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Etwas andere Neujahrsvorsätze

Im Kastanienhaus der Stiftung Lebensart feierten zwölf Bewohner gemeinsam. Sie haben sich für das neue Jahr so einiges vorgenommen. Aber ein Rauchstopp oder Gewichtsabnahme gehören hier nicht dazu.

Nach einem fröhlichen Abend stossen die Bewohner des Kastanienhauses auf das neue Jahr an.
Nach einem fröhlichen Abend stossen die Bewohner des Kastanienhauses auf das neue Jahr an.
Hans Wüthrich
Während die einen in der warmen Stube Lotto spielen und sichbeispielsweise über gewonnene Socken freuen...
Während die einen in der warmen Stube Lotto spielen und sichbeispielsweise über gewonnene Socken freuen...
Hans Wüthrich
Sven Hiltebrand auf dem Fackelumzug im Gespräch mit Denise Lanz.
Sven Hiltebrand auf dem Fackelumzug im Gespräch mit Denise Lanz.
Hans Wüthrich
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«Stäckeföifi, heute musst du ­länger wach bleiben, ich will schliesslich nicht die Einzige sein, die um zwölf Uhr noch draussen steht!», sagt Rösi Rohr zu einem Mitbewohner. Die 51-Jährige ist eine von neunzehn Personen, die im Kastanienhaus der Stiftung Lebensart in Bärau wohnen. Alle haben sie etwas gemeinsam: Sie sind psychisch beeinträchtigt, aber trotzdem sehr selbstständig.

Zwölf Bewohner und Bewohnerinnen feiern den Silvesterabend gemeinsam im Wohnzimmer des Hauses. «Die anderen sind bei ihren Familien oder in den Ferien», erklärt die Betreuerin Katrin Müller. Sie hat für den Jahreswechsel zusammen mit der Sozialpädagogin ­Denise Lanz ein abendfüllendes Programm geplant.

Nach dem Festmahl

Während sich Rösi Rohr nach dem Schoggispiel den Bauch reibt, sitzen zwei Männer in SCL-Fan-Pullovern gemütlich vor dem Fernseher und lassen sich von Mr. Bean unterhalten. Andere ziehen sich bereits in ihr Zimmer zurück. Das Silvestermenü haben sich aber alle gegönnt. «Es gab Hamme mit Kartoffelsalat und Brötli», schwärmt Rösi Rohr. «Und vorher noch einen Apéro!», ergänzt Marcel Beck. Das Essen sei zwar in der Heimküche zubereitet worden, aber er habe dann den Essenswagen geholt.

Die Arbeit an erster Stelle

Wie viele andere fassten auch die Kastanienhaus-Bewohner Vorsätze fürs neue Jahr. Dazu gehört nicht etwa die Rauchentwöhnung. Er habe schon einmal aufgehört, erzählt Benjamin Brön­nimann. Und es habe eigentlich auch gut geklappt. «Aber dann habe ich angefangen zu zittern, deshalb würde ich heute nicht mehr aufhören.» Dem 40-jährigen AC/DC- und Kelly-Family-Fan ist etwas anderes wichtiger: «Ich möchte wieder frisch und fröhlich arbeiten gehen und wünsche mir, dass der Landwirtschaftsbetrieb weiterhin gut läuft.» Er ist stolz, dass er für die Stiftung Lebensart arbeiten darf. «Am liebsten schaue ich, dass es den Tieren gut geht.»

Und er möchte weiterhin sein junges Leben geniessen. «Ich habe es nicht so gern, wenn mir manche Menschen sagen, ich sei doch erwachsen.» Denn er mache gerne Sachen, die die jungen Leute machen, wie zum Beispiel Geocaching. Früher hat er in einer Schülerband gespielt. «Das wäre mein grösster Wunsch: Wieder in einer Musikgruppe so richtig Vollgas Gitarre spielen.» Aber auch im Wohnhaus sieht Brönnimann Potenzial für Neues: «Wir könnten draussen ein Badefass aus Holz aufbauen, das könnte man auch im Winter benutzen, wenn wir es heizen», erklärt er.

Im Garten hätte es genügend Platz. Heute flackert dort ein Feuer in einer grossen Schale, das der SCL-Fan Sven Hiltebrand immer wieder mit Holz füttert.

Guter Kaffee und Sport

Rösi Rohr freut sich vor allem auf das nächste Kastelruther-Spatzen-Fest in Südtirol: «Ich war 2017 dort, das war mein absolutes Highlight.» Aber auch die Besuche der Christkindlmärkte in Ingoldstadt und München seien für sie eines der schönsten Erlebnisse im letzten Jahr gewesen. Die Südländerin Carmela Marc, die vergangenes Jahr ihren sechzigsten Geburtstag feierte, schwärmt insbesondere von gutem Kaffee und den Ausflügen mit der Pferdekutsche. Und Marcel Beck freut sich schon heute auf weitere Hockeymatchs in Burgdorf und Interlaken. «Nach Langnau gehe ich nicht, ich habe ein bisschen Angst vor den Fans», sagt er. Da wirft Benjamin Brönnimann ein: «Sonst kommst du dann einmal mit Sven und mir an den Match. Es wäre schön, wenn du SCL-Fan würdest.»

Erstaunlicher Rückblick

Blickt Brönnimann auf das vergangene Jahr zurück, erinnert er sich vor allem an die Freude an der Arbeit. «Das Allerschlimmste am Jahr 2017 war, dass Donald Trump Präsident wurde», sagt er. Der Amerikaner habe nämlich einmal einem Mädchen den Mund verboten, «nur weil es ein Handicap hat – so wie wir». Zudem, so Brönnimann weiter, habe es in seiner Familie dieses Jahr zwei Todesfälle gegeben. Aber zum Glück konnte er an Weihnachten seinen Vater besuchen. «Und auch mein Kater hat sich gefreut, wieder einmal von mir gestreichelt zu werden.»

Der Countdown läuft

Nach dem Dessert machen Denise Lanz, Sven Hiltebrand und Benjamin Brönnimann einen Fackelumzug. Die beiden Landwirtschaftsmitarbeiter sind stolz auf den Betrieb der Stiftung Lebensart: «Das hier sind unsere Holzballen, dort ist der Schweinestall, und das Land bis dort hinten gehört zu unserem Betrieb», erklären sie.

Zurück im warmen Wohnzimmer, beendet die andere Gruppe gerade das Lottospiel. «Ich habe drei Paar Socken gewonnen – die muss ich dann patchen lassen!», freut sich Marcel Beck. Er wird also dafür sorgen, dass die Socken mit seinem Namen versehen werden. Das Spiel hat wieder mehr Bewohner und Bewohnerinnen angelockt. Eine Frau blättert eifrig in dem Preis, den sie erspielt hat. «Hast du gesehen, Denise? Eine Agenda!», freut sie sich.

Die Sozialpädagogin schiebt gerade auf einem Servierwagen Rimuss-Kartons ins Wohnzimmer. «Yeah, jetzt stossen wir an!», sind die Bewohner überzeugt. Doch Sven Hiltebrand hat den Countdown auf seinem Handy fest im Griff: Es dauert noch ein paar Minuten bis Mitternacht. Im Garten entzünden die Bewohner einen grossen Zuckerstock, und Hiltebrand lässt Frauenfürze knallen. Ein junger Bewohner im Pyjama entkorkt derweil gekonnt die Rimuss-Flaschen. «Ich habe das schon oft gemacht, ich mache gleich alle auf», sagt er bestimmt.

Ein paar Sekunden nach Mitternacht wird die Tischbombe gezündet. Und fröhlich stossen die acht noch nicht müde gewordenen Bewohnerinnen und Bewohner mit ihren Betreuerinnen auf das neue Jahr an.

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