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Dr Tätschmeischter

Alfred Glauser ist seit 1999 Marktchef in Langnau. Ende Jahr geht er in Pension. Höchste Zeit mal mitzugehen – Pardon, hinterherzurennen.

Ohne ihn geht nichts auf dem Märit:?Alfred Glauser ist ein ungemein freundlicher Mann, aber mit klarer Linie.
Ohne ihn geht nichts auf dem Märit:?Alfred Glauser ist ein ungemein freundlicher Mann, aber mit klarer Linie.
Marcel Bieri
Alfred Glauser?weiss genau, wie er es haben will. Denn beim Märit geht es um das Gesamtbild.
Alfred Glauser?weiss genau, wie er es haben will. Denn beim Märit geht es um das Gesamtbild.
Marcel Bieri
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Schon am Telefon hatte Alfred Glauser gesagt: «Ziehen sie dann die schnellen Schuhe an.» Und nein, das war kein Witz. Glausers Märittag beginnt zeitig mit dem Sonnenaufgang. Gestern war das um kurz vor sechs. Und wenn Glauser loslegt, «de chasch nid lauere».

6 Uhr. Die Türe der Gemeindeverwaltung schwingt auf. Marktchef Alfred Glauser trägt Jeans, ein kariertes Hemd, feste Schuhe, Schnauz und eine Ledertasche. Darin befinden sich die Liste mit den Standnummern und den Namen der Mieter, eine Märitkarte und ein Bleistift. Glauser wirkt so wach, als müsste er gar nie schlafen. Der Blick aus blauen Augen ist stechend, aber trotzdem ungemein freundlich.

6.01 Uhr.Nach einem festen Händedruck und einem ersten Blick auf die Armbanduhr schreitet Alfred Glauser zügig die Haldenstrasse hinab. Es dämmert. «Guten Morgen, Chef», tönt es immer wieder beim Gang über das Marktgelände. Glauser kennt sie alle. Schüttelt Hände, nickt ihnen zu. Er erklärt: «180 Plätze gibt es auf dem Langnau-Märit. Rund 150 sind fix übers Jahr vermietet.» Den Rest verteilt er, wie es gerade geht oder es ihn dünkt. Denn beim Märit geht es um das Gesamtbild, den Mix. Glauser weiss genau, wie er es haben will.

6.30 Uhr.Nach und nach trudeln die Markthändler ein, laden aus, stellen auf. Alfred Glauser sagt es gleich: «Ich bin heute etwas unglücklich.» Bis Dienstag haben zehn abgesagt und wegen des schönen Wetters könnten es noch mehr werden. Das gibt Löcher im Märitbild und Löcher, die mag Glauser so gar nicht.

6.45 Uhr. Jene Händler, die immer kommen, lässt Glauser machen.Die wissen, wie es geht, wie es sich gehört. Jene, die mehr oder weniger spontan nach Langnau gefahren sind und auf einen Platz hoffen, nimmt er unter seine Fittiche. Mit ihnen füllt er die ungeliebten Löcher. Am Boden sind die Standgrössen mit gelben Strichen markiert. Mit Ein-Meter-Schritten geht er, eins, zwei, drei, zwischen den Markierungen hin und her und zeigt so die Standgrenzen auf. Die Breite ist das eine. Viel wichtiger ist: Ein Stand darf nicht zu weit in die Gasse hineinragen. «Sonst haben die Leute nicht genug Platz, um den Geldbeutel aus der Gesässtasche zu nehmen», flachst Glauser. Wer sich nicht daran hält, kann es sich verderben mit dem freundlichen, aber durchaus resoluten Marktchef. «Wenn sich jemand auch nach der dritten Ermahnung nicht daran hält, sage ich: einpacken, abfahren.» Nein, Glauser hat keine Zeit für so was. Der Markt ist kein Ponyhof.

Ab 7 Uhr klingelt sein Handy immer wieder. Seine Assistentin auf der Gemeindeverwaltung vermeldet um 7.10 Uhr eine weitere Absage. «Gut?», fragte sie. «Gut sind Cremeschnitten» antwortet Glauser, und der Hauch eines Lächelns spielt um seine Mundwinkel.

«Wenn sich jemand auch nach der dritten Ermahnung nicht an die Regeln hält, sage ich: einpacken, abfahren.»

Alfred Glauser, Marktchef

7.30. Der Stand 94 ist noch leer. Glauser schüttelt nur den Kopf, blickt auf die Uhr und zieht weiter. Wenn Glauser geht, müssen andere in den Laufschritt wechseln. Die Schritte, wohl in all den Jahren auf exakt einen Meter angewachsen, lassen ihn über das Märitgelände schreiten, als trüge er Stelzen. Das Tempo ist nötig: Um diese Zeit muss er überall gleichzeitig sein. Alle wollen etwas von ihm, wollen wissen, wo sie parkieren können, ob der Nachbar kommt oder wo die Stromanschlüsse sind.

8.20 Uhr. Nach der x-ten Runde vor der Kirche der Schock dieses jungen Morgens: ein Loch an prominentester Stelle. Einer ist nicht gekommen, ohne sich abzumelden. Das ärgert Glauser. «Cheibe», sagt er bissig und lächelt dann trotzdem.

8.30 Uhr. Die 94 ist doch noch eingetroffen. «Ich habe verschlafen», sagt der Markthändler aus müden Augen.

8.50 Uhr. Kurz vor der offiziellen Eröffnung ein letzter Gang über das Gelände. Nochmals kontrolliert Glauser, ob ausreichend Platz ist in den Gassen. Muss hier und da noch ermahnen. Es hat Löcher, aber nur vereinzelt.

9.30 Uhr.In der Kaffeepause ist Zeit zu plaudern.Seit 1990 arbeitet Glauser in der Abteilung öffentliche Sicherheit in Langnau und ist heute technischer Leiter. Marktchef wurde er 1999 erst dadurch, dass der weitherum bekannte Dorfpolizist Helmut Steiner in Pension ging. Glauser ist gelernter Motorradmechaniker. Als es 1981 darum ging, zu heiraten und eine Familie zu gründen, fand er im kantonalen Zeughaus in Bern einen besser bezahlten Job. Dort arbeitete er zuerst in der Wäscherei, dann als Büchsenmacher. Irgendwann ging es für den Familienvater mit zwei Kindern darum, sich definitiv zwischen Bern und Langnau zu entscheiden. Das Emmental gewann.

Um 9.50 Uhr ist die Plauderei vorbei. Das Einkassieren wartet. Wie früher trägt Glauser eine kleine Tasche mit Bons und eingebautem Zähler und einen Lederbeutel mit Bargeld um den Hals. Wenn er an einem Stand auftaucht, zücken die Händler umgehend die Geldbeutel, ohne zu zögern. Die Preise sind klar: 6 Franken pro Meter plus einen Strom- und einen Werbefünfliber. Wer einen Gemeindestand benötigt, zahlt 10 Franken drauf.

Um 10.30 Uhr ist der Markt gut besucht.Die Sonne scheint, es riecht nach Nidletäfeli, Volksmusik ertönt, Glauser findet etwas Zeit für sich. Plötzlich werden auch seine Schritte kürzer. Der Tag ist aber noch lang. «Feierabend? So um halb acht, heute Abend.»

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