War der Chauffeur der Gehilfe?

Lyssach

Wegen Gehilfenschaft zu versuchter vorsätzlicher Tötung soll ein heute 37-jähriger Türke drei Jahre hinter Gitter. Dies fordert der Staatsanwalt. Die Verteidigung plädiert auf Freispruch. Das Urteil wird heute gefällt.

Vor der Disco Palma in Lyssach wurden im Mai 2010 sechs Schüsse abgegeben. Verletzt wurde niemand.

Vor der Disco Palma in Lyssach wurden im Mai 2010 sechs Schüsse abgegeben. Verletzt wurde niemand.

(Bild: Thomas Peter)

Urs Egli

Auf den ersten Blick ist der Fall, der seit gestern vom Regionalgericht Emmental-Oberaargau behandelt wird, nicht besonders kompliziert. Doch weil der Haupttäter zwei Jahre nach einer Schussabgabe verstarb, eines der Opfer nicht zum Gerichtstermin erschienen ist und sich der mutmassliche Gehilfe an keine Details mehr erinnerte, wurden die Nerven von Gerichtspräsident Samuel Schmid etwas strapaziert.

Aus der Ruhe liess er sich freilich nicht bringen, doch nach etlichen divergierenden Aussagen des beschuldigten 37-jährigen Türken K brachte Schmid dann doch den «heiligen Bimbam» ins Spiel. Zudem brummte der Gerichtspräsident jenem Opfer, das die Vorladung ignoriert hatte, einem Mann aus Bosnien-Herzegowina, eine Ordnungsbusse von 150 Franken und die Kosten für den unnötig aufgebotenen Übersetzer auf.

Im Stolz verletzt

«Wildwest in der Einkaufsmeile» sei sein erster Gedanke gewesen, als er von den Schüssen vor der Disco Palma in Lyssach gehört habe, sagte Staatsanwalt Marcel Meier gestern eingangs seines Plädoyers. Was war geschehen? Am Samstag, 15.Mai 2010, kam es zwischen dem Besucher M und dem Sicherheitsmann der Disco Palma, die etwas versteckt zwischen Conforama und Media-Markt in der Lyssacher Einkaufsmeile liegt, zu einer Auseinandersetzung. Nach verbalen Anwürfen ging es offenbar tätlich zur Sache. B soll M mit einem Stock dermassen traktiert haben, dass der Gemassregelte – der damals 26-jährige M aus Bosnien-Herzegowina – ausrastete. In seinem Stolz verletzt, trachtete dieser nach Rache.

Wer wusste und sah was?

Also liess sich M von seinem Bekannten K nach Inkwil chauffieren. Dort behändigte er gemäss Anklageschrift des Staatsanwalts im Haus seiner Eltern eine Schachtel Munition für eine Pistole. K, ein damals 33-jähriger Türke, fuhr danach mit M sowie dem ebenfalls im Auto mitreisenden C nach Biberist. C, der betrunken war, blieb zurück. M nahm eine Pistole aus Cs Auto und fuhr dann mit K zurück nach Lyssach, wo sie ihr Auto in einiger Distanz zur Disco Palma parkierten. Später rief C die beiden an. Warum er dies gemacht habe?, wollte Gerichtspräsident Schmid wissen. Er habe sich interessiert, ob M geschossen habe oder nicht. Dass Schüsse gefallen seien, habe er dann anderntags im Internet gelesen.

Was die drei während der Fahrt von Lyssach über Inkwil nach Biberist gesprochen haben, ist unklar. Bei der Befragung durch Gerichtspräsident Schmid gingen die Aussagen von C und K teilweise diametral auseinander. C sagte gestern als Zeuge aus, K stand als Beschuldigter vor dem Regionalgericht. C ist ebenfalls türkischer Herkunft und mit K entfernt verwandt. M seinerseits starb zwei Jahre nach der Tat im Alter von 28 Jahren.

Ein Rat blieb ungehört

Warum sie nach Inkwil gefahren seien?, wollte Schmid von Zeuge C wissen. «M sagte: ‹Bring mi hei, ich will Munition hole›», antwortete C. «Hat K dies verstanden?», fragte Schmid nach. Und C meinte: «Wenn er Deutsch kann, hat er es verstanden, sonst nicht.» Doch K, der sogar Berner Mundart versteht, wollte hiervon nichts gehört haben. Er wisse nur, dass M über den Sicherheitsmann und dessen Mutter übel geflucht habe. C wiederum meinte, M habe gesagt, er werde den Sicherheitsmann der Disco umbringen. Deshalb habe er, C, den Kollegen noch den Rat gegeben: «Mached kein Schyssdräck.»

Was nach der Ankunft von M und K bei der Disco Palma passierte, ist nicht in allen Details gesichert. Laut Staatsanwalt wurde K von M beauftragt, den Sicherheitsmann ins Freie zu holen, damit M mit ihm abrechnen konnte. Dieser sei der Aufforderung aber nicht nachgekommen, sondern habe sich nur zusammen mit dem Bruder des Discogeschäftsführers in einem Fenster im Obergeschoss gezeigt. Dann habe M sechs Schüsse in Richtung der beiden Kontrahenten abgegeben. Da er keinerlei Schiesskenntnisse gehabt habe, sei ein absichtliches Danebenschiessen nicht möglich gewesen, betonte Staatsanwalt Meier. Zum Glück für die beiden anvisierten Personen habe ein Stahlträger am Gebäude der Disco die Pistolenschüsse abgelenkt.

Verurteilung oder Freispruch?

André Vogelsang, der amtliche Verteidiger von K, zeichnete in seinem mehr als einstündigen Plädoyer ein anderes Bild als der Staatsanwalt. Auch hinterfragte er die Aussagen der geladenen Zeugen und jene des 2012 verstorbenen Schützen M. Dies auch darum, weil M und der Zeuge C gute Freunde gewesen seien.

Die These, dass K den Sicherheitschef im Auftrag von M aus der Disco habe holen müssen, sei falsch, betonte Vogelsang. Es gebe auch keine logische Antwort darauf, weshalb K einen ihm fremden Mann an dessen Wohnort hätte fahren sollen, um dort eine Waffe zu holen. An der Auseinandersetzung zwischen M und dem Sicherheitsmann sei K nicht beteiligt gewesen. Der Verteidiger unterstrich vielmehr Ks Aussage, wonach er in die Disco gegangen sei, um nach Ms verlorenem Schlüssel zu suchen.

Heute wird das Urteil verkündet. Wegen Gehilfenschaft zu versuchter Tötung des Sicherheitsmannes fordert Staatsanwalt Meier für K eine Freiheitsstrafe von drei Jahren. Verteidiger Vogelsang dagegen verlangt einen Freispruch in allen Punkten sowie eine Entschädigung, weil K als Folge der Untersuchungshaft die Stelle verloren habe.

Berner Zeitung

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