Langnau

Mit Schlagzeug und Trompete

LangnauZwei Quartette, die unterschiedlicher kaum sein könnten, eröffneten die Jazz Nights in der Kupferschmiede.

Die Musik von Trompeter Ambrose Akinmusire und seinen Kollegen lässt die Füsse wippen und reizt zum Tanzen.

Die Musik von Trompeter Ambrose Akinmusire und seinen Kollegen lässt die Füsse wippen und reizt zum Tanzen. Bild: Olaf Nörrenberg

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Dass die Langnau Jazz Nights nicht nur nachts, sondern ganztags stattfinden, erlebte das zahlreich erschienene Publikum am späten Dienstagnachmittag. Auf dem Viehmarktplatz zeigten Workshopteilnehmer vom Dreikäsehoch bis zum ergrauten Rentner anhand bekannter Jazztitel, was sie gelernt hatten.

Saxofonist Ivo Prato, Mitglied des Dozententeams, verwies auf die Beliebtheit der Workshops und meinte: «Es ist nicht immer leicht, die Bedürfnisse der Teilnehmenden unter einen Hut zu bringen. Die Vorkenntnisse sind halt unterschiedlich. Aber die Aufgabe macht Freude.»

Als Walter Schmocker, der «Vater» der Jazz Nights, ein paar Stunden später den Anlass in der Kupferschmiede eröffnete, schlug ihm eine Welle der Sympathie entgegen. Schmocker dankte den vielen ehrenamtlich tätigen Helfern und Helferinnen: «Nur wegen ihnen gibt es die Langnau Jazz Nights bereits zum 27. Mal.»

Geschickt konzipiert

Schlagzeuger Mark Guiliana eröffnete mit seiner Band die Konzertreihe. Vielen ist er unbekannt, denn er investiert den Grossteil seiner Zeit in Lehrtätigkeit. In Musikerkreisen wird er aber längst zu den besten Perkussionisten der Welt gezählt.

Trommelnde Bandleader können zum Problem werden, wenn sie mit Virtuosität und Lautstärke die Arbeit der Kollegen buchstäblich zu erschlagen drohen. Guiliana verfügt zwar über beides, Virtuosität und Lautstärke, aber er hat das Zusammenspiel im Quartett so geschickt konzipiert, dass von einem Zutrommeln der Mitspieler keine Rede sein kann.

Jason Rigby blies sein Tenorsax mit genialer Zurückhaltung und erreichte mit wenigen Tönen mehr Wirkung als andere mit vielen. Shai Maestro am Piano begleitete – nomen est omen – meisterhaft. Er umschlich mit der Geschmeidigkeit einer Katze das Spiel der anderen und verlieh ihm dadurch Nachdruck.

Bassist Chris Morrissey legte zupfend oder streichend das Fundament für eine Musik, die mit ihrer Beschränkung auf das Wesentliche eine einmalige Effizienz erzielt. In der Pädagogik nennt man das seit Wagenschein «Mut zur Lücke».

Scheinbare Kleinigkeit

Wie vielfältig die Erscheinungsformen des Jazz sind, äusserte sich mit dem Auftritt des Headliners des Abends, des Trompeters Ambrose Akinmusire. Die grosse Diskrepanz zwischen den Gruppen – beides Quartette – zeigte sich in einer scheinbaren Kleinigkeit.

Bei Guiliana blieben die Füsse der Musiker ruhig, bei Akinmusire wippten sie mit. Seine Musik reizt zum Tanzen, ganz so, wie man es sich von den ältesten Jazzstilen gewohnt ist. Bei Giuiliana dachte man an europäische Musikbegriffe wie «cantabile» oder «sostenuto», bei Akinmusire geht es um souligen Groove und Black Power.

Die Trompete des Leaders und das Piano von Sam Harris, einziger Weisser in der Band, begannen mit der Eigenkomposition «Backstory of the Lady Who Hugged Glaciers». Dann folgten Titel vom kürzlich erschienenen Doppelalbum «A Rift in Decorum: Live at the Village Vanguard».

Anhand von Nummern wie «Response» im ungewohnten Dreivierteltakt, «Condor» mit einem umwerfenden Solo des Bassisten Harish Raghavan und «Vartha» vom 2014er Album «The Imagined Savior Is Far Easier to Paint» zeigte die Band, was sie zu einer führenden Formationen der aktuellen Szene macht: die spielerische Leichtigkeit, stilistische Grenzen zu überspringen und in der gleichen Nummer traditionellen Postbop, Free Jazz und moderne Avantgarde zu vereinen.

Das kurze, unerwartete Einsteigen von Saxofonist Greg Osby und Pianist John Escreet in Akinmusires «Trumpet Sketch» sollte wohl auf deren eigene Auftritte aufmerksam machen, schlug aber weniger ein als die übrigen Nummern. Die Zugabe in Form des Evergreens «Body and Soul» beschloss einen fulminanten Abend. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.07.2017, 18:56 Uhr

Das Programm

Die Langnau Jazz Nights dauern noch bis kommenden Samstag, 29. Juli. Nebst den Konzerten in der Kupferschmiede ist auch auf dem Viehmarktplatz immer etwas los: Jeweils ab 17 Uhr lassen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Workhops hören, was sie gelernt haben. Um 19 Uhr übernehmen die Bands des Junior Jazz Meetings. Mit diesem Anlass wurde eine Plattform für junge Musiker geschaffen. Eingeladen werden Bands aus der ganzen Welt, deren ­Mitglieder das 26. Altersjahr noch nicht überschritten ­haben. we

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