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Bei ihnen dreht sich alles um Orgeln

Christian und Elisabeth Anliker sind begeisterte Drehorgelspieler. Die Faszination für die mechanischen Instrumente zeigt sich beinahe in jedem Zimmer in ihrem Haus im Emmental.

Mit viel Feingefühl spielt Christian Anliker auf der über neunzig Jahre alten Drehorgel. Seine Frau Elisabeth lauscht verträumt der Melodie.
Mit viel Feingefühl spielt Christian Anliker auf der über neunzig Jahre alten Drehorgel. Seine Frau Elisabeth lauscht verträumt der Melodie.
Überall im Haus finden sich mechanische Instrumente. Wie etwa hier im Büro, wo sich Spieldose an Spieldose reiht.
Überall im Haus finden sich mechanische Instrumente. Wie etwa hier im Büro, wo sich Spieldose an Spieldose reiht.
Raphael Moser
Jedes Stück besitzt seine eigene Geschichte. Diese Dose etwa lieferte die Filmmusik zu Peter von Guntens «Die Auslieferung».
Jedes Stück besitzt seine eigene Geschichte. Diese Dose etwa lieferte die Filmmusik zu Peter von Guntens «Die Auslieferung».
Raphael Moser
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Christian Anlikers Blick ist konzentriert in die Ferne gerichtet, während er auf der Drehorgel spielt. Sein rechter Arm betätigt die Kurbel, und die linke Hand liegt locker auf den Registern an der Seite des Orgelkastens, der im Takt der fröhlichen Melodie schaukelt. Ehefrau Elisabeth Anliker steht daneben, sieht ihrem Mann verträumt zu und wiegt sich, im Rhythmus des Stücks, leicht hin und her.

Seit vierzig Jahren sind Christian und Elisabeth Anliker glücklich verheiratet. Ihr Leben drehte sich stets um die beiden Töchter, das gemeinsame Büro für Architektur – und um Drehorgeln. Sie habe ihren Mann sogar dreh­orgelspielend kennen gelernt, ­erinnert sich die 68-Jährige.

Christian Anliker erbte die Leidenschaft von seinen Eltern, die begeisterte Sammler von mechanischen Musikinstrumenten waren. Und auch heute noch liessen sich die jüngeren Familien­mitglieder von der Faszination anstecken, erzählen Anlikers: «Wenn unsere Enkelkinder zu Besuch sind, kann es gut sein, dass sie plötzlich anfangen, eine der Drehorgeln zu spielen.»

Das selbstspielende Klavier

Die Begeisterung für mechanische Instrumente zeigt sich auch in Anlikers Haus. Das sanft restaurierte und mit modernen Elementen versehene Bauernhaus liegt in Affoltern im Emmental, umgeben von weiten Feldern und sanften Hügeln. In beinahe jedem der verschachtelten Zimmer findet sich eine andere «mechanische Spielerei».

Beispielsweise in den Büroräumen im zweiten Stock, wo sich eine Spieldose an die nächste reiht. Zu fast jedem der hölzernen Kästen kann der 71-Jährige eine andere spannende Geschichte erzählen. Ein Exemplar etwa lieferte die Musik zu Peter von Guntens Film «Die Auslieferung».

«Der beauftragte Filmmusiker liess den Regisseur hängen», sagt Christian Anliker, «also kam Peter von Gunten hilfe­suchend zu uns und fragte, ob wir ihm weiterhelfen könnten.» Sie konnten.

Jedes Instrument in Anlikers Besitz verfügt gleich über mehrere Liederrollen, -scheiben oder -walzen, von denen das Paar einige sogar extra anfertigen liess. Auf dem Pianola etwa, dass sich im Esszimmer im untersten Stock befindet, liegen mehrere fein säuberlich verpackte Papierrollen.

Das auf den ersten Blick eher unscheinbare Klavier steht neben dem langen Esstisch, an dem gut zwei Dutzend Leute Platz finden. Und als Christian Anliker das Stromkabel einsteckt, fängt das Instrument von ganz allein an zu spielen.

Anlaufstelle für alte Stücke

Wie bei vielen anderen Instrumenten auch haben Anlikers nicht aktiv nach dem Pianola gesucht. Es hat den Weg zu ihnen vielmehr von allein gefunden. «Bekannte fragten an, ob wir das Klavier nicht übernehmen würden, weil der ehemalige Besitzer keinen Platz mehr dafür hatte», erzählt Elisabeth Anliker, «es wäre einfach zu schade gewesen, wenn es auf dem Müll gelandet wäre.»

Die Drehorgelszene in der Schweiz ist übrigens nicht allzu gross: Es gibt einen landesweiten Verein, dessen Mitglieder sich untereinander meist gut kennen. Christian und Elisabeth sind nicht nur Gründungsmitglieder des Vereins – sie wissen auch genau, bei wem man die heiklen Orgeln restaurieren lassen könnte.

Entsprechend halfen sie öfter ­dabei, wenn eine Drehorgel einen neuen Besitzer suchte. Auf diesem Weg gelangten auch einige von Anlikers eigenen Instrumenten ins Emmental: Sechs Dreh­orgeln besitzt das Ehepaar.

Fragt man Christian Anliker nach seinem Lieblingsstück, muss er nicht lange überlegen. Behutsam holt er eine der grösseren Drehorgeln unter der Decke hervor, die das Instrument vor Sonne und Staub schützt. Zum Vorschein kommt eine besonders schöne Drehorgel, deren schwarze Front mit goldenen Ornamenten sowie mit drei Landschaftsmalereien versehen ist.

Es handelt sich um ein Exemplar der Marke Bacigalupo, 1923 hergestellt in Berlin. Wie bei jedem Instrument, das Anliker vorzeigt, dauert es nicht lange, bis er darauf spielt: Die Drehorgel klingt kräftig und laut, während Anliker den Schneewalzer intoniert.

Tagelang an Festivals

Früher nahmen das Ehepaar und ihre Töchter die Orgeln oft mit auf die Strasse und spielten an verschiedenen Anlässen und Festivals. Einen besonderen Stellenwert nahm dabei jeweils das Berner Drehorgelfestival ein: Anlikers gründeten dieses 1979 und haben unter anderem mühsam mit den Behörden verhandelt, damit die Künstler überhaupt unter den Lauben spielen dürfen. «Vorher gab es so etwas wie Strassenmusik in der Stadt Bern gar nicht», sagt Christian Anliker.

Mehrere Jahre füllte das Berner Drehorgelfestival die Gassen der Stadt mit Musik. Mittlerweile findet es jedoch nicht mehr statt. «Das ist nicht schlimm», findet Elisabeth Anliker, «wir wollten das Festival sowieso nie zu einem fixen, jedes Jahr stattfindenden Anlass machen. Es ging uns hauptsächlich darum, die Freude an der Musik weiterzugeben.»

Heute erinnert sich das Ehepaar gerne an die Zeit zurück, in der sie an Festivals spielten. Missen tun sie diese aber nicht. Es sei nämlich ziemlich anstrengend, den ganzen Tag Drehorgel zu spielen. Auch wenn es für den Laien vielleicht leicht aussieht: Die Kurbel zu betätigen, braucht einiges an Kraft.

«Wenn man den ganzen Tag lang Drehorgel spielt, hat man am Tag danach garantiert Muskelkater», sagt Elisabeth Anliker. Hinzu kommt, dass jedes Lied seinen eigenen Rhythmus besitzt. Es reicht also nicht, die Kurbel in einem konstanten Takt zu drehen, sondern die Armbewegungen müssen dem Lied genau angepasst werden, was einiges an Feingefühl benötigt.

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