Klopf, klopf, klopf, klopf, klopf

Burgdorf

Für die Venus von Milo reichte die Zeit nicht. Für Rodins Denker wars auch zu knapp. Deshalb wurde es das Logo dieser Zeitung: ein Morgen im Bildhauer-Workshop auf der Brüder-Schnell-Terrasse in Burgdorf.

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Martin Burkhalter@M_R_Bu

Von weitem hört es sich an, als trabten Pferde über die Pflastersteine der Burgdorfer Altstadt. Bei der Ankunft auf der Brüder-Schnell-Terrasse zeigt sich, was an diesem Dienstagmorgen wirklich hinter dem klackenden Geräusch steckt: ein Dutzend hoch konzentrierte Menschen, die mit Hammer und Meissel auf Steine einschlagen. Bereits zum 14. Mal findet der Bildhauer-Workshop statt. Höchste Zeit, es mal selber zu versuchen.

Aus Zeitmangel war die Idee, eine Venus von Milo nachzustellen, schon sehr bald verworfen. Auch für Rodins Denker reicht ein Morgen in der Oberstadt knapp nicht aus. Leider. So fiel die Entscheidung halt auf das Logo dieser Zeitung. Nur die Initialen freilich. Nicht sehr einfallsreich, aber machbar.

Der Bildhauer-Workshop läuft bereits einen Tag. Seit Jahren kommen mehr oder weniger die gleichen Leute, um ihr Glück am Stein zu versuchen. Eine eingeschworene Truppe ist das, die sich hier um die beiden Steinbildhauerinnen Franziska Sinniger und Franziska Beck aus Safnern versammelt hat.

Fünf Tage haben die temporären Bildhauer Zeit, ihre Kunstwerke aus dem Stein zu hauen, bis sie dann in den Schmidechäuer kommen und dort während einer Woche der Öffentlichkeit preisgegeben werden.

So kurz vor 10 Uhr am zweiten Tag ist man als Neuling am Sandstein ein wenig auf verlorenem Posten. Alle anderen sind an ihrem Werk, klopfen, klopfen und klopfen, als gäbe es kein Morgen. Verständlich, denn der Ausstellungstag schwebt drohend über ihren Köpfen.

Obwohl – nicht alle lassen sich deswegen unter Druck setzen. Jürg Häberlin, der eine Meerjungfrau aus dem Stein hauen will, sagt es gleich: «Ich werde nicht fertig.» Er grinst. Erst beim Mittagessen wird klar, wieso. Die wohlgeformten Brüste der Nixe, die er nach einem Modell aus Lehm anfertigt, hatten zu Hause viel zu diskutieren gegeben. Etwas gar unrealistisch, so die Kritik.

Während andere schon Formen vor sich haben, geht es für den Neuling erst mal darum, das Logo auf den Sandstein zu zeichnen. Ein erster Entwurf landet schon mal unter Franziska Sinnigers Schleifstein. Zu klein. Der zweite ist dann besser. Und auch die ersten Versuche mit dem Spitzeisen scheinen zu gelingen. «Doch, doch», meint Franziska Sinniger. «Der macht das gut. Der könnte eine Lehre machen.» Das spornt an.

Man lernt viel. Über sich, über den Stein, das ganze Leben. Wichtig ist, das Spitzeisen nicht zu steil zu halten und nur etwa die Hälfte der Klinge in den weichen Stein eindringen zu lassen. In der ersten halben Stunde geht es darum, mittels dieser Technik die Linien entlang eine Kerbe zu schaffen, damit man dann später nach den grösseren Werkzeugen greifen kann: den Zahneisen.

Regula Zbinden hilft am Anfang tatkräftig mit, indem sie dem Anfänger die Steinbrösel mit dem Besen wegwischt. Seit 2014 organisiert sie den von Goldschmied Kurt Neukomm 2003 ins Leben gerufenen Anlass, der inzwischen zum festen Burg­dorfer Sommerferienprogramm geworden ist. Zbinden begründet ihr Engagement mit einem Satz: «Lieber Kunst als gar nichts», und meint damit die allzu ruhig gewordene Oberstadt.

Apropos Ruhe. Der Sandstein ist angenehm schweigsam. Noch etwas feucht und friedlich. Während er bearbeitet wird, verändert er sich. Wie ein Schattenspiel wechselt er von dunkel zu hell zu fast weiss, bis er sich wieder verdüstert. Er kommt einem entgegen, lässt einen gewähren, die Welt drumherum verschwindet nach und nach hinter den Klopfgeräuschen. Inzwischen heben sich die Buchstaben vom Sandstein ab, das Zahneisen tut seine Wirkung. Etwas entsteht.

Nicht alle haben so angenehmes Material vor sich. Res Zbinden etwa kämpft mit einem Kalkstein. Ein ungemein harter Brocken. Im Vergleich dazu geht dem Neuling der Meissel wie durch Butter. Res hat sein Œuvre schon vor drei Jahren begonnen, ist damals aber nicht fertig ge­worden und hat jetzt die Arbeit wieder aufgenommen. Das gewählte Motiv ist schliesslich auch ein Exklusives: Rafaels drei Grazien. «Eine Nachschöpfung», nennt es Res und haut wieder ordentlich zu.

Roger Felser wirkt entspannt. Er bearbeitet vier Sandsteinklötze, die er zu einem Turm zusammensetzen kann. Roger kommt schon seit acht Jahren in den Kurs und nimmt dafür jedes Mal eine Woche Ferien. Und Matthias Buri, seit 2003 mit dabei, lächelt selig, während seine Wasserschildkröte langsam Form annimmt «Diese Arbeit tut einem einfach gut», sagt er.

Dem kann der Neuling nur beipflichten. Am Schluss sehen die BZ-Letter zwar etwas unbeholfen aus, den persönlichen Stolz kann das aber nicht schmälern.

Ausstellung der im Workshop entstandenen Werke: 15.–21. Juli, im Schmidechäuer, Grabenstrasse 8, Burgdorf. Jeweils 14–18 Uhr (ausser Montag). Vernissage: Samstag, 15. Juli, 17 Uhr.

Berner Zeitung

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