Wolf, Du hast die Geiss gestohlen

Mehrmals wurde ein Wolf in den letzten Wochen im Grenzgebiet Hohgant gesichtet. Er bewegt sich nahe an den Alphütten, auch tagsüber. Esther Gfeller störte das Tier, als es eine ihrer Geissen auf der Alp Tannisboden riss.

Ungetrübte Zeiten: Esther und Ueli Gfeller sömmern ihre Ziegen auf Alp Tannisboden.<p class='credit'>(Bild: Daniel Fuchs)</p>

Ungetrübte Zeiten: Esther und Ueli Gfeller sömmern ihre Ziegen auf Alp Tannisboden.

(Bild: Daniel Fuchs)

Direkt unter dem Brienzergrat ist die Welt eine idyllische. Hier, auf dem Boden der Luzerner Gemeinde Flühli, sömmert das Vieh von Familie Gfeller. Rinder und Geissen bringen Landwirt und SVP-Grossrat Ueli Gfeller und seine Frau Esther Gfeller, Bäuerin und Alpkäserin, von ihrem Betrieb in Wald bei Schangnau hoch auf die Alp Tannisboden. Bis Ende September bewirtschaften sie den Betrieb mit Alpkäserei und empfangen gerne Gäste.

Auch am Montagabend sei Besuch da gewesen, erzählt Ueli Gfeller. Man habe in der beginnenden Dämmerung gemeinsam in die Landschaft hinausgeschaut, als plötzlich grosse Unruhe die Rinderherde erfasste. Geissenglocken bimmelten unablässig. «Wir kennen dieses seltsame Gefühl», sagt er. «Schliesslich stehen wir auf der Alp jeden Morgen auf und schauen nach, ob noch alle Tiere da sind.»

Esther Gfeller sei aufgeschreckt und zum Stall hinübergelaufen. Da musste sie mitansehen, wie eine ihrer Geissen mit Bissverletzungen an Hinterbein und Hals verblutete. Den Angreifer muss sie dabei gestört haben, er verschwand ungesehen.

Die anderen Ziegen hatten in der Rinderherde Zuflucht gesucht. Eine zweite Geiss, so stellte sich heraus, hatte der Wolf am Uter verletzt. Sie muss dem Grossraubtier entkommen sein, mutmasst Gfeller, worauf es sich auf die nächste stürzte.

Vom Älpler vertrieben

Es ist nicht das einzige Nutztier, das der Wolf in der Hohgant­region in den letzten Wochen ­gerissen hat. Vor einer Woche ist auf der Nachbaralp Arnibergli ein Gitzi spurlos verschwunden. Weitere Fälle von Wolfsattacken hat die Vereinigung zum Schutz von Wild- und Nutztieren vor Grossraubtieren im Kanton Bern zusammengetragen.

Begonnen habe es mit der Besömmerung. An jenem Tag, als eine andere Familie namens Gerber die Wimmisalp bestiess, besuchte ein Wolf kurz nach 17 Uhr die Schafherde in unmittelbarer Nähe der Sennhütte. Der Älpler jedoch habe das Tier, das zwei verletzte Schafe hinterliess, vertreiben können. Doch es kehrte noch in derselben Nacht zurück und riss mehrere Schafe.

Innert zweier Wochen seien weitere Ziegen auf anderen Alpen gerissen und schwer verletzt worden, erzählt Thomas Knutti als Präsident der Vereinigung. «Seit diesen Ereignissen können die Bewirtschafter der Alpen kaum noch ruhig schlafen», schreibt der Oberländer SVP-Grossratskollege von Gfeller ins Communiqué. Besorgniserregend sei insbesondere, dass sich dieser Wolf sehr nahe an den Menschen bewege – und das sogar bei Tageslicht.

Eine Forderung steht im Raum

Die Vereinigung schreibt sämtliche Attacken dem Tier M76 zu – und zählt sie zu jenen 31 Übergriffen, welche die Jagdstatistik 2017 diesem Wolf zuordnet. Knutti räumt auf Nachfrage allerdings ein, dass nicht alle Resultate der DNA-Untersuchungen vorliegen.

Knutti und Co. fordern eine Abschussbewilligung und stützen sich dabei auf das Wolfskonzept Schweiz, das bei konkreter Gefährdung in Einzelfällen Abschüsse vorsieht. Diese Forderung habe die Vereinigung Anfang Monat beim Jagdinspektorat vorgebracht.

Gfeller, ebenfalls Mitglied der Vereinigung, will nicht auf einen Abschuss hinaus. Er findet allerdings, dass nicht erst nach 30 bis 40 Rissen zuungunsten eines Wolfes entschieden werden sollte. Der Schaden sei ohnehin angerichtet. «Es geht uns nicht um die Entschädigung», stellt Gfeller klar. «Uns tut das sehr weh.» Zuzuschauen, wie ein Wolf eines der Tiere zerreisse, das man grossgezogen habe, sei grauenhaft.

Gfellers haben entschieden, ihre vier verbliebenen Ziegen nicht Tag und Nacht im Stall zu belassen. Stattdessen bringen sie sie zurück ins Tal. Einige andere Älpler hätten sich für gleiche Schritte entschieden, sagt Gfeller. Für die Alpen sei das indes nachteilig, weil sie so vergandeten und verunkrauteten.

Berner Zeitung

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