So richtig schimpfen kann diese Abwartin nicht

Burgdorf

Lidija Stevic sorgt für einen möglichst reibungslosen Schulbetrieb im Primarschule Lindenfeld in Burgdorf. Die Abwartin erzählt aus ihrem Berufsalltag.

Als Hauswartin muss Lidija Stevic mit Maschinen umgehen können. Hier mit einer zum Putzen im Lindenfeldschulhaus.

Als Hauswartin muss Lidija Stevic mit Maschinen umgehen können. Hier mit einer zum Putzen im Lindenfeldschulhaus.

(Bild: Marcel Bieri)

Viele bunte Karten und Zeichnungen zieren die graue Wand im Büro von Lidija Stevic. Ein Tatzelwurm, ein grosses «Danke» auf weissem Grund, eine blaue Aquarellmalerei. Eine sticht besonders ins Auge, gibt sie doch gewisse Rätsel auf: Grosse gelbe und schwarze Punkte sind darauf gezeichnet. Ist es etwa eine Biene? Oder ein YB-Fan im Emmental? Der Text auf der Rückseite gibt Aufschluss. «Zeichnung für Frau Stevic von Vincent. Turn­säckli und Schuhe nicht richtig versorgt», steht da geschrieben. Weil der Primarschüler seine Sachen mehrfach rumliegen liess, musste er das Szenario bildlich darstellen und sich so bei der Hauswartin entschuldigen.

Eine Frau der Tat

Lidija Stevic sorgt für Ordnung im Primarschulhaus Lindenfeld in Burgdorf. Aber eigentlich sei sie gar nicht streng, sagt die ­45-Jährige. «Mit den Kleinen so richtig schimpfen kann ich nicht», sagt sie. Sie sei eine Aufgestellte und nehme es mit Humor. Und das nimmt man ihr sogleich ab. Sie lacht viel, hat eine ruhige Stimme. Wenn nötig, dann greift die Hauswartin jedoch auch mal ein. Sie bietet die Jungs zum Toilettenputzen auf, wenn diese eine entsprechende Sauerei hinterlassen haben.

Oder beseitigt am Sonntagabend die Spuren einer nächtlichen Party auf dem Pausenplatz, räumt Flaschen und Bierdosen weg. «Wenn die Kinder am Montag in die Schule kommen, darf das hier nicht mehr rumliegen», sagt sie. Natürlich habe sie am Sonntag eigentlich frei, aber das wolle sie einfach erledigt haben. Lidija Stevic ist eine Frau der Tat.

Und das war sie schon immer. So arbeitete sie sich Stufe für Stufe nach oben. Erst war sie Rei­nigungskraft in verschiedenen Schulhäusern und Kindergärten, putzte stundenweise. Dann übernahm sie den Hauswartposten beim Berufsbildungszentrum (BZ) Emme an der Rütschelengasse, später kam die Musikschule dazu. Vor drei Jahren wechselte Lidija Stevic dann von der Musik- zur Primarschule Lindenfeld. «Erst hatte ich grossen Respekt vor dieser neuen Aufgabe», sagt sie.

Denn das Lindenfeldschulhaus ist zentralgesteuert. Heizung, Lüftung, Verriegelung der Türen – alles ist miteinander verknüpft. Funktioniert etwas nicht, greift die Hauswartin nicht gleich zum Werkzeugkasten, sondern öffnet das entsprechende Programm auf ihrem Computer. Dabei mochte sie Computerarbeiten gar nicht. «Bei solchen Sachen sage ich immer zuerst ‹Nein, das will ich nicht›.» Doch dann liess sie sich darauf ein. «Wenn etwas nicht funktioniert, probiere ich einfach, bis es geht.»

Immer unterwegs

So hat sie sich mit dem Computer inzwischen angefreundet. Hauswartin ist aber kein reiner Bürojob. Sie sei viel draussen, immer unterwegs, und das gefalle ihr an ihrem Beruf. Pendeln tut sie nicht nur zwischen Pausenplatz und Schulhaus. Auch für den Unterhalt des BZ Emme an der Rütschelengasse ist sie heute noch zuständig. Sie reinigt nach Schulschluss erst die Klassenzimmer der Kindergärteler und Primarschüler. Dann fährt sie zur Rütschelengasse und putzt dort bis in die Abendstunden. «Es ist ein strenger Job, aber ich brauche die Herausforderung», sagt Stevic.

Die Heimat

Ausserhalb der Komfortzone bewegte sie sich schon in jungen Jahren. Mit 16 verliess sie ihre Heimat, ihre Familie und Freunde. Denn damals lernte die junge Mazedonierin ihren künftigen Ehemann kennen und folgte ihm 1987 in die Schweiz. Noch vor dem Krieg. Es lebten nur wenige von ihren Landsleuten hier. Doch den Kontakt zu ihnen suchte sie auch gar nie. Lidija Stevic wollte Deutsch lernen.

Drei Monate dauerte es, bis sie der Sprache mächtig war. «Und dann sagten sie mir, jetzt lernst du Berndeutsch.» Erst habe sie dies schon etwas Überwindung gekostet. Heute gehöre der Dialekt aber zu ihr. Oft würden sie die Leute wegen ihres Namens fragen, ob sie Hochdeutsch sprechen sollten. «Ja nicht, sage ich dann – nur Berndeutsch», sagt sie und lacht.

Vor einigen Jahren gingen sie und ihr Mann dann zwar getrennte Wege, doch in der Schweiz wollte sie bleiben. Hier sind ihre Kinder aufgewachsen, hier fühlt sie sich heute zu Hause. So oft es geht, besucht sie aber ihre Familie in der Heimat. Zwar nicht in den Sommerferien, jedoch im Herbst, erklärt sie. Denn im Sommer hat die Hauswartin nicht solch lange Ferien wie die Schulkinder. Erst steht noch der Schulhausputz an. Gemeinsam mit ihrem heutigen Mann, Studenten und Reinigungskräften ist sie während zweier bis dreier Wochen am Werk. Damit die «Kleinen», wie Lidija Stevic sie nennt, nach den Ferien wieder in ein sauber glänzendes Klassenzimmer zurückkehren können.

Berner Zeitung

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