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Gratis war gestern

Hühnersuppe war der Lohn für jene Burgdorferinnen, die am 11. Juni 1389 mit Heugabeln und anderen Waffen eine Horde Männer in die Flucht schlugen. Jetzt fordert die EVP Gratissuppe für Freiwilligenarbeit.

Das Wandgemälde am Kronenplatz erinnert an das erste Hühnersuppenessen für jene Frauen, die vor mehr als 600 Jahren die Stadt verteidigten.
Das Wandgemälde am Kronenplatz erinnert an das erste Hühnersuppenessen für jene Frauen, die vor mehr als 600 Jahren die Stadt verteidigten.
Thomas Peter

Gschaffig waren sie, die Frauen. Im Mittelalter. Morgens um 5 Uhr standen sie am Herd und sorgten für ein währschaftes Zmorge für Ehemann und Kinder, und für eine warme Küche. Kochen, waschen, putzen und Kinder erziehen den lieben langen Tag. Stund für Stund. Tag für Tag. Jahr für Jahr.

Doch nicht genug! Wenns denn sein musste, bewiesen die Frauen der Zähringerstadt auch, dass sie gwehrig waren. Man schrieb den 11. Juni 1389, als die Burgdorferinnen zu nächtlicher Stund zu Heugabeln und anderen Waffen griffen, die sie in der Eile auf dem Weg nach Bickigen noch behändigen konnten. Kampfesmutig eilten die Amazonen ihren Männern zu Hilfe. Von Norden drohte Gefahr! Eine unter österreichischer Schirmherrschaft stehende Horde raubsüchtigen Gesindels näherte sich dem Emmental. «Unter Beihülfe ihrer Weiber, welche nicht etwa bloss mit sprachfertigen Zungen, nein, sondern mit Waffen auszogen», hätten die Burgdorfer die nach Beute trachtenden Rabauken aus dem unteren Aargau in die Flucht geschlagen, schildert Johann Rudolf Aeschlimann den Hergang in seiner «Geschichte von Burgdorf und Umgebung». 25 Angreifer kamen zu Tode, 50 gerieten in Gefangenschaft.

Der Wehrwille der Burgdorfer Frauen und deren glücklich erfochtener Sieg über die österreichische Bande wurde von der Stadt honoriert. Nicht mit Gold, sondern mit Suppe. Mit Hühnersuppe! Kostenlos wurde die Brühe ausgeschenkt. Jahr für Jahr.

Im Jahre 2017 zu behaupten, die Frauen zu Burgdorf wären heute nicht mehr so wehrhaft, würden ihren Männern in Notlagen nicht mehr so mutig zur Seite stehen, wäre ungerecht. Denn erstens sind die Österreicher mittlerweile zu einem friedliebenden Völklein geworden, das die Burgdorfer nicht mehr ihres Reichtums berauben will. Also kann der Beweis des Wehrwillens heute gar nicht mehr erbracht werden. Und zum Zweiten haben die Frauen der Zähringerstadt jetzt andere Qualitäten, als mit Heugabeln in den Krieg zu ziehen. Hiervon ist die EVP-Fraktion im Stadtrat jedenfalls überzeugt: «Noch heute setzen sich viele Burgdorfer Frauen tapfer, oft freiwillig und ehrenamtlich für unsere Stadt ein.» Deshalb bittet die Partei den Gemeinderat, er solle prüfen, ob «das unverbriefte Recht», dass die Burgdorfer Frauen im Februar als Anerkennung für ihren Einsatz gratis einen Teller Hühnersuppe bekommen, wieder eingeführt werden könnte.

Zum Wohl der Stadt würden sich heute zwar unbestrittener­massen genauso viele Männer einsetzen, ist die EVP-Fraktion überzeugt, «aber es ist halt nun mal eine historische Frauen­geschichte, die es wert ist, sie als Brauch wieder aufleben zu lassen.»

Dem Postulat der EVP-Fraktion ist die Stadtregierung zwar wohlgesinnt. Trotzdem will sie an der heutigen Praxis nichts ändern. Dank dem Quartierverein Alt­stadtleist lebe die schöne Hühnersuppentradition weiter. Im­mer professionell organisiert, werde die Suppe am ersten Samstag im Februar auf dem Kronenplatz ausgeschenkt. «Und eine Suppe bekommt auch, wer vom anderen Geschlecht ist», hält der Gemeinderat in seiner Antwort fest und ergänzt lakonisch: «Das ist der Zeitgeist.» Gratis ist die Hühnerbrühe freilich nicht: Ein halber Liter kostet 6 Franken – für Frauen und Männer. Am 3. Februar 2018 findet übrigens der nächste Hühnersuppenschmaus statt.

Der Gemeinderat empfiehlt dem Stadtparlament, das Postulat der EVP am kommenden Montag gutzuheissen und als bereits erfüllt abzuschreiben.

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