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Gegen die Arbeitslosigkeit im Alter

Franziska ­Hulliger hat bei der Mopac ­gearbeitet, bis ihr 2011 gekündigt wurde. Dann war sie lange ohne Stelle. Als auch ihr Mann seinen Job verlor, gründete sie die Gruppe Arbeitslosigkeit 50+, um Betroffenen zu helfen.

Jetzt geht es um mehr als nur Austausch, jetzt geht es um Einmischung: Bruno und Franziska Hulliger (v.r.) spannen mit Pierre Bayerdörfer aus Basel zusammen. Sie wollen die Lage für die über 50-jährigen Arbeitslosen mit einer eidgenössischen Initiative entspannen.
Jetzt geht es um mehr als nur Austausch, jetzt geht es um Einmischung: Bruno und Franziska Hulliger (v.r.) spannen mit Pierre Bayerdörfer aus Basel zusammen. Sie wollen die Lage für die über 50-jährigen Arbeitslosen mit einer eidgenössischen Initiative entspannen.
Marcel Bieri

Der Raum an der Bahnhof­strasse 30 gehört der Gewerkschaft Unia. Die Türe ist offen. Drinnen sind Wasserflaschen auf beigen Tischen zu sehen, gefaltete, rosarote Papiere nur mit Vornamen beschrieben: Anita, Bruno, Franziska, Pierre, Urs, Barbara. Doch drinnen sitzt niemand. Sie stehen draussen, neben der Tür, beim Aschenbecher, der an der Wand hängt. Es ist Freitagnachmittag, 15 Uhr, eine dicke Wolkendecke hängt über Langenthal. Es ist düster.

Franziska Hulliger aus Wasen zieht an ihrer selber gestopften Zigarette. Sie ist es, die zu diesem Treffen eingeladen hat, weil «wir einfach wie alte Schuhe zur Seite gestellt werden», wie sie sagt. Im Frühling 2016 hat sie eine Gruppe gegründet für Menschen, die alle in einer ähnlichen Situation sind: Sie haben ihre Stelle verloren. Vor Monaten. Vor Jahren. Sie müssen bei der regionalen Arbeitsvermittlung antreten. Müssen vier, sieben oder zwölf Bewerbungen im Monat schreiben. Oder sie leben bereits von der «Soz», von 986 Franken im Monat vom Sozialamt. Oder sie haben gerade einen unbefriedigenden Aushilfsjob. Und noch etwas anderes haben sie gemeinsam: Sie sind über 45 Jahre alt und nicht sehr willkommen auf dem Arbeitsmarkt. Das hat verschiedene Gründe. Oft aber vor allem einen: Sie sind zu teuer.

Sie wehrt sich

Auch Franziska Hulligers Geschichte ist ein solches Beispiel. Und die ist bekannt. Sie kam im Fernsehen, im «Blick», auch in dieser Zeitung. Franziska Hulliger arbeitete zwölf Jahre lang bei der Verpackungsfirma Mopac in Wasen – bis 2011. Als ihr damaliger Chef auf die Frankenkrise reagieren muss, tut er dies auf eine Art, die für Schlagzeilen sorgt. Er kündigt seinen 260 Angestellten, nur um sie zu schlechteren Bedingungen wieder anzustellen. Er koppelt die Löhne an den Eurokurs. Die Gehälter sinken um zehn Prozent.

Hulliger, als Packerin schon damals mit knapp 3100 Franken bei 100 Prozent am Existenzminimum, will das nicht hinnehmen. Sie gibt dem Regionalfernsehen TeleBärn ein Interview. Danach bekommt sie keinen Arbeitsvertrag mehr. Wenig später erhält auch ihr «Schätzu», wie sie ihren Mann, Bruno Hulliger, gerne nennt, von der Mopac die Kündigung. Franziska Hulliger zieht vor Gericht, kann sich auf einen Vergleich einigen. Was sie aber eigentlich will, bekommt sie nicht: Gerechtigkeit.

Zwischen der Entlassung und dem Gerichtsfall liegen zwei Jahre. Während dieser Zeit hat Franziska Hulliger keine Arbeit gefunden. Die Ordner mit den Bewerbungen füllten sich. Das Geld wird knapp. «Die Existenzängste plagten mich in den Nächten», sagt sie. Für das Sozialamt ist sie zu stolz. Wieder kommt sie im «Blick», im Juni 2013, sucht immer noch verzweifelt eine Arbeit.

Fünf Jahre vor der Pension

Dann im Jahr 2016 bekommt ihr «Schätzu» nochmals eine Kündigung. Etwa zwei Jahre nach der Mopac hatte er eine andere Stelle bei einer Firma in Wasen gefunden. Da war er 58 Jahre alt. Zwei Jahre später und fünf vor der Pensionierung lässt man ihn «aus wirtschaftlichen» Gründen gehen. «Noch im selben Monat wurde seine Stelle wieder ausgeschrieben und innert kürzester Zeit besetzt», sagt Franziska Hulliger. «Mit einem Jüngeren. Das ist doch eine Frechheit!» Ihr Mann fällt daraufhin in ein Loch aus Selbstzweifel und Depressionen. Monatelang.

Und Franziska Hulliger entdeckt eine weitere Ungerechtigkeit, die sie bekämpfen will: den Arbeitsmarkt für über 50-Jährige. Im Mai 2016 gründet sie die Gruppe Arbeitslosigkeit 50+, inklusive Facebook-Konto, wo Beiträge zu Themen wie Jobsuche und Arbeitslosigkeit geteilt werden. Über 450 Personen folgen der Seite. 5 bis 10 Personen aus dem Emmental und dem Oberaargau kommen an die Treffen, die alle drei bis vier Wochen stattfinden.

Es sind Zusammenkünfte, um füreinander da zu sein. Einander Tipps zu geben, unter die Arme zu greifen, vielleicht auch nur, um ein bisschen zu reden, um etwas Struktur zu bekommen in die langen Tage.

Das Treffen in Langenthal geht aber einen Schritt weiter. Jetzt soll es nicht mehr nur um Austausch gehen, sondern um Einmischung, darum, eine Lobby aufzubauen. Pierre Bayerdörfer vom Verein Workfair 50+ aus Basel und Urs Kessler aus Glarus, ein Versicherungsspezialist, sind eingeladen. Konkret geht es um eine eidgenössische Initiative, die die Beiträge der Pensionskasse anpassen soll und für die die Gruppe Unterschriften sammeln will (siehe Kasten).

Alle wollen arbeiten

Eigentlich sollten Kessler und Bayerdörfer die Initiative erläutern. Doch der Wunsch zu reden, sich zu echauffieren, zu empören ist grösser. Anita, Barabara, Urs und Pierre, sie schweifen ab. Plötzlich geht es um Politik und um Wut. Es geht um die Masseneinwanderungsinitiative, um die Personenfreizügigkeit, um No Billag. Es geht um Frust und Trotz. Die Gruppe jongliert mit Zahlen herum. Moniert, dass ein Grenzgänger, aus Deutschland etwa, im Jahr 20'000 Franken weniger «nehme» und deshalb angestellt werde. Das verdiente Geld aber drüben und nicht hier ausgebe.

Und immer wieder kommt die Debatte zurück auf den Umstand, dass alle doch nur eines wollten, nämlich arbeiten, hier in der Schweiz aber über 45-Jährige immer wieder durch Jüngere ersetzt würden. Dass Bewerbungen nicht einmal berücksichtigt würden, obwohl man sich doch so grosse Mühe gebe. Dass die Politik das Thema zu wenig ernst nehme und sie, die doch so zahlreich seien, einfach als Einzelfälle abgestempelt werden.

Irgendwann stehen sie wieder draussen und rauchen. Es ist 17 Uhr vorbei, Feierabend und Wochenende. Und der eine oder andere hat ein mulmiges Gefühl im Bauch, weil zu Hause im Briefkasten vielleicht wieder ein ­grosser Umschlag liegt mit zurückgeschickten Bewerbungs­unter­lagen.

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