Schloss Burgdorf: Fachleute haben historische Schätze gefunden

Burgdorf

Tonscherben würden die meisten zwar wohl nicht als Schätze bezeichnen. Für die Archäologen sind die zerbrochenen Krüge allerdings unbezahlbare Zeugnisse aus der Bronzezeit.

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Regina Schneeberger

Vor einem grossen Rätsel standen die Archäologen, als sie beim Schloss Burgdorf auf die bronzezeitliche Grube stiessen. Und wie bei jedem kniffligen Rätsel ist die offensichtlichste Lösung meist die falsche. Eine Grube mit verkohlten Wänden, gefüllt mit jeder Menge Keramikscherben – da liegt der Schluss nahe, dass es sich um einen Töpferofen handeln muss.

Doch schon bald schien diese These eher unwahrscheinlich. «Einiges wies darauf hin, dass die Gefässe nicht neu, sondern schon in Gebrauch waren», sagt Armand Baeriswyl, der die archäologischen Untersuchungen auf dem Schloss leitet.

Zudem fand man auch Dinge, die in einem Töpferofen eigentlich nichts verloren haben, etwa Getreidekörner, Tierknochen oder Webgewichte.

Tausende Töpfe

Es könnte sich auch um die Überreste eines Kellers handeln, über dem das Holzhaus abgebrannt war – so eine weitere These. «Dann hätte es sich aber eher um ein Keramiklager als einen Keller gehandelt», sagt Baeriswyl.

Denn die Archäologen stiessen auf Tausende von Töpfen. Viel mehr, als es in einem normalen Haushalt je brauchen würde. «Wir vermuten nun, dass es eine Kellergrube war, in der man alles entsorgte, was nach einem Grossbrand übrig blieb.» Ein Inferno, das möglicherweise die ganze Siedlung zerstört habe, so Baeriswyl.

Die Arbeiten der Wissenschaftler sind allerdings noch nicht abgeschlossen. Auch an diesem verregneten Vormittag sind sie am Werk, geschützt von den Mauern des ehemaligen Kornhauses.

Sie lockern in der Grube die Erdschichten, saugen die überflüssigen Sedimente ab und legen Tonscherbe um Tonscherbe frei. Aus der späten Bronzezeit, also der Zeit rund 900 Jahre vor Christus, dürften die meisten Objekte stammen.

Einige werden gar auf 1800 Jahre vor Christus zurückdatiert. Mit der Analyse des verkohlten Holzes gelingt die zeitliche Einordnung auch nach Jahrtausenden noch präzise.

Nichts Vergleichbares

Archäologin Marianne Ramstein ist die Begeisterung über den Fund förmlich anzusehen. «In der ganzen Schweiz gibt es keine Fundstätte aus der Bronzezeit, die ähnlich gut erhalten ist», sagt sie. Schon gar nicht im Hinterland.

Zwar haben die bronzezeitlichen Menschen auch hierzulande einige wenige Spuren hinterlassen. Aber grössere Mengen an Überresten wurden bislang nur bei den Seen, in den sogenannten Pfahlbausiedlungen, entdeckt. Denn unter der Wasseroberfläche werden die Gegenstände besser konserviert.

Geschützt vor der Witterung

Dass die bronzezeitlichen Objekte hier trotzdem so gut erhalten seien, habe wohl damit zu tun, dass sie 1000 Jahre lang unter dem Fundament des Schlosses lagen und dadurch vor dem Pflug und vor der Witterung geschützt waren, meint Ramstein. «Statt 3000 Jahre hat es nur 2000 Jahre lang daraufgeregnet», ergänzt Baeriswyl und lacht.

Es ist ein gut erhaltener Fund mit beson­derer Bedeutung für das Em­mental. «Jetzt können wir de­finitiv sagen, dass bereits zur Bronzezeit die ersten Menschen hier gelebt haben», sagt Baeriswyl.

Zwar ­habe man schon vorher in der ­Region vereinzelt Keramik oder Werkzeuge gefunden. «Es könnte aber auch sein, dass Durchrei­sende diese Dinge liegen lassen haben», hält der Archäologe fest.

Der Sitz der Mächtigen?

Wie gross genau die Siedlung auf dem Schlosshügel war, darauf können sich die Forscher noch nicht festlegen. «So viele Bewohner waren es aber wohl nicht, schliesslich ist der Platz auf dem Plateau recht beschränkt», sagt Baeriswyl.

Doch warum hat man überhaupt hier oben gelebt? Auf einem Hügel, auf den man das Wasser von der Emme her mühsam hochtragen musste? Auch das ein Rätsel, das sich nicht so einfach lösen lässt. «Wir wissen kaum etwas über die damalige Lebensweise», sagt Archäologin Marianne Ramstein.

Ob hier oben bronzezeitliche Häuptlinge ihre Macht demonstrierten? Oder ob der Schlosshoger bereits mehr als 1000 Jahre vor Christus als Schutzort vor feindlichen ­Angriffen diente? Diese Fragen werden sich wohl auch mit den abschliessenden Auswertungen nicht eindeutig beantworten lassen.

Stattdessen werden Hypothesen aufgestellt. Annahmen ­also, die gültig sind, bis sie von der nächsten Generation von Archäologen möglicherweise widerlegt werden. Bis es so weit ist, dürfte es aber noch eine Weile dauern. Denn nach den Umbauarbeiten wird der Boden auf dem Schloss wohl nicht so bald wieder aufgerissen werden.

Tag des offenen Bodens:Am Donnerstag, 16. August, von 16 bis 20 Uhr, führen die Archäologen auf dem Schloss durch die Ausgrabungsstätten.

Langenthaler Tagblatt

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