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Uraltes Handwerk schafft Arbeit in der Heimstätte Bärau

Vor einem Jahr kaufte die Heimstätte Bärau eine Holzspanmaschine und bewahrt seither ein uraltes Handwerk vor dem Aussterben. Und schafft neue Arbeitsplätze, die auch der autistischen Wohngruppe zugute kommen.

«Schöne Arbeit»: Im Holzzentrum der Heimstätte Bärau entstanden heuer bereits 1500 Holzspankörbe.
«Schöne Arbeit»: Im Holzzentrum der Heimstätte Bärau entstanden heuer bereits 1500 Holzspankörbe.
Hans Wüthrich

Etwas zögerlich, fast murrend, setzt sich die alte Maschine in Gang. Es ist bitterkalt an diesem Dezembermorgen, und auch das massive Eisenkonstrukt mit Baujahr 1911 scheint die winterliche Kälte nicht zu mögen. Doch nach ein paar Bewegungen, einigen Spritzern Schmiere und gutem Zureden verrichtet die alte Maschine schliesslich ihren Dienst – genauso zuverlässig, wie sie es bereits seit hundert Jahren tut. Kaum hat sie sich in Bewegung gesetzt, spuckt sie hauchdünnen Holzspan aus, keinen Millimeter dick und doch so strapazierfähig und biegsam, dass daraus einmal ein stabiler Korb werden wird. Bis es so weit ist, wird der Holzspan noch von vielen fleissigen Händen bearbeitet, sorgsam zugeschnitten und geflochten, gebogen und geschliffen.

Tüfteln und ausprobieren

«Wir sind immer noch am Ausprobieren», sagt Fritz Zaugg, langjähriger Mitarbeiter der Heimstätte. Und es wird klar, dass das Erstellen von Holzspan eine Kunst für sich ist. Das beginnt bereits im Wald. Längst nicht jede Tanne eignet sich dazu, später zu Holzspan verarbeitet zu werden. Lukas de Rougemont, Leiter Landwirtschaft, weiss, worauf er achten muss, wenn er mit seinen Leuten in den Wald fährt, um Holz zu schlagen: Die untersten, astfreien Meter von Weisstannen werden gebraucht, die rasch und gleichmässig gewachsen sind und kein Stockrot (Verfärbung) aufweisen. Sind die Holzer zu hinterst im Gohlgraben, wo ein Grossteil des Heim-Waldes liegt, fündig geworden, wird die Tanne gefällt und in der Gohl zum Säger gebracht. Auch er kennt die Finessen mittlerweile und liefert dann geschälte Blöcke von eineinhalb Metern Länge. «Das Holz darf nicht lange gelagert werden und sollte grün und feucht sein», erklärt Fritz Zaugg, «nur so bleibt der Span elastisch und geht nicht schon beim Zuschneiden in die Brüche.»

Von Wengi nach Bärau

Drinnen, im Holzzentrum, das nach dem Zuzug der autistischen Wohngruppe gebaut respektive erweitert worden ist, ist es hell und wohlig warm. An den Arbeitsplätzen sitzen Bewohnerinnen und Bewohner – einige sind sehr selbstständig, andere brauchen die Unterstützung der Betreuenden. Aber alle arbeiten gerne hier, weil man hier eben «richtig arbeiten» und nicht «gäggele» muss, wie sie sagen. Vorne beim Fenster steht Mano und flechtet sorgsam einen Korb nach dem anderen. «Nein, nein, nicht schwierig», sagt der Bewohner tamilischer Herkunft. «Schön, schöne Arbeit», ergänzt er und zeigt, wie geschickt er den Holzspan, den er mit Wasser feucht hält, flechten kann. Seit vielen Monaten macht er diese Arbeit. Denn früher bezog die Heimstätte den Span von Carl Bühler aus Wengi bei Frutigen, dem einzigen Holzspanbetrieb der Schweiz, um jährlich ein paar hundert Körbe herzustellen. Als Bühler vor Jahresfrist seinen Betrieb einstellen wollte, kaufte die Heimstätte die Maschine und rettete so die Schweizer Produktion vor dem Aussterben.

Ganzheitliches Öko-Projekt

Mit Manos Flechtarbeit sind die Körbe aber noch nicht fertig. Die Werke durchlaufen etliche Stationen, da wird geklopft, geschliffen, Ränder mit Leisten verstärkt und Henkel angebracht. Beat, ein junger Bewohner aus dem Weidenhaus, drückt zusammen mit Betreuern Bostitche ins Holz – eine Arbeit, die ihm behagt, aber grosse Konzentration fordert. «Dadurch, dass wir diese Produktion übernehmen konnten, gelang es, ein Dutzend neue Arbeitsplätze zu schaffen», sagt Fritz Zaugg. Im neuen Holzzentrum, dem auch eine Schreinerei und eine Kistenwerkstatt angehören, arbeiten täglich rund 30 Bewohner. Etliche von ihnen kommen aus der autistischen Wohngruppe, denn Erfahrungen zeigen, dass sich diese Menschen rund um den Rohstoff Holz besonders wohl fühlen.

Seit die Holzspanproduktion seit wenigen Monaten nun läuft, wurden in der Heimstätte bereits 1500 Körbe hergestellt, ein grosser Teil davon ging nach Emmenmatt, wo Berner Bauernkörbe (siehe Box) entstehen. Der Rest wird im eigenen Laden verkauft, für 4 bis 15 Franken. Das Projekt ist also ein ganzheitliches, das sich im Umkreis weniger Kilometer vom Rohstoff Holz bis hin zum fertigen Bauernkorb realisieren lässt. Sobald alle Kinderkrankheiten ausgemerzt sind und noch mehr Routine da ist, hofft die Heimstätte, die Produktion zu erhöhen. «Aber», sagt Stefan Rüfenacht, Betriebsleiter des kreativen Arbeitens, «bei allem, was wir in unseren Ateliers machen, geht es primär darum, die Bewohnenden sinnvoll zu beschäftigen.» Wirtschaftliche Interessen kämen erst an zweiter Stelle.

Und die Abfälle?

Noch tüfteln Stefan Rüfenacht und seine Mitarbeiter an der Nutzung der Spanabfälle. Auch da soll ein ökologisch sinnvolles Produkt entstehen, das von Bewohnern hergestellt werden kann. «Wir haben die Idee, aus den Resten mit Hilfe von Wachs Anzündhilfen zu machen», sagt Rüfenacht. Das Fabrizieren von Sternen und anderen Basteleien hält er für veraltet. nichtsdestotrotz: Aus Vorfreude auf Weihnachten haben die Bewohner an der Eingangstür zum Holzzentrum einige Weihnachtssterne aufgehängt – gefertigt aus Holzspan.

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