Die Erfüllung eines grossen Traums

Meine Musik

Vom Badezimmer in Bätterkinden auf den Raddampfer in New Orleans: Seine Karriere als Amateurmusiker führte den 74-jährigen Hansrudolf Widmer rund um die Welt.

Eine Kostprobe von Hansrudolf Widmer am Saxofon. Video: Christian Pfander

Träume bilden die Antriebsfeder im Leben vieler Menschen. Auch Hansrudolf Widmer aus Wiler bei Utzenstorf hatte in jungen Jahren einen Traum: einmal in den Lokalen von New Orleans spielen.

2002 ist für ihn dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Noch heute zehrt der 74-Jährige von dieser Erinnerung. «New Orleans, das ist unbeschreiblich, da saugt man den Jazz mit der Luft ein, da vibriert alles. Die Stadt lebt vom Jazz, vom Blues, von der Musik», schwärmt er.

Auf dem Heckraddampfer

Der Amateurmusiker reiste nicht allein nach New Orleans. Auch seine Bandkollegen der Full-Steam-Jazzband und gegen 70 Fans kamen mit. Zusammen erkundeten sie die Stadt am Mississippi.

«Diese Stadt verschlingt einen mit Haut und Haar», erinnert sich der Jazzer. Dank langjährigen Kontakten wurden die «Swiss Visitors» herzlich empfangen, und die Band konnte in verschiedenen Lokalen auftreten.

«New Orleans, das ist unbeschreiblich, da saugt man den Jazz mit der Luft ein, da vibriert alles. Die Stadt lebt vom Jazz, vom Blues, von der Musik.»Hansrudolf Widmer

Selbst auf den Heckraddampfer Natchez nahm die Gruppe ihre Instrumente mit. Das war für Hansrudolf Widmer der Höhepunkt der Reise: «Dass bekannte Musiker wie Leroy Jones auf dem Dampfer mit uns zusammen spielten, ist eine hohe Anerkennung. Das haut mich noch heute beinahe aus den Socken.»

  • loading indicator

Aus der einen wurden schliesslich drei Reisen nach New Orleans. Aufkleber an den Musikkoffern erinnern den 74-Jährigen an Glücksmomente verflossener Zeiten. Heute spielt er nur noch selten. Sein Gedächtnis und seine Feinmotorik seien nicht mehr so gut wie noch vor 15 Jahren.

Die erste eigene Trompete

Wo ein Ende ist, ist auch ein Anfang. Die Karriere als Amateurmusiker begann für Hansrudolf Widmer als 14-Jähriger im Badezimmer. Dort schloss er sich ein und übte mit der Mundharmonika für künftige Auftritte. Das Spiel auf der «Schnorregiege» brachte er sich selber bei.

Mit 16 Jahren erfolgte der Eintritt in die Unterhaltungsbranche. Das Nachwuchstalent aus Bätterkinden gewann regelmässig bei Jekami-Auftritten. «Jekami heisst so viel wie ‹Jeder kann mitspielen›», erklärt Hansrudolf Widmer. Der Junge mit der Mundharmonika vermochte das Publikum zu begeistern, und jeder erste Rang brachte ihm 20 bis 30 Franken Honorar ein.

Parallel dazu trat er der Arbeitermusik Bätterkinden bei und lernte das Trompetenspiel. Das Geld von seinen Auftritten sparte er für eine eigene Trompete. Dank der Unterstützung der Mutter konnte er sich schliesslich seinen ersten Traum erfüllen. Er erinnert sich genau: 2500 Franken kostete die glänzende Begehrlichkeit im Geschäft von René Spada in Burgdorf.

Vom Vater gab es keine Unterstützung. «Er hat sein Geld leider für Alkohol ausgegeben», sagt Hansrudolf Widmer, und sein Blick lässt auf dunkle Zeiten in seinem Leben schliessen. Weiter darüber sprechen mag er nicht.

Lieber erzählt er von seiner Musikkarriere, die er neben der Berufsausbildung zum Carrosseriemaler vorantrieb. Mit seinem neuen Instrument setzte der junge Mann bei den Jekami-Auftritten noch eins obendrauf. Bis zu 300 Gäste kamen in die Tanzlokale, insbesondere ins Pintli von Ammerzwil.

Hartes Geschäft

Hansrudolf Widmer gründete als 17-Jähriger die Band Amorados und genoss den Erfolg. Doch die Oberkrainer-Musikgruppen aus Österreich drangen in die Schweiz und vermiesten den einheimischen Amateurmusikern das Geschäft. Viele Bands lösten sich auf, und Hansrudolf Widmer wechselte zum Jazz.

Beim Sextett von Peter Trachsel fand er Anschluss, und bald nannte sich die Gruppe Loverfield-Jazzband, was so viel hiess wie Liebefeld-Jazzband. Zur Mundharmonika und zur Trompete gesellte sich ein Saxofon, und Widmer wechselte zur Full-Steam-Jazzband. Ein Privatleben, ja, das habe es auch gegeben, sagt der Senior.

Er hat zweimal geheiratet und sich zweimal scheiden lassen. Heute habe er sowohl zu seinen zwei Kindern als auch zu der einen Exfrau ein gutes Verhältnis. Sie alle hätten grosses Verständnis für seine Leidenschaft gehabt. Nebst den Musikkoffern erinnern in der Wohnung von Hansrudolf Widmer auch Bilder und zwei CDs an seine Aufenthalte in New Orleans.

Er nimmt die CDs in die Hand und lacht. «Wir hatten mächtig Freude, unsere Musik in einem Studio in New Orleans aufnehmen zu dürfen», kommentiert er. Hört man genau hin, sind noch die Zwischenrufe der Bandmitglieder zu vernehmen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt