Schmelztiegel Klassenzimmer

Sie sind erst gerade im Berufsleben an­gekommen. Doch die Berufsschüler wissen um die Her­ausforderungen der heutigen Gesellschaft.

Im ersten Lehrjahr der kaufmännischen Schule kommt eine engagierte Diskussion über unterschiedliche Weltanschauungen auf.

Im ersten Lehrjahr der kaufmännischen Schule kommt eine engagierte Diskussion über unterschiedliche Weltanschauungen auf.

(Bild: Thomas Peter)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Nach den Diskussionsthemen habe gar nicht erst gesucht werden müssen. Diese jungen Erwachsenen erfahren tagein, tagaus am eigenen Leib, welchen Herausforderungen sich die ganze Gesellschaft heute zu stellen hat. Schliesslich kommt in einer Schulklasse ja auch alles zusammen: unterschiedliche Kulturen, Religionen, Traditionen, Weltanschauungen – Träume.

Und es sind durchaus diskussionsfreudige junge Menschen, die hier im Bildungszentrum Emme in Burgdorf gerade ihr erstes kaufmännisches Lehrjahr absolvieren. Nach einer kurzen Phase jugendlichen Trotzes kommt die Diskussion rasch in Gang. Sie wird sogar ziemlich hitzig und findet ihr Ende damit, dass Cédric aus Schüpfen die Hand hebt, aufgerufen wird und sagt: «Können wir bitte, bitte das Thema wechseln. Wir drehen uns im Kreis.»

Zu viele Vorurteile

Es geht also um die Schweiz und das Zusammenleben in diesem Land. Ernad, 17-jährig, mit bos­nischen Wurzeln, wünscht sich mehr Aufgeschlossenheit und greift damit gleich nach dem heissen Eisen, das die Diskussion in Fahrt bringt. In welcher Hinsicht mehr Aufgeschlossenheit? «Im Umgang mit Fremden. Mit..., wie sagt man? Mit Flüchtlingen, Migranten.» Zu oft werde nur das Schlechte betont, anstatt dass man versuchen würde, sich in ihre Lage zu versetzen.

Alissa aus Lyssach pflichtet dem bei und plädiert für weniger Vorurteile. Nicht nur Flüchtlinge, auch Jugendliche allgemein würden immer in den gleichen Topf geworfen. In der Schweiz mangle es grundsätzlich an ge­genseitigem Respekt, findet Donika aus Bern. Und sie meint damit sowohl Ausländer, die hierherkämen und sich nicht richtig integrierten, als auch Schweizer, die immer gleich den Schmarotzer, den Problemmacher sähen.

Kopftuch ja, Burka nein

Sowieso herrsche hier eine Art Mitläufertum, sagt Alissa. Sei die Meinung einmal gemacht, sagten plötzlich alle nur noch das Gleiche. So, als gäbe es nur eine Wahrheit. Sie nennt das Beispiel von Flüchtlingen mit Smartphones und dass sich gewisse Schweizer darüber aufregen würden. Dabei hätten die ja keine Ahnung, woher das Handy komme.

Hände schiessen in die Höhe, Füsse scharren unter den Pulten. Immer mehr Schüler wollen jetzt ihre eigenen Erfahrungen teilen, ob Schweizer oder eingewanderte Schweizer.

Aleyna aus Burgdorf erzählt von ihren Cousinen, Musliminnen, die schon lange eine Arbeit suchten, wegen ihres Kopftuchs aber keine fänden. Sie wünscht sich mehr Offenheit in dieser Hinsicht. Und auch Alissa sagt, dass es genau solche Themen ­seien, die in der Schweiz zu ernst genommen würden. Sie wünscht sich mehr Lockerheit im Umgang damit, wie sich Menschen kleiden. Die Klasse ist sich da einig, macht aber dann doch einen Unterschied zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Schliesslich gebe es in gewissen Branchen Dresscodes, meint Ernad, in Banken etwa oder in Hotels. Dort müsse man sich halt anpassen. Ein Kopftuch, finden die meisten, sollte trotzdem noch drinliegen, eine Burka aber sei dann doch zu viel.

Egoismus und Kleinkrämerei

Sitten sind das eine, Haltungen das andere. Hamida und Donika finden, dass es in diesem Land einen Unterschied mache, ob eine Schweizerin oder eine Frau mit Migrationshintergrund eine Zigarette auf den Boden werfe. «Ein Ausländer werde verurteilt, ein Schweizer nicht», sagt Hamida aus Burgdorf.

Miguel widerspricht. Er findet nicht, dass Schweizer etwas ge­gen Ausländer hätten. Früher hätten die Eltern einem das vielleicht noch eingeimpft. Er habe selber einen Migrationshintergrund. Er spüre aber überhaupt keine Fremdenfeindlichkeit.

Die Diskussion dreht sich weiter und weiter. Plötzlich werden die helvetische Kleinkrämerei und der Egoismus in diesem Land angeprangert. Die Schweiz schaue zu oft nur zu sich, meint Donika. Damit sind aber längst nicht alle einverstanden. Die Schweiz sei nun mal klein und tue, was sie könne, sagt Nina. Veränderungen brauchten Zeit. Die Schweiz könnte mehr tun, gerade für den Umweltschutz, findet wiederum Dominic.

So geht das wie beim Pingpong hin und her, bis Nolan, der lang still war, es nicht mehr aushält und sagt: «Auf der ganzen Welt schauen alle zuerst für sich», das sei nun mal so und nicht typisch Schweiz. Weitere Hände signalisieren dringliche Erwiderung. Dann wird Cédric aufgerufen und findet, ein Themenwechsel tue not. Er hat recht.

Achtzig Minuten sind um. Noch knappe zehn bleiben dafür, ein wenig über ihre ersten Erfahrungen im Berufsleben zu reden. Eine eigenartig erwachsene Wertschätzung und Dankbarkeit sind da zu vernehmen, ein Bewusstsein dafür, wie wertvoll eine Ausbildung in der Schweiz angesichts der chaotischen Welt ist.

Und gleichzeitig ist da ein Drängen zu spüren, als könnten es die jungen Erwachsenen kaum erwarten, endlich am grossen Ernst da draussen teilzuhaben – und auch endlich, endlich keine Hausaufgaben mehr machen zu müssen.

Berner Zeitung

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