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Sie will sich pensionieren lassen

Heidi Zaugg gehörte zu den ersten Bewohnerinnen der Behindertenwerke Oberemmental (BWO). Jetzt will die 49-Jährige ausziehen. Welche Herausforderungen das mit sich bringt.

Heidi Zaugg packt ihre Siebensachen und freut sich darauf, in Konolfingen ein neues Zimmer nach ihren Ideen einzurichten.
Heidi Zaugg packt ihre Siebensachen und freut sich darauf, in Konolfingen ein neues Zimmer nach ihren Ideen einzurichten.
Beat Mathys

Sie mag Tapetenwechsel. Im Mühlestock sei sie immer wieder umgezogen. Es gibt offenbar kaum ein Zimmer im Haus an der Langnaustrasse in Zollbrück, in dem Heidi Zaugg nicht für eine gewisse Zeit gewohnt hätte. Sie liebe es, sich neu einzurichten, sagt Cornelia Widmer, die Leiterin der Fachstelle Agogik der Stiftung BWO.

Doch das bedeutet nicht etwa, dass Heidi Zaugg ein flatterhaftes Wesen wäre. Sonst hätte sie sich kaum jahrzehntelang jeden Vormittag an den Webstuhl gesetzt. Und sie wäre wohl auch nicht dreissig Jahre Teil geblieben der ersten Aussenwohngruppe, die die Institution BWO in Zollbrück eröffnet hat.

Heidi Zaugg gehörte zu den ersten Bewohnerinnen. Doch jetzt will die 49-jährige Frau ausziehen. Sie will nach Konolfingen wechseln, in ein Haus, das ebenfalls der BWO gehört und das diese für ältere Menschen einrichtete.

Jeden Freitag arbeitet sie dort im Haushalt. Diesen Austausch organisiert die Stiftung, damit die Bewohner die Möglichkeit haben, neue Kontakte zu knüpfen. Als sie hörte, dass im Haus in Konolfingen jemand verstorben sei, kombinierte Heidi Zaugg richtig: «Jetzt ist dort ein Platz frei, jetzt will ich umziehen», habe sie ihrer Gruppenleiterin zu verstehen gegeben. Damit begann ein längerer Prozess.

Zuerst galt es in mehreren Gesprächen sicherzustellen, dass Heidi Zaugg bewusst ist, was es heisst, die alte Umgebung hinter sich zu lassen. Dann musste der Umzug in die Wege geleitet werden. Was Heidi Zaugg selber erledigen kann, wird ihr von der Institution nicht abgenommen. So habe sie etwa selber nach Konolfingen telefoniert und sich für ein Aufnahmegespräch angemeldet, erzählt Cornelia Widmer.

«Sie hat selber nach Konolfingen telefoniert und sich für ein Aufnahmegespräch angemeldet.»

Cornelia Widmer, Leiterin Fachstelle Agogik

Auch in der Werkstatt ADW der Stiftung BWO in Bärau wird sie nicht mehr arbeiten. Heidi Zaugg will sich pensionieren lassen. Untätig sein wird sie in Konolfingen allerdings nicht. Am Freitag wolle sie in den Ausgang gehen, am Wochenende einen Ausflug machen, am Sonntag basteln und unter der Woche im Haushalt helfen: Am Montag kochen, am Dienstag einkaufen, am Mittwoch turnen, am Donnerstag am Bewohnertreff teilnehmen und am Freitag das Bett frisch anziehen.

So stellt sie sich das Leben in Konolfingen vor. Zwei Jahre vor Heidi Zaugg ist René Pietrogiovanna im Mühlestock eingezogen. Jetzt sitzen sie nebeneinander an einem Tisch und blättern in alten Fotoalben.

René Pietrogiovanna wird Heidi Zaugg vermissen. Foto: Beat Mathys
René Pietrogiovanna wird Heidi Zaugg vermissen. Foto: Beat Mathys

Man sieht die Bewohner beim Kartoffelnpflanzen, beim Lebkuchenverzieren, auf einer Wanderung und immer wieder an den legendär gewordenen Mühlestockfesten. «Heidi tanzt», sagt René und zeigt auf ein Bild.

«Mit wem?», fragt Cornelia Widmer. «Mit mir», behauptet René. «Ke Seich», winkt Heidi Zaugg lachend ab. Er legt den Arm um sie und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. René Pietrogiovanna wird seine langjährige Mitbewohnerin vermissen. So wie er Fredi vermisst.

Immer wieder tauchen Fotos auf, die den alten Freund zeigen. Vor vier Jahren ist er gestorben. «Schade. Er fehlt», sagt René Pietrogiovanna. Wenn er künftig in den Alben blättern wird, werden Fotos mit Heidi Zaugg auftauchen. «Ist auch nicht mehr da», wird er sagen, «schade.»

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