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Heimweh plagt sie nie

Heimat ist für Aja Diggelmann da, wo sie gerade ist: Burkina Faso aktuell. Hier setzt sich die 33-jährige Sozialanthropologin für Frauenrechte ein.

Stippvisite in der Emmestadt: Aja Diggelmann ist derzeit für ihre Arbeitgeberin, die Frauenrechtsorganisation  Marche Mondiale des Femmes, auf Tour.
Stippvisite in der Emmestadt: Aja Diggelmann ist derzeit für ihre Arbeitgeberin, die Frauenrechtsorganisation Marche Mondiale des Femmes, auf Tour.
Thomas Peter
Diggelmann ist in Burkina Faso für die Frauenrechtsorganisation Marche Mondiale des Femmes tätig.
Diggelmann ist in Burkina Faso für die Frauenrechtsorganisation Marche Mondiale des Femmes tätig.
zvg
In Zukunft wird die Burgdorferin als Kolumnistin für diese Zeitung von ihrer Zeit in Afrika berichten.
In Zukunft wird die Burgdorferin als Kolumnistin für diese Zeitung von ihrer Zeit in Afrika berichten.
zvg
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Zum Termin kommt sie zwei Minuten zu spät. Und entschuldigt sich, ganz schweizerisch. Pünktlichkeit – in Afrika wird dieser Schweizer Tugend ein ganz anderer Wert beigemessen. Niemand weiss das besser als Aja Diggelmann. Die junge Sozialanthropologin ist in Burgdorf geboren und hat hier längere Zeit gelebt, ist nun aber nur noch zu Besuch hier. Sie wohnt in Westafrika. Gestern, erzählt sie, habe sie erstmals von «Heimgehen» gesprochen und dabei an Burkina Faso gedacht.

Ihre Heimat? «Das ist da, wo man sich wohl fühlt», sagt sie. In Kolumbien fühlte sie sich sehr daheim, und auch jetzt, in Ouagadougou. In Asien weniger, da habe sie keinen Anschluss an die Kultur gefunden. Kongo, Irak, Marokko, Irland, Spanien, Australien, Vietnam, China, Kongo (erneut), Tansania, Ruanda, Sri Lanka, Kongo (einmal mehr), dann Kolumbien und nun eben Burkina Faso: Die Stationen im Lebenslauf der 33-jährigen Weltenbürgerin machen neugierig. «Ich nenne es das Nomadengen», gesteht Aja Diggelmann und lacht.

Sie hat dieses Gen von ihren Eltern, die den «Hippietrail» ge­gangen seien. Nach der Geburt der Tochter verliess das Paar die Schweiz wieder und zeigte ihr die Welt. Im Kongo, im Irak, in Marokko ist sie genauso aufge­wachsen wie in der Emmestadt. Eigentliche Wurzeln kennt sie nicht. Käme sie in die Schweiz zurück, dann eher in die Westschweiz. Aber das ist ohnehin rein hypothetisch: Aja Diggelmann, derzeit daheim in Burkina Faso, nimmt Station um Station.

Sie selbst spricht von «Lebens­situationen, die ich beim Schopf gepackt habe, wenn sie sich er­geben haben». So war das auch mit Kolumbien: Nach ihrem Studium stieg sie in den Flieger nach Kolumbien – mit dem Ziel, sechs Wochen Ferien zu machen. Geblieben ist sie während eines Jahres und arbeitete für eine Nichtregierungsorganisation. Aus familiären Gründen kam sie danach für zwei Jahre in die Schweiz zurück. Aber anschliessend zog es die junge Frau wieder weg.

Gegen Gewalt und Armut

In Burgdorf bei ihrer Mutter findet Aja Diggelmann Unterschlupf, wenn sie hier ist. So wie jetzt, wenn sie für ihre aktuelle Arbeitgeberin Marche Mondiale des Femmes auf Tour ist. Das weltumspannende feministische Aktionsnetzwerk vereint Gruppierungen von Frauen, die gegen Armut und Gewalt an Frauen kämpfen.

Viel Büroarbeit wartet auf sie in Ouagadougou. Kommunikationsplan, Rapporte, Sitzungen, Protokolle. Dazu erledigt sie alles, was mit Social Media zu tun hat. Das Projekt «Restauratrices de rue» begleitet sie eng. Es geht darum, den Betreiberinnen der Strassenrestaurants in der Hauptstadt unter die Arme zu greifen.

Aja Diggelmann verhehlt nicht, dass sie für diese Lebensart auch Entbehrungen auf sich nimmt: Beziehungen, die in die Brüche gehen oder die sie auf die Distanz nicht sehr pflegen kann.

Die Frauen werden geschult und lernen, einen Geschäftsplan zu erstellen, mehr über Hygiene, Umwelt, Marketing oder kulinarische Techniken. Im Vordergrund steht deren wirtschaftliche Autonomie. Und: Auch die Männer werden miteinbezogen.

Erst sei es ein Job gewesen, sich für Frauenrechte starkzumachen. «Inzwischen ist es eine Herzensangelegenheit geworden.» Beschneidung, Zwangsverheiratung – aber auch Themen wie gleiche Arbeit für gleichen Lohn beschäftigen Aja Diggelmann.

Ein Ort, der Frieden schafft

Sesshaftigkeit ist kein Thema. Sie könnte sie sich allerdings vor­stellen, in Burkina Faso länger zu bleiben. Ein paar Jahre vielleicht. «Hier habe ich meinen inneren Frieden wiedergefunden», sagt sie. Die Leute seien sehr zurückhaltend für afrikanische Verhältnisse. Respektvoll, integer und ehrlich beschreibt sie sie.

Diese Eigenarten kommen ihr als alleinstehender Frau über 30 in Afrika entgegen. Ein eigentliches No-Go. Im Quartier denken alle, sie sei verheiratet, aber ihr Mann abwesend.

Wenn sie an ihre Zukunft denkt, denkt die Kommunikatorin an den Kongo oder den Sudan. Überhaupt an Afrika. Und an eine andere Gelegenheit. Ihre Stelle ist auf neun Jahre befristet.

Angezogen fühlt sie sich von Orten, die als Krisengebiete gelten. Orte, an denen Hilfe akut ­nötig ist. Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist Diggelmanns Antrieb. «Und zu teilen», sagt sie. Nicht nur Materielles, sondern auch Wissen. Es auszutauschen, bringe auf beiden Seiten Gewinn.

Verzicht ist Teil davon

Alles hinter sich zu lassen, die Welt zu sehen: Davon träumen viele. Aja Diggelmann wird oft ­darauf angesprochen. «So wie du, das möchte ich auch, sagen sie. Ich frage dann: Was hält dich zurück?» Sie verhehlt aber nicht, dass sie für diese Lebensart auch Entbehrungen auf sich nimmt: Beziehungen, die in die Brüche gehen oder die sie auf die Distanz nicht sehr pflegen kann. «Es ist nicht immer einfach.» Sie aber habe vor Ort auch stets Leute, die ihr das Gefühl von Familie zurückgeben könnten.

Ihr Sozial­leben hat im direkten Vergleich mit der Schweiz allerdings gewonnen: Drei bis vier Abende gehe sie aus, betreibe Sport, sehe sich Filme an, gehe ins Theater oder an Konzerte. In Ouagadougou lebt sie in einem bevölkerten Quartier, in einem einfachen Häuschen an unbefestigter, sandig roter Strasse. Keine Sicherheitskräfte, keine hohen Mauern. Strom- und Wasserausfälle sind an der Tagesordnung. Mit einem Roller fährt sie zur Arbeit, wie die meisten Ouagalesen auch. Auch im Büro kein Luxus, vor allem keine Klimaanlage.

So wenig wie Heimat kein Begriff ist, den sie pflegt, ist auch Heimweh kein Gefühl, das Aja Diggelmann plagt. Nein, sie verzehre sich höchstens mal nach einem Stück Käse und einem Glas Wein. «Alles andere braucht es gar nicht.»

Ab Mai wird Aja Diggelmann in dieser Zeitung regelmässig über ihr Leben und ihre Arbeit in Afrika berichten.

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