Zum Hauptinhalt springen

Der getrübte Ruf des Herzogs

Die Zähringerfahne wird am Sonntag über dem Schloss Burgdorf wehen – genau 800 Jahre nach dem Tod von Berthold V., dem letzten Herzog von Zähringen. Sein Ruf ist allerdings nicht über alle Zweifel erhaben.

Herzog Berthold V. von Zähringen hoch zu Ross, in der Hand die Fahne seines Geschlechts, im Hintergrund das Schloss Burgdorf. Dieses Bild schuf H. Gabriel 1973.
Herzog Berthold V. von Zähringen hoch zu Ross, in der Hand die Fahne seines Geschlechts, im Hintergrund das Schloss Burgdorf. Dieses Bild schuf H. Gabriel 1973.
Thomas Peter

Mit vielerlei Aktivitäten wurde auf Schloss Burgdorf des 18. Februar 1218 Jahr für Jahr gedacht – doch just heuer, genau 800 Jahre nach dem Tod des Herzogs von Zähringen, Berthold V., wird es keinerlei Events geben. Wegen der unmittelbar bevorstehenden Bauarbeiten kann sich das Zähringervolk nicht auf der Festung versammeln. Einzig die Zähringerfahne, der stolze rote Aar auf gelbem Grund, wird am Sonntag vom Burgfried grüssen.

Gedacht wird damit des letzten Zähringerherzogs, der die bereits bestehende Festung um das Jahr 1200 grosszügig ausbauen liess und diese dann ab und an als Residenz nutzte. Nach dem Tod von Berthold V. ging das Schloss in den Besitz der Kyburger über und kam 1384 zu Bern.

Die Stimmen aus der Hölle

Berthold V hatte das Herzogsamt 1186, im Alter von 25 Jahren, von seinem Vater Berthold IV., geerbt und sollte der Letzte aus dem ­Geschlecht der Zähringer sein: Seine Ehe mit Clementia von Auxonne blieb kinderlos.

Für Kirchenvertreter war es ein Segen, dass das Geschlecht keine Zukunft hatte. Während der Recherchen für seine Forschungsarbeit «Berthold V., der letzte Zähringer» hat Dieter ­Geuenich nämlich wenig Erfreuliches über den Regenten erfahren. Gemäss schriftlichen Zeugnissen unterstellte Bischof Ber­thold von Lausanne dem Herzog von Zähringen – allerdings erst 2 Jahre nach dessen Tod – diverse schwerwiegende Vergehen: Raub von Kirchengütern, Brandschatzungen, Morde, Körperverletzungen und Verstümmelung von Gliedern. Und dies nicht nur an Laien, sondern auch an Klerikern und Priestern.

3 Jahre nach Bertholds Tod wusste der Zisterzienser Caesarius von Heisterbach von einer Begebenheit aus der Hölle zu berichten, die ihm zwei Äbte glaubhaft zugetragen hätten: Just am 18. Februar 1218 hätten Leute in der Nähe eines Vulkans eine unbekannte Stimme gehört, die wiederholt gerufen habe: «Heizt den Ofen ein.» Eine zweite Stimme habe dann gefragt: «Für wen soll ich heizen?»

Darauf habe die erste Stimme geantwortet: «Unser lieber Freund, der Herzog von Zähringen, kommt hierher, der so viel für uns getan hat.» Erklärend habe Caesarius hinzugefügt: «Jener Herzog war ein unmensch­licher Tyrann, ein Plünderer des Erbes von Edlen und Geringen, und ein Verleugner des katholischen Glaubens.» Geizig und gierig sei er gewesen, hatte der Heisterbacher Mönch dem Zähringerherzog angelastet.

Üble Schandtaten

Ein anderer Zeitgenosse pflichtete dem Mönch bei. «Äusserst geizig und von jeglicher Ungerechtigkeit» sei Berthold V. gewesen. Grausamkeit sei nach der Überlieferung eine andere seiner Untugenden gewesen. «Das Bild des grausamen Tyrannen geht wohl vor allem auf die Tennenbacher Mönche zurück, die den Zähringer als ‹dux crudelissimus›, als grausamsten Herzog, bezeichnet haben», schreibt Dieter Geuenich in seiner Arbeit. Spätere Sagen hätten ihm noch weitere Schandtaten angedichtet: die Ermordung seiner Gemahlin und der Verzehr von Menschenfleisch.

Städtische Unterstützung

Allerdings: Die ganze Welt hatte Berthold V. nicht gegen sich. Im Kampf mit dem Bischof habe er sich auf die Stadtbürgerschicht stützen können. Diese sei dem Herzog eng verbunden gewesen. «Fromme und tapfere Leute» würden sie in der Berner Chronik genannt. «Aus dieser Schicht hören wir entsprechend positivere Bewertungen des letzten Zähringers, die den vorerwähnten Urteilen in den Aufzeichnungen von klösterlicher und kirchlicher Seite diametral entgegenstehen», schreibt Geuenich in seiner wissenschaftlichen Arbeit. Gute Noten bekam Berthold V. von der Chronik der Stadt Bern. Der Zähringerherzog sei ein grosser Herr gewesen, der viele grosse Dinge getan habe.

Schwierig ist es da, abzuwägen, ob man den Argumenten der kirchlichen katholischen Seite oder der weltlichen Stadtberner Seite mehr Beachtung schenkt, wenn es um die Frage geht: Soll man des morgen Sonntag vor genau 800 Jahren verstorbenen Berthold V., Herzog von Zähringen, still gedenken, oder soll man die Taten in seinem 57-jährigen Leben feiern?

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch