Diese Gärten sind symbolträchtig

Trubschachen

Die Firma Gartenwerke in trubschachen hat für die Kunstausstellung zwei temporäre Grünflächen gestaltet. Sie sind nicht einfach nur schön, sie ­erzählen auch Geschichten. Eine davon könnte aktueller nicht sein.

Machen gerade dem Unkraut den Garaus: Stephan ­Aeschlimann, Geschäftsinhaber der Firma Gartenwerke aus Eriswil, und sein Mitarbeiter Kiflit aus Eritrea.

Machen gerade dem Unkraut den Garaus: Stephan ­Aeschlimann, Geschäftsinhaber der Firma Gartenwerke aus Eriswil, und sein Mitarbeiter Kiflit aus Eritrea.

(Bild: Olaf Nörrenberg)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Trubschachen ist in Kultursommer-Stimmung. In Scharen spazieren die Herren und Damen durch das 1500-Seelen-Dörfchen, in eleganter, heller Kleidung, als gingen sie zum Gottesdienst. Seit dem 1. Juli läuft die Kunstausstellung und lockt Kunstinteressierte aus dem ganzen Land an.

Und jene, die mit dem Zug ­anreisen, kommen nicht umhin, das Mauerhoferhaus an der ­Dorfstrasse zu passieren. Jenes Gebäude aus dem Jahr 1750, von dem aus die Familie Mauerhofer damals Käse in die halbe Welt vertrieb. Und hier lohnt es sich heuer ganz besonders, ei­nen Moment zu verweilen, be­vor es in die Ausstellungsräume geht. Denn seit April ist hier neben dem geschichtsträchtigen Haus ein Garten gewachsen und sieht ein bisschen so aus, als wäre er schon immer da gewesen.

«Das war auch die Idee», sagt Stephan Aeschlimann, der im Strohhut zwischen den Kartoffelsträuchern kniet und gerade dem Unkraut den Garaus macht. Aeschlimann ist Inhaber der Gartenwerke GmbH aus Eriswil. Er und sein Team haben in den letzten Monaten für die 20. Ausgabe der Kunstausstellung extra zwei temporäre Gärten gestaltet. Einen, der symbolisch auf den Ort, und einen, der auf die Kunst eingeht.

Wiesen und der Lein

Hier beim Mauerhoferhaus wird unter dem Titel «Wo Milch und Honig fliesst» die Geschichte des Ortes durch den Garten vermittelt. Und das geht so: Nah am Haus sind Kartoffelsträucher zu sehen, etwas weiter weg wachsen Weizen, Kohl, Zwiebeln und ganz wichtig: Lein. Hinten leuchtet eine Blumenwiese in der Sonne. «Wir wollen zeigen, wie die Bauern im Emmental ihr Überleben sicherten», sagt Aeschlimann.

Die bunte Blumenwiese etwa repräsentiert, wie durch Abholzung erst natürliche Wiesen zu landwirtschaftlichen Nutzflächen umgenutzt werden konnten, um Gras und Heu für die Nutztiere zu erhalten, die wiederum Milch produzierten. Kurz gesagt: Ohne die Wiesen sähe die Siedlungsgeschichte im Emmental anders aus, und das Mauerhoferhaus würde es wohl gar nicht geben. Der Lein wiederum steht für die zahlreichen Webereien in der Region, welche die Wirtschaft erst richtig erblühen liessen.

Eritrea und der Esel

Ein symbolträchtiger Garten also. Doch da ist noch mehr: Teil der 20. Kunstausstellung sind auch Skulpturen des Solothurner Künstlers Schang Hutter, die im ganzen Dorf verteilt sind. Und eine Figur mit dem Namen Esel steht eben auch beim Mauerhoferhaus. Hutter hat die Skizze zu diesem Kunstwerk einst in Eritrea angefertigt, als er seine Frau, die damals dort stationiert war, besuchte.

Neben Aeschlimann, etwas weiter hinten, ist auch Kiflit ­daran, zwischen den Kartoffeln unerwünschtes Pflanzenmaterial zu entfernen. Er ist vor etwas mehr als zwei Jahren aus Eritrea in die Schweiz geflüchtet und ist seit April bei der Gartenwerke GmbH angestellt. Er und noch elf andere Asylsuchende haben gemeinsam ebendiese Gärten ­angesät. Dies im Rahmen des kantonalen Beschäftigungsprogramms. «Hutters Thema ist ja immer die Verletzlichkeit des Menschen», sagt Aeschlimann treffend. «Es ist ein schöner Zufall, dass seine Figur, die er in Eritrea entworfen hat, in einem Garten steht, der von Menschen angesät wurde, die von dort geflohen sind.»

Klee und das Wetter

Kiflit hat seine Arbeit so gut gemacht, dass Aeschlimann ihn gleich im Stundenlohn angestellt hat. «Er hat in Eritrea Landwirtschaft betrieben», erklärt Aeschlimann. «Wir haben sofort gemerkt, dass er die nötige Achtsamkeit und Sorgfalt mitbringt.» Schon seit dem frühen Morgen sind die beiden daran, zu jäten. Das ist eigentlich alles, was sie noch zu tun haben, hier neben dem Mauerhoferhaus. Der Garten ist fertig, nur das Unkraut muss einmal die Woche weg.

Der zweite temporäre Garten steht etwas weiter vorne im Dorf, ebenfalls an der Dorfstrasse, und ist zwar fertig gestaltet, aber leuchtet noch nicht so, wie er sollte. Der späte Frost, dann die Hitze, all das hat dazu beigetragen, dass der Salbei, der Mohn, die Kornblumen oder der Schwarzkümmel noch nicht in voller Blüte stehen, um zu entfalten, was geplant ist. Der Garten soll nämlich dann so aussehen wie das Aquarell «Schwungkräfte» von Paul Klee aus dem Jahr 1929. «In ein paar Tagen ist es aber so weit», sagt Aeschlimann. Dann wird auch dieser Garten seine Geschichte offenbaren – in fliederviolett, samtrosa und kornblumenblau.

Berner Zeitung

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