Hänsel, Gretel und Burkhalter

Emmenmatt

Es war einmal ein junger Mann, der mochte das Theater von Kindesbeinen an. Heute hat er die Leitung der Freilichtspiele inne, bei den Proben läuft bereits alles in seinem Sinne. Eine Märchenoper ist das Stück, mit dem er versucht sein Glück.

Hat auf der Moosegg neu das Zepter in der Hand. Der 22-jährige Regisseur Simon Burkhalter.

Hat auf der Moosegg neu das Zepter in der Hand. Der 22-jährige Regisseur Simon Burkhalter.

(Bild: Marcel Bieri)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Ein Dutzend Menschen in flauschigen Hasenkostümen singen bei abendlichen 25 Grad im Schatten fröhlich und schwitzend Tonleitern. Vögel zwitschern, Mücken surren, ein Klavier klimpert. Ein Mann drückt etwas mürrisch ein paar Schrauben in das Lebkuchenhaus. Ausser ihm strotzen hier alle von übermütiger Heiterkeit. So ist das im Theater, wenn das Adrenalin durch den Körper rauscht.

Regisseur Simon Burkhalter sitzt in der vordersten Zuschauerreihe, den Laptop auf den Knien. Über seinen Notizen steht: Durchlauf zum viertletzten. Das er sitzt, ist ungewöhnlich. Normalerweise springt er vor, auf und hinter der Bühne herum. Aber das geht im Moment nicht. Vor zwei Tagen hat er sich den Fuss gebrochen. Wie? Natürlich, bei einem Sprung von der Bühne.

Der Shootingstar

Simon Burkhalter ist der Neue. Er hat die künstlerische Leitung der Freilichtspiele von Peter Leu übernommen, der 20 Jahre lang das Zepter im Theater Moosegg in der Hand hatte, bis er 2016 fand, es sei jetzt genug.

Burkhalter ist unverschämte 22 Jahre jung und gerade ein bisschen der Shootingstar der hiesigen Theaterszene. 2015 wurde er von der Burgergemeinde Bern als Nachwuchstalent ausgezeichnet.

Sich von Peter Leus Fussstapfen einschüchtern zu lassen, ist des Jungspunds Sache nicht. Das Erbe liege nicht schwer, weil er ganz von vorne beginnen wolle, sagt er und meint: Dem Ganzen einen eigenen Touch geben. Und das scheint schon mal gelungen. Zumindest, was den Spielplan angeht.

Die Saison eröffnet der extra neu gegründete Verein Freilichtspiele Moosegg mit einem Kindertheater, nämlich mit der Märchenoper «Hänsel und Gretel» von Engelbert Humperdinck. Ab Anfang Juli folgt dann das Volksstück «Die Räuberhochzeit». Ein Neuanfang ist es auch, was das Personal angeht.

Das Ensemble sei komplett ausgewechselt, sagt der Regisseur. «Alles Leute, mit denen ich schon lan­ge zusammenarbeite.» So übernimmt etwa die Altistin Judith Lüpold die Rolle der Mutter von Hänsel und Gretel und auch gleich jene der Hexe. Der Opernsänger Ulrich S. Eggimann verkörpert den Vater und Besen­binder Peter. Hänsel wird von Madeleine Merz und Gretel von Marie-Louise Tochev gespielt.

Erste Theaterbesuche

Während die Plüschhasen weiter einsingen, berichtet der Regisseur ein bisschen aus dem Nähkästchen. Mit der Wahl von «Hänsel und Gretel» habe er vor allem an die Kinder gedacht. Er wolle zeigen, dass Opern überhaupt nichts Elitäres sein müssten.

Diese Märchenoper ist denn auch eine der ersten Aufführungen, die Burkhalter in seinem Leben gesehen hat – als Kind gemeinsam mit der Grossmutter im Berner Stadttheater. Schon damals habe er sich gesagt: Eines Tages mache ich das besser. Nun ist dieser Tag gekommen.

Und es sieht ganz danach aus, als würde er es nicht unbedingt besser, aber doch sehr gut machen. Zumindest das Bühnenbild verspricht Grossartiges. Die leicht kleinere Zuschauertribüne ist in der Lichtung neben dem Hotel Moosegg in den Wald hinein ausgerichtet. Die Natur ist so Teil des Stücks. Schon nach wenigen Minuten ist es einem, als wäre man wahrlich in einer Märchenwelt gelandet.

Rund 25 ähnliche Inszenierungen hat Burkhalter in seinem kurzen Theaterleben bereits auf die Bühne gebracht. So richtig angetan haben es ihm Opern und Operetten. Letztes Jahr hat er das «Weisse Rössl» von Ralph Benatzky im Sternensaal Bümpliz aufgeführt und dafür viel Lob eingeheimst. 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche habe er dafür gearbeitet, sagt er. «Für mich ist das ein Karriere-Highlight.»

Auch jetzt scheint er kaum aus der Arbeit herauszukommen. In Sachen Bühnenbild sei «Hänsel und Gretel» die aufwendigste Inszenierung bisher. Sein Arbeitspensum beziffert Burkhalter denn auch auf temporäre 180 Prozent. Seit April probt er mit dem 16-köpfigen Chor.

«Scheitern gehört dazu. Aber die Angst bleibt, bis zur Derniere.»Simon Burkhalter, Regisseur

Und mit den fünf Solisten ist er seit gut einem Monat sechsmal pro Woche dran. Daneben laufen die Vorbereitungen für die «Räuberhochzeit». In Zürich wartet im September seine Inszenierung des «Zigeunerbarons», dazu ist er noch, wie er selber sagt, so etwas wie der Hausregisseur bei der Bühne Lyssach und studiert, nebenher quasi, Gesang an der Hochschule der Künste Bern.

Übernommen hat er sich wohl trotz Gips am Bein nicht. Zumindest hier auf der Moosegg läuft alles nach Plan. «Wir haben schon Premierenreife», sagt er – eine Woche vor dem grossen Abend.

Über die Sicherheit

Ob er wirklich so entspannt ist, wie er sich gibt, ist schwer zu sagen. Eine gewisse Selbstsicherheit scheint ihm in die Wiege gelegt worden zu sein. Und auf eine mögliche Versagensangst angesprochen, sagt er: «Scheitern gehört dazu. Aber die Angst bleibt, bis zur Derniere.»

Da bleibt nur zu sagen: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann proben sie noch heute.

«Hänsel und Gretel»: 12 Aufführungen ab dem 21. 6. Abends jeweils ab 20.15 Uhr, sonntags, ab 15 Uhr. «Die Räuberhochzeit» ab 7. 7. 17. www.freilichtspielemoosegg.ch

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