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Der «Polenstock» aus dem Emmental

Ein internierter Pole schnitzte 1940 einen kunstvoll verzierten Holzstock. Dieser befindet sich seither im Besitz der Familie Liechti aus Biembach.

Stattlicher Stock:  Anton Liechti mit dem  115 Zentimeter langen «Polenstock». Ob er  ursprünglich  als Spazierstock diente oder bloss zum Zeitvertreib kunstvoll verschönert wurde, das ist nicht bekannt.
Stattlicher Stock: Anton Liechti mit dem 115 Zentimeter langen «Polenstock». Ob er ursprünglich als Spazierstock diente oder bloss zum Zeitvertreib kunstvoll verschönert wurde, das ist nicht bekannt.
Marcel Bieri
Jahreszahl: Der Stecken wurde 1940 bearbeitet.
Jahreszahl: Der Stecken wurde 1940 bearbeitet.
Marcel Bieri
Sorgfältig  verziert:  Wer auch immer hier am Efeu­schnitzen war – er verstand  sein Handwerk.
Sorgfältig verziert: Wer auch immer hier am Efeu­schnitzen war – er verstand sein Handwerk.
Marcel Bieri
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Im Juni 1940 wurden 12 500 Polen, die vor den Nazis flüchteten, in der Schweiz aufgenommen. Ein Teil von ihnen wurde südöstlich des Bahnhofs Hasle-Rüegsau in einer stillgelegten Hühnerfarm einquartiert. Die ­internierten Soldaten leisteten verschiedene Arbeitseinsätze – unter anderem halfen sie mit bei der Bachverbauung in Biembach.

Unbekannter Künstler

An einem Morgen im August 1940 marschierte wie schon so oft eine Kolonne polnischer Flüchtlinge entlang der Biembachstrasse in Richtung der Verbauung. Frieda Liechti-Zurflüh beobachtete die Szene von ihrem Haus aus. «Meine Grossmutter sah dann, wie einer der Männer ein Stück Holz ans gegenüberliegende Waldbort warf», erzählt ihr Enkel Anton Liechti (50). «Als die Männer fort waren, ging sie nachschauen.» Und sie staunte nicht schlecht: Es handelte sich nämlich um einen wunderschönen, kunstvoll mit geschnitztem Efeu verzierten Holzstock. Eingeritzt ebenfalls die Jahreszahl 1940, in dem der unbekannte Künstler den Stecken veredelte.

«Gefährlicher» Einsatz

Grosmutter Liechti nahm das gute Stück kurzerhand mit nach Hause. Der 115 Zentimeter lange «Polenstock», wie er fortan genannt wurde, erhielt einen Ehrenplatz im Wandschrank neben der Küche. Und er kam einmal gar zu einem ganz speziellen Einsatz: Er diente als Waffe! Anton Liechti: «Mein Grossvater war nicht zu Hause, und die Grossmutter hörte einen undefinierbaren Lärm rund ums Haus. Also packte sie den Stock und ging nachschauen. Aber ohalätz: «Der vermeintliche Einbrecher entpuppte sich als Sturzbetrunkener, der auf der Terrasse lag.»

Gemeinsam mit seiner Frau Silvia und den beiden Kindern Lorenz und Alexander bewohnt Anton Liechti bereits in der dritten Generation das Haus an der Biembachstrasse 84.

Geschichtsträchtiges Stück Holz

Und der Stock geniesst nach wie vor einen hohen Stellenwert bei den Liechtis. «Ich bin sehr an Geschichtlichem interessiert. Dieser ‹Polenstock› ist ein ganz spezielles, geschichtsträchtiges Erinnerungsstück an eine dunkle Epoche», sinniert Anton Liechti, der als Gärtner in einem Alters- und Pflegeheim arbeitet. «Und handkehrum erinnert er mich an meine Grosseltern, die mir immer viel bedeutet haben.»

Ein Holzstock als Stück Geschichte.In der Rubrik «Rückblick» stellen wir im «Forum» regelmässig spannende historische Schrift­stücke oder geschichtsträchtige Gegenstände vor, die sich im Besitz von Leserinnen und Lesern be­finden.

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