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«Wenn ich hier raus muss, verschwinde ich unter der Erde»

Mit einer Mischung aus Wut und Verständnis blicken Mieter der 130 Wohnungen am Burgdorfer Uferweg dem geplanten Abriss ihrer Häuser entgegen. Die alten Blöcke sollen durch eine moderne Siedlung ersetzt werden.

«Wenn ich hier raus muss, verschwinde ich unter der Erde»: Hans Röthlisberger lebt seit 56 Jahren am Burgdorfer Uferweg.
«Wenn ich hier raus muss, verschwinde ich unter der Erde»: Hans Röthlisberger lebt seit 56 Jahren am Burgdorfer Uferweg.
Thomas Peter

Hinter den Türen ist Leben. Es wird telefoniert, Geschirr scheppert, Radios plärren. Doch das Klingeln verhallt in den meisten Wohnungen scheinbar ungehört.

Beim Warten im Gang – es riecht nach Bratensauce und Putzmitteln – stellt man sich vor, wie der Mann oder die Frau auf der anderen Seite versucht, jetzt ja kein Geräusch zu machen. Es könnte das Betreibungsamt sein. Oder die Polizei. Denn wer hier lebt, steht finanziell nicht auf der Sonnenseite. «Viele alte und sozial schwache junge Leute» hätten am Burgdorfer Uferweg einen Platz zum Sein gefunden, sagt Familienvater Frank Schaumburg aus dem Haus Nummer 30.

Dass die 50er-Jahre-Blöcke mit insgesamt 130 Wohnungen abgerissen und durch eine Siedlung mit Eigentumswohnungen ersetzt werden sollen, stört Schaumburg nicht. Ganz im Gegenteil: Mit Blick auf die veraltete Bausubstanz und die sanierungsbedürftige Isolation der Häuser finde er, es sei «schon gut, wenn die Blöcke plattgemacht werden».

Wohin er mit seiner Familie nach dem Abriss ziehen soll, wisse er noch nicht. «Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist». Eile sei kaum geboten: «Wenn die Hausbesitzer hinter dem Neubau Einsprachen erheben, dauert das noch mindestens fünf Jahre.»

«Vor allem die Älteren»

Als Hauswart hat Hans Oppliger täglich mit Mieterinnen und Mietern am Uferweg zu tun. Bedenken wegen des Abbruchs hätten «vor allem die Älteren», weiss er. «Einige von ihnen haben ihr ganzes Leben hier verbracht und wissen nun nicht, ob sie noch eine neue Wohnung suchen oder sich in einem Heim anmelden sollen.»

Das grosse Gesprächsthema sei das Siedlungsprojekt im Quartier allerdings nicht. Oder noch nicht: «Die Leute reden mit mir höchstens darüber, wenn ich sowieso bei ihnen bin, um etwas zu flicken.»

Sanierung «viel zu teuer»

Persönlich enthalte er sich in Sachen Neubau jeglichen Kommentars. Fest stehe, dass eine Rundumsanierung der bestehenden Gebäude «viel zu teuer» wäre. Vor allem energietechnisch liege in den Häusern vieles im Argen.

Helene Heiniger haust seit 13 Jahren in einer Dreizimmerwohnung am Uferweg 20. Sie befürchtet, dass es schwierig werden könnte, zu ähnlich günstigen Konditionen eine Alternative zu finden.

Lieber nicht ins Heim

In ein Heim würde die 76-Jährige nur sehr ungerne zügeln. «Lieber ziehe ich in eine kleinere Wohnung.» Das Problem sei, dass sie wegen ihres Rückenleidens in absehbarer Zeit auf einen Lift angewiesen sei. Das vereinfache die Suche nach einer Bleibe nicht.

Spürbar verbittert sagt Hans Röthlisberger vor seiner Wohnung : «Wenn ich hier raus muss, verschwinde ich unter der Erde.» Woanders zu leben als am Uferweg 18 komme für ihn nicht in Frage. In diesen Wänden habe er mit seiner inzwischen verstorbenen Frau fünf Kinder grossgezogen. An einen Umzug in ein Altersheim verschwendet der ehemalige Hausmeister keinen Gedanken: «Dann bin ich lieber da», wiederholt Röthlisberger. Und zeigt mit dem Finger zum Boden.

Im Gegensatz zu Frank Schaumburg hat der Senior für die Abbruchpläne der Personalvorsorgestiftung Previs aus Wabern – ihr gehören die Uferweg-Blöcke – kein Verständnis: «Diesen Leuten ist unser Quartier einfach nicht mehr modern genug», glaubt er. «Und letztlich geht es ja doch nur ums Geld.»

Kopfschüttelnd zieht sich der 87 Jahre alte Mann in die heimelige Wohnung zurück, in der er 56 Jahre seines Lebens verbracht hat. Zaghaft winkt er zum Abschied.

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