgeführt werden. Doch nur im konstant feuchten Boden bleiben etwa Holzstämme erhalten, die eine recht genaue zeitliche Einordnung erlauben. Seit den 60er-Jahren existiert mit der Dendrochronologie eine Methode, die Bäume aufgrund der Breite ihrer Jahresringe einer bestimmten Zeitstufe zuzuordnen. Seit den 80er-Jahren reicht die Datierung bis ins Neolithikum zurück.

Mancherorts seien die Grabungen um Jahrzehnte zu spät, wie etwa am Ausgrabungsplatz Ost. Hier fand das Team um Wey nichts anderes mehr als Seekreide im Boden. Trockenheit und Erosion haben hier ganze Arbeit geleistet und nichts mehr für die Gräber übrig gelassen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.07.2015, 06:56 Uhr

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