Ersigen

«Reich sind wir nicht geworden»

ErsigenEin tieferer Steuerfuss, weniger Schulden, eine schlankere Organisation: Die Fusion der Gemeinden Ersigen, Oberösch und Niederösch hat sich gelohnt. Allerdings: Viel gespart werden konnte bei Verwaltung und Behörden nicht.

Im Gespräch: Gemeinderatspräsident Simon Werthmüller (links) und  Gemeindeschreiber Thomas Balsiger.

Im Gespräch: Gemeinderatspräsident Simon Werthmüller (links) und Gemeindeschreiber Thomas Balsiger. Bild: Thomas Peter

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1. Januar 2016: Hochzeitstag. An diesem Datum sind Ersigen, Nieder­ösch und Oberösch zu einer Gemeinde verschmolzen. Das ist zwei Jahre her. Die Abläufe haben sich eingespielt, die Fusion ist auf allen Ebenen umgesetzt, der Ehealltag ist eingekehrt. Nun zeigen sich die Auswirkungen der Vermählung. Ersigen hat auf ­dieses Jahr hin den Steuerfuss ­gesenkt, Schulden abgebaut und Gebühren reduziert. Das Eigenkapital ist mit 3 Millionen Franken recht komfortabel, es entspricht gut 10 Steuerzehnteln und liegt damit über der Empfehlung des Kantons. Nicht schlecht.

Hat der Zusammenschluss Ersigen reich gemacht? «Ja, reich an Erfahrungen», antwortet Simon Werthmüller prompt. Der Gemeinderatspräsident, der mit ­Gemeindeschreiber Thomas Balsiger am Sitzungstisch in der Verwaltung sitzt, schmunzelt. Ernster schiebt er nach: «Sinnvoll war die Fusion durchaus. Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt und eine gesunde Basis. Aber reich, das sind wir nicht geworden», sagt Werthmüller.

Eigenkapital abbauen

Vor der Fusion waren die Kassen von Oberösch und Niederösch praktisch leer. Erneute Steuererhöhungen wären auf die Bevölkerung zugekommen. Für die beiden Kleinstgemeinden hat sich der Zusammenschluss schon rein deshalb gelohnt. Aber auch Ersigen selbst kam unter dem Strich gut weg. 2015 wurde hier der Steuerfuss zwar noch von 1,65 auf 1,75 Einheiten angehoben, aber schon auf die Fusion hin wieder auf 1,65 gesenkt. Seit diesem Jahr liegt er sogar nur noch bei 1,60. Für Niederösch und Oberösch hatte die Fusion gar eine Senkung von 3,5 Zehnteln zur Folge. Vor der Heirat lag deren Steueranlage bei 2,0 Einheiten.

Doch eigentlich ist der Steuerfuss von 1,60 zu tief, denn das Budget 2018 rechnet mit einem Defizit: Im allgemeinen Haushalt resultiert ein Minus von 249'000 Franken. «Wir haben den Verlust bewusst in Kauf genommen, denn wir wollen das hohe Eigenkapital schmelzen lassen», begründet Werthmüller den Schritt. Gewisse Reserven seien in Ordnung, «aber wir wollen nicht zu viel horten». Wenn der Kanton in den nächsten Jahren nicht noch mit Überraschungen aufwarte, werde die Steueranlage auf diesem Niveau bleiben.

Liegenschaften verkauft

Bei der Fusion 2016 hatte die Gemeinde noch 5,2 Millionen Franken Schulden. In den letzten zwei Jahren konnten diese um 2,2 Millionen reduziert werden. Der Abbau der Schulden ist laut Gemeindeschreiber Balsiger vor allem auf folgende Faktoren zurückzu­führen: Der Kanton zahlte einen einmaligen Fusionsbeitrag von knapp 600'000 Franken. Die Rechnung 2016 schloss vor allem dank Vermögensgewinnen besser als erwartet ab: Statt eines Plus von 780'000 Franken wurde eines von 918'000 Franken erzielt.

Den grössten Brocken allerdings machte der Verkauf von gemeindeeigenen Immobilien aus. Rund 900'000 Franken spülte der Erlös in die Gemeindekasse. Das sei klar ein Ergebnis der Fusion, sagt Balsiger. Denn im damaligen Grundlagenbericht steckte sich der Gemeinderat das Ziel, sämtliche Gebäude, die die Gemeinde nicht mehr benötigt, zu veräussern. Am Ende sollen einzig die beiden Schulhäuser in Ersigen und Nieder­ösch und das Ersiger Gemeindehaus in ihrem Besitz verbleiben.

Buchhalterischer Kniff

Bereits verkauft sind das Schlachthaus in Ersigen, je ein Spritzenhaus in Ober- und in Nieder­ösch sowie das Schützenhaus in Niederösch. An der letzten Gemeindeversammlung bewilligten die Stimmbürger zudem den Verkauf des Gemeindehauses in Niederösch für 820'000 Franken.

Noch nicht verkauft sind ­dagegen das Gemeindehaus in Oberösch sowie das Lehrerhaus in Nieder­ösch. Hierfür müsse im Rahmen der Ortsplanungsrevision zuerst eine Umzonung vorgenommen werden. «Die Ortsplanungsrevision ist gestartet. Die Unterlagen liegen derzeit zur Vorprüfung beim Kanton», sagt Balsiger.

Der Erlös aus dem Liegenschaftsverkauf wurde zwar in den Schuldenabbau gesteckt. Buchhalterisch gesehen wurde der ­Ertragswert aber gleichzeitig in einem Spezialfinanzierungskonto eingelagert. Diese Rückstellungen können künftig für Sanierungsarbeiten an den Schulhäusern und am Verwaltungsgebäude verwendet werden.

Weniger vom Kanton

So gesehen war die Fusion ein ­Erfolg. Präsident Werthmüller warnt aber vor zu viel Euphorie, denn der Zusammenschluss berge auch Nachteile: Die einmaligen Übergangskosten beliefen sich auf 110'000 Franken. Ausserdem fällt nun der Betrag aus dem Finanz- und Lastenausgleich tiefer aus. Diese Differenz wird noch während einer Übergangszeit vom Kanton ganz oder später teilweise ausgeglichen. Ab 2023 aber ist Schluss mit der kantonalen Unterstützung.

Selbst wenn die Bevölkerung von der Fusion wenig gemerkt habe, organisatorisch gesehen habe sie viel gebracht, betont Gemeindeschreiber Balsiger. «Wir müssen nicht mehr alles dreimal machen, nicht mehr drei Rechnungen oder drei Budgets erstellen, drei Gemeinderäte bedienen.» Die Zuständigkeiten seien klarer geregelt, Synergien konnten genutzt werden, die Organisation sei gesamthaft schlanker. Anfang 2017 haben sich die Feuerwehren zusammengeschlossen. Damals wurden auch die Archive vereint. Und der neunköpfige Gemein­derat sei mittlerweile zu einem Team zusammengewachsen, ergänzt Simon Werthmüller.

Die Illusion

Doch der Ratspräsident gibt auch zu, dass die monetären Einsparungen gering seien. Nicht zuletzt, weil die drei Verwaltungen bereits zuvor in Ersigen zusammengelegt waren. «Dass eine Fusion kostensparend ist, ist eine Illusion», meint er. Vergleiche man die Zahlen aus den Jahren zuvor mit jenen nach der Fusion, ergäben sich auf Verwaltungsebene Einsparungen von vielleicht 11 Prozent, was in etwa 40'000 Franken pro Jahr entspreche. Einen Personalabbau gab es nicht.

Thomas Balsiger hat auf eigenen Wunsch hin sein Pensum von 100 auf je vorgesehenes Projekt jährlich 60 bis 80 Prozent reduziert. Bei den Behörden und dem ­Rechnungsprüfungsorgan konnten ebenfalls gut 11 Prozent oder 8000 Franken eingespart werden. Es sind weniger Räte und Funktionäre nötig, dafür wurden ihre Entschädigungen erhöht.

In diesem Sommer wird an die Bürger von Ersigen noch ein Fragebogen verschickt. Der Kanton möchte messen, wie erfolgreich der Zusammenschluss war. Dies wird der Abschluss des Fusionsprojektes sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.01.2018, 20:02 Uhr

Der Weg zur Fusion

Seit über 10 Jahren waren die Verwaltungen Ersigen, Nieder­ösch und Oberösch schon zusammengeschlossen. Etwas weniger lang wurde auch eine gemeinsame Schule geführt. Die Voraussetzungen für eine Gemeindefusion waren gegeben, zumal die beiden kleinen Gemeinden Nieder- und Oberösch in finanziellen Nöten steckten. Der Impuls zu einer Fusion ging 2013 von der kleinsten im Bunde, Oberösch, aus. Beim grossen Nachbarn stiess man auf offene Ohren. Beim Niederöscher Gemeinderat eigentlich auch. Doch die dortige Stimmbevölkerung sagte im April 2014 Nein zur Aufnahme von Fusionsabklärungen. Daraufhin mischte sich der Kanton ein, drohte mit der Kürzung von Finanzmitteln. Das wirkte. Zwei Monate später lenkten die Niederöscher doch noch ein, das Stimmvolk war jetzt bereit, Gespräche aufzunehmen. Dann ging es schnell. Ein Grundlagenbericht wurde erstellt, eine öffentliche Mitwirkung erlassen. Die Kritiker verstummten. Im Juni 2015 gaben die Stimmberechtigten aller drei Gemeinden an ihren Versammlungen das Jawort, das Verdikt fiel deutlich aus. Auf den 1. Januar 2016 wurde die Heirat vollzogen. Aus den drei Dörfern entstand auf 1540 Hektaren eine 2000-Seelen-Gemeinde mit dem ­Namen Ersigen. Aus Ober- und Niederösch wurden Ortsteile, Postanschriften und Ortstafeln blieben gleich. Der Gemeinde­zusammenschluss war der erste im Emmental überhaupt.

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