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Ein Unfall und drei Freisprüche

Beim Beinahesturz von einem Gerüst wurde ein Bauarbeiter in Burgdorf verletzt. Dreieinhalb Jahre später klärte das Regionalgericht Emmental-Oberaargau nun die Schuldfrage.

Johannes Hofstetter
Eine Bauarbeiter stürzte beinahe von einem Gerüst.
Eine Bauarbeiter stürzte beinahe von einem Gerüst.
iStock

Am 1. Juli 2015 stand ein Mann in Burgdorf auf einem Gerüst. Er arbeitete am Dach eines Hauses. Plötzlich lösten sich zwei Bretter. Sie fielen in die Tiefe, doch der Büezer hatte Glück im Unglück: Mit dem linken Ellenbogen blieb er am Gerüst hängen, die rechte Hand umklammerte reflexartig den Dachvorsprung. Wegen einer Armverletzung blieb der Mann wochenlang arbeitsunfähig.

Die Staatsanwaltschaft verknurrte den Bauführer zu einer bedingten Geldstrafe von 2400 Franken. Er habe es «unterlassen, das Gerüst zu kontrollieren und dem Bauherrn zu übergeben», heisst es im Strafbefehl. Der direkte Untergebene des Bauführers kassierte eine Geldstrafe von 1620 Franken, weil er seinem Vorgesetzten gesagt hatte, das Gerüst sei in Ordnung.

Dem Bauleiter auferlegte die Staatsanwaltschaft eine bedingte Geldstrafe von 2200 Franken und eine Busse von 440 Franken, denn «ihm waren die Unzulänglichkeiten am Gerüst bekannt, weshalb er die Nachbesserung in Auftrag gegeben hatte. Anschliessend unterliess er es aber, die Ausführung dieser Nachbesserungsarbeiten zu kontrollieren. Dadurch konnte es dazu kommen, dass das Gerüst in nicht vollständig betriebssicherem Zustand benutzt wurde und es zum Unfall kam.» Die drei Männer engagierten je einen Anwalt und zogen den Fall weiter.

Einzelrichterin Muriel Mallepell vom Regionalgericht Emmental-Oberaargau sprach sie nun frei. Aus keinem der Strafbefehle gehe hervor, weshalb die Bretter nachgegeben hätten und wer welche Gerüstkomponenten wann wie manipuliert habe. Inwiefern die Beschuldigten die Baukunde hätten verletzt haben sollen, sei folglich unklar, sagte sie in ihrer Urteilsbegründung.

Aufgrund der Akten stehe nur fest, dass das Gerüst eine Woche vor dem Vorfall noch in Ordnung gewesen sei und erst am 2. Juli wieder hätte gebraucht werden sollen. Am 1. Juli habe sich deshalb noch keine Kontrolle aufgedrängt. Dass sich zwischen dem letzten Check am 25. Juni und dem verhängnisvollen 1. Juli Bauarbeiter auf der Konstruktion bewegen hätten, die sie nach getaner Arbeit nicht in tadellosem Zustand hinterlassen hätten, sei denkbar, sagte die Richterin.

Nach Schuldigen für den Unfall zu suchen, sei in diesem Fall aber ohnehin nicht ihre Aufgabe gewesen, erklärte Mallepell. «Ich musste nur prüfen, ob die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft nachgewiesen werden können.» Weil die Anklagebehörde diese Vorwürfe zu wenig präzisiert habe und die Aussagen der Beteiligten sich zum Teil widersprächen, bleibe ihr nichts anderes übrig, als die Angeklagten nach dem Grundsatz in dubio pro reo freizusprechen. Zur Deckung ihrer Anwaltskosten erhalten die Männer vom Kanton Entschädigungen zwischen 7600 und 11'000 Franken.

Theoretisch hätte sie die Strafbefehle zum Überarbeiten an die Staatsanwaltschaft zurückweisen können, teilte die Richterin mit. Darauf habe sie verzichtet, «um weitere Verfahrensverzögerungen zu vermeiden». Abgesehen davon hätten «wahrscheinlich» auch nachgebesserte Dokumente «nicht zu Verurteilungen geführt», fügte sie an.

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