«Es ist schwierig, seine prägnanten Schreibmerkmale zu unterdrücken»

Burgdorf

Die Bernerin Annina Heini (25) ist forensische Sprachwissenschaftlerin. An den Burgdorfer Krimitagen, die am Freitag starten, erklärt sie, wie man Täter anhand der Sprache überführt.

Die 25-jährige Bernerin Annina Heini erforscht in Birmingham, was Sprache über Verbrecher verrät. 

Die 25-jährige Bernerin Annina Heini erforscht in Birmingham, was Sprache über Verbrecher verrät. 

(Bild: zvg)

Frau Heini, was macht eine forensische Sprachwissenschaftlerin genau?
Die forensische Linguistik teilt sich in drei Gebiete auf: Man analysiert die Sprache von Gesetzestexten, die Sprache in Verhören und die Sprache von Beweismitteln, also etwa von Erpresserbriefen.

Was fasziniert Sie daran?
Alles!

Und wie sind Sie dazu gekommen?
Per Zufall. Sprache und die Aufklärung von Verbrechen haben mich schon immer interessiert. Ich war ein Kassettli-Kind und habe stundenlang Detektivgeschichten wie «Die drei Fragezeichen» gehört. Später studierte ich an der Uni Bern englische Literatur und Linguistik. In einem Phonetik-Seminar erwähnte ein Dozent ganz nebenbei die «forensische Linguistik». Da wusste ich: Das ist die perfekte Verbindung meiner beiden Leidenschaften. Weil man das Fach hier nicht studieren kann, ging ich nach Birmingham. Es nahm mir sofort den Ärmel rein.

Sind Sie jetzt nicht etwas weit weg von der konkreten Ermittlungsarbeit?
Bei der Aufklärung von Internetverbrechen, die heute ja eine immer grössere Rolle spielen, werden forensische Linguisten gerne hinzugezogen. Sie können den Ermittlern beispielsweise helfen, Pädophile zu überführen, die sich in Chats mit jungen Mädchen anfreunden.

Wie geht man dabei vor?
Nehmen wir an, eine Mutter meldet sich bei der Polizei, weil ihre Tochter in einem Chatroom mit einem komischen Typen hin- und her schreibt. Ein Polizist wird versuchen, die Konversation an Stelle der Tochter weiterzuführen. So kann er mit dem Verdächtigen ein Treffen vereinbaren und ihn bei dieser Gelegenheit festnehmen. Aber die Täuschung ist gar nicht so einfach. Die meisten Laien denken, es reiche, wenn man viele Emojis und Smileys verwende, um wie ein Kind zu wirken.

Aber das reicht nicht?
Nein, der Ermittler muss lernen, seine prägnanten Merkmale beim Schreiben zu unterdrücken. Die Pädophilen, die sich auf solchen Foren herumtreiben, sind sehr sensibel. Sobald sie merken, dass das Kind anders schreibt als bisher, brechen sie den Kontakt ab.

Wie schreibt man wie ein Kind?
Es geht nicht darum, zu schreiben wie «ein» Kind, sondern wie «dieses» Kind. Ein Linguist kann helfen, das Sprachverhalten des betreffenden Mädchens zu erkennen. Es geht dabei nicht nur um Wortwahl und Satzkonstruktion. Auch das Timing spielt eine Rolle: Wie lange lässt es sich Zeit mit der Antwort? Wer stellt in der Regel die Fragen? All das macht den persönlichen Kommunikationsstil aus.

In Ihrer Doktorarbeit untersuchen Sie die Sprache in Verhören. Worum geht es dabei?
Ich analysiere Polizeiverhöre mit jugendlichen Verdächtigen. Es geht darum, das Sprachverhalten von Polizei, Verdächtigen, Anwälten und weiteren Anwesenden besser zu verstehen.

Und was bringt das?
Das Wissen, das ich mir aneigne, kann ich später nutzen, um Verhörprotokolle mit mutmasslich falschen Geständnissen zu untersuchen.

Falsche Geständnisse kommen doch heutzutage praktisch nie mehr vor.
Jeder von uns würde unter bestimmten Bedingungen ein falsches Geständnis ablegen.

Natürlich, unter Folter. Aber die ist bei uns zum Glück verboten.
Das meine ich nicht. Nicht einmal eindeutige Druckversuche sind dazu nötig. Es genügt schon, wenn man jemanden zwölf Stunden lang verhört, ihm indirekt droht oder ihm Versprechungen macht. Im Rahmen meiner Doktorarbeit untersuche ich Protokolle und Audioaufnahmen von Verhören mit 17- und 18-Jährigen. Ein Problem ist, dass ab 18 plötzlich das Erwachsenenstrafrecht gilt. Doch Jugendliche kommunizieren oft noch so wie jüngere Teenager.

Können Sie das bitte genauer erklären?
Kinder denken in der Abfolge von Frage und Antwort. Wenn der Lehrer fragt: «Was gibt zwei und zwei?», dann antworten sie «vier». Darauf erwarten sie eine Bestätigung. Der Lehrer soll also sagen: «Ja, das ist richtig.» oder «gut». Falls er schweigt, haben sie das Gefühl, sie hätten etwas falsch gemacht. Indem man also nichts erwidert, kann man junge Menschen unbewusst unter Druck setzen. Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche im Verhörzimmer einem Erwachsenen gegenüber sitzen, der in einer Uniform steckt und die staatliche Autorität verkörpert. Da sagen sie aus Einschüchterung viel zu schnell «Ja». Sie vergessen, dass die Antworten gesetzlich bindend sind. 

Wie befragt man Kinder richtig?
Das ist sehr schwierig. Vor allem bei häuslicher Gewalt. Wenn etwa der Vater die Mutter ermordet hat, kann es vorkommen, dass man sogar ein erst zweijähriges Kind befragen muss. Das macht eine speziell ausgebildete Person. Sie muss wissen, wie sich die Sprache entwickelt – was Kinder bereits unterscheiden können und was sie verwirrt. Wenn man zum Beispiel fragt, welche Farbe ein Auto hatte, dann nennen kleinere Kinder oft die Farbe des Interieurs. Denn sie sehen das Auto meistens von Innen. Einem Erwachsenen käme das nie in den Sinn. Und natürlich darf man einem Kind niemals Suggestivfragen stellen.

«Es ist schwierig, seine prägnanten Schreibmerkmale zu unterdrücken»

Haben Sie schon Protokolle gelesen, in denen klar war, dass hier ein falsches Geständnis abgegeben wurde?
Nicht in meiner Forschungsarbeit. Aber es gibt eine Dokumentarserie auf Netflix namens «Making a Murderer». In der zweiten Staffel geht es um das Geständnis eines 16-Jährigen, der einen niedrigen IQ hat. Es ist offensichtlich, dass ihm während des Verhörs laufend Informationen zugesteckt wurden. Die Polizisten entlocken ihm dann genau diese Informationen und tun so, als habe er sich dadurch verraten. Die Vernehmungspraxis in den USA ist gefährlich: Der Polizist darf bluffen und den Verdächtigen so lange verhören, wie er will. Da kommt es schnell zu Manipulationen.

Sie analysieren auch kriminalistische Dokumente wie Erpresserbriefe. Was kann man daraus herauslesen?
Wir können niemanden anhand eines einzelnen Texts identifizieren. Aber wir können bei mehreren Verdächtigen darauf hinweisen, welcher das ähnlichste Sprachprofil hat wie der Verfasser des Briefs. Und teilweise können wir sogar von Anfang an den Kreis an Verdächtigen einschränken.

Wie funktioniert das?
Man kann beispielsweise das Alter des Urhebers aufgrund bestimmter Schreibweisen eingrenzen. In deutschsprachigen Ländern geben die Rechtschreibregeln, an die sich jemand hält, Aufschluss darüber, zu welcher Zeit der Betreffende zur Schule ging. Frauen und Männer schreiben ebenfalls anders, auch wenn man sehr vorsichtig sein muss mit vorschnellen Generalisierungen. Tendenziell schreiben Frauen gefühlvoller und verwenden mehr Adjektive. Allerdings spielt dabei natürlich auch eine Rolle, um was für ein Dokument es sich handelt. In einem Liebesbrief steckt unabhängig vom Geschlecht immer mehr Leidenschaft als in einem Geschäfts-E-Mail.

Wurde dank solcher Indizien schon einmal ein Verbrechen aufgeklärt?
Wir haben bei uns am Institut in Birmingham die Textnachrichten eines Ehemanns analysiert, der seine Frau umgebracht hatte. Er schrieb nach ihrem Tod SMS von ihrem Handy, damit die Leute glaubten, sie lebe noch. Wenn man die Nachrichten liest, sieht man, wie sich der Schreibstil plötzlich ändert. Der Mann verwendete gerne Zahlen als Wortteile wie «2 think» statt «to think» oder er schrieb «thanx» statt «thanks» Seine Frau dagegen verzichtete oft auf das Apostroph, was man an älteren SMS erkannte. So konnte man genau abgrenzen, welche Texte noch die Frau geschrieben hatte und welche von ihrem Mann stammten. Das half, den Ablauf des Verbrechens aufzuklären.

Könnten Sie die Sprache von jemand anderem exakt nachahmen? Sie sind schliesslich Profi, wenn es um unterschiedliche Schreibstile geht.
Das Imitieren an sich ist nicht das Schwierige. Viel schwieriger ist es, den eigenen Schreibstil permanent zu unterdrücken. Ich hätte dabei vielleicht einen Vorteil, weil ich weiss, worauf ich achten muss, aber das perfekte Verbrechen gibt es zum Glück nicht.

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