Bisse, Bussen, Bauchgefühl

Burgdorf

Weil sein Hund andere Vierbeiner verletzt hatte, wurde der Besitzer gebüsst. Er zog den Fall weiter. Und traf auf einen Richter, dem nichts ferner lag, als ihn zu verurteilen.

Maulkörbe in einem Laden für Tierbedarf: Weil sein Hund andere Vierbeiner verletzt hatte, stand ein Mann in Burgdorf vor Gericht. Er hätte seinem Hund einen Maulkorb anziehen müssen.

Maulkörbe in einem Laden für Tierbedarf: Weil sein Hund andere Vierbeiner verletzt hatte, stand ein Mann in Burgdorf vor Gericht. Er hätte seinem Hund einen Maulkorb anziehen müssen.

(Bild: Keystone)

Johannes Hofstetter

«Die Nähe zu den Menschen» sei einer der schönsten Aspekte seiner Arbeit. Das sagte Roger Zuber, nachdem er Anfang dieses Jahres sein Amt als Präsident des Regionalgerichts Emmental-Oberaargau angetreten hatte.

Wichtig sei für ihn «das Bauchgefühl», fügte er an. «Wenn ich merke, dass der Kopf etwas anderes sagt als der gesunde ­Menschenverstand, gehe ich lieber noch einmal über die Bücher, als etwas zu tun, hinter dem ich nicht voll und ganz stehen kann.»

Was er mit der «Nähe zu den Menschen» und dem «Bauchgefühl» meinte, zeigte Zuber, der sich sein Jusstudium als Taxifahrer, Canyoning- und Raftingguide, Monteur und Bauarbeiter finanziert hatte, am Dienstagnachmittag. Vor ihm sass ein Rentner aus dem Raum Burgdorf.

Wegen «Nichttreffens der nötigen Vorkehrungen, damit der Hund Menschen und Tiere nicht gefährdet», büsste ihn die Staatsanwaltschaft mit 600 Franken. Nach Ansicht der Anklage hatte sein Vierbeiner eine Artgenossin am linken Hinterbein verletzt.

Abgesehen davon habe der Mann gegen die Verfügungen des Veterinärdienstes verstossen: Beim Gassigehen hätte der Hund – über den das Amt im Laufe der Jahre eine armdicke Akte angelegt hat – einen Maulkorb tragen müssen.

Zwei Monate vor diesem Vorfall war der Mann schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Damals konnte er die angeleinte Hündin «nicht unter Kontrolle halten, sodass es ihr möglich war, einen Jack-Russell-Terrier anzugreifen und diesen mit mehreren Bissen mittelgradig zu verletzen».

Dafür gabs eine Busse von 600 Franken. Die Gebühren beider Verfahren beliefen sich auf 600 Franken. Statt die total 2000 Franken zu bezahlen, zog der Pensionär den Fall weiter ans Regionalgericht Emmental-Oberaargau.

Ehe die Verhandlung begann, liess Roger Zuber den Mann über seinen liebenswürdigen Hund reden und über seine Erziehungsbemühungen und über die unglücklichen Umstände, die zu den Beissattacken geführt hatten.

Für Roger Zuber wäre es daraufhin ein Leichtes gewesen, den Beschuldigten all seinen Unschuldsbeteuerungen zum Trotz zu verurteilen. «Sie haben gegen eine Verfügung des Veterinärdienstes verstossen, als Sie darauf verzichteten, dem Tier einen Maulkorb anzulegen. Das genügt mir für einen Schuldspruch bereits», gab Zuber dem Mann zu verstehen.

Deshalb rate er ihm dringend, noch einmal darüber nachzudenken, ob er dieses Verfahren samt Einvernahme, allfälliger Zeugenbefragungen und einer Urteilsberatung wirklich durchgezogen haben wolle. «Wenn ich ihr Kollege wäre, würde ich Ihnen raten: ‹Lass es bleiben. Das wird für dich nur noch teurer.›»

Wenn er die Einsprache jetzt fallen lasse, komme ihn die ganze Geschichte, wie bis anhin, auf 2000 Franken zu stehen, rechnete Zuber dem Mann vor. Dazu komme etwas an Gebühren für diesen Prozess. Falls er auf einer Hauptverhandlung beharre und gegen die Staatsanwaltschaft verliere, würde plus/minus noch einmal dieselbe Summe fällig.

Dann ging es auf einmal sehr schnell: «Ich gebe ja zu, dass etwas passiert ist», sagte der Senior. «Aber woher soll ich die 2000 Franken nehmen?» Nach einer sekundenkurzen Denkpause offerierte ihm der Vorsitzende einen Sonderpreis: Bei einem sofortigen Rückzug würde er ihm für dieses Verfahren nur noch 100 Franken zusätzlich in Rechnung stellen.

Ihr Hund frisst ihnen ja die letzten Haare vom...Einzelrichter Roger Zuber

«Sie sind finanziell schon genügend belastet, und darüber hinaus frisst Ihnen Ihr Hund ja die letzten Haare vom...», sagte Zuber. In diesem Moment fiel ihm auf, dass vor ihm tatsächlich ein fast kahlhäuptiger Mann sass. Er liess den Satz unvollendet im Saal 6 des Gerichtsgebäudes hängen.

Dass er ihn nicht zu Ende formulierte, spielte keine Rolle. Es war alles gesagt, alles geklärt und alles erledigt. Statt einen Menschen für einen Fehler zu bestrafen, hatten der Richter und sein Bauchgefühl jemanden davor bewahrt, einen zu begehen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt