«Umgekehrt! Mit den Füssen voran!»

Jemanden auf den letzten Metern seines Lebenswegs zu begleiten, geht unter die Haut. Redaktorin Chantal Desbiolles jedenfalls führte die Arbeit an ihre Grenzen. Und doch würde sie es wieder tun.

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Die Limousine fiel auf. Meine kleine Schwester musterte den violett gefächerten Stoff, der das breite Rückfenster ausfüllte. «In so einem Auto will ich auch mal fahren», erklärte sie im Brustton ihrer kindlichen Überzeugung. Es war ein wolkenverhangener Samstagnachmittag im Bälliz in Thun, der Wagen fuhr im Schritttempo an uns vorbei. Ich weiss noch, dass unser Vater zu einer Erklärung ansetzte und ich dachte: Viel spannender wäre, zu erfahren, was in diesem Fahrzeug ist – und was damit geschieht.

Diese Episode aus meiner Kindheit ploppt auf, als ich mich neben Fritz Stalder in seinen Leichenwagen setze. Das Auto ist ebenso grau, als hätte sich das Gefährt aus meiner Erinnerung materialisiert. Es fehlt nur das bunte Paneel. «Bereit?», fragt Stalder, ehe er losfährt und seine Schreinerei im Rinderbach im Rückspiegel kleiner und kleiner wird. Ich nicke, mit flauem Magen.

Fritz Stalder ist traditioneller Bestatter: Er führt einen mittelgrossen Betrieb in der Gemeinde Rüegsau, der Fensterrahmen oder Möbel herstellt, und betreibt ausserdem mit seiner Frau Ursula, seiner Nichte Nadine und Stellvertreter Urs Lüthi das stille Geschäft mit den Verstorbenen. So, wie das vor ihm sein Grossvater und sein Vater taten. Bloss dass die Verbindung der beiden Standbeine schon seit Jahrzehnten nicht mehr besteht: Seit den 70er-Jahren werden die Verstorbenen nicht mehr in eigenen Särgen zur letzten Ruhe gebettet. Das lohne sich angesichts der Preise der drei Schweizer Hersteller, die maschinell und günstig produzieren, nicht mehr.

Meine Gedanken kreisen weniger um die leere Kiste in unseren Rücken als vielmehr darum, wie wir sie gleich füllen werden. Wir sind unterwegs, um einen Verstorbenen abzuholen. Er könne für nichts garantieren, hatte der Rüegsauer Bestatter im Vorfeld erklärt: Es gebe Tage, da rücke er gleich viermal aus. Und Wochen, in denen seine Dienstleistung nur einmal gefragt sei. Wenn schon, dann wolle ich auch mitanpacken, hatte ich erwidert.

Da wusste ich noch nicht, dass ich «Glück» haben sollte: Unser Einsatz führte an diesem Tag vom oberen bis ins untere Emmental, wo wir sechs Stunden später drei Verstorbene in ihren Särgen in Krematorien mit Blumen ge­schmückt aufgebahrt zurückliessen. Zurück blieb am Ende des Tages bei mir ein seltsam erhabenes Gefühl in der Brustgegend – und in der Nase ein grauslicher Geruch.

«Irgendwann landen wir alle in der Truhe», sagt Stalder. Auch wenn seine Bemerkung lapidar klingt, ist mein Arbeitgeber ein reflektierter und besonnener Mensch. Den Tod fürchte er nicht, das Sterben unter Umständen schon. Er, der ihn zwei- bis dreimal wöchentlich vor Augen hat, glaubt bloss, «dass fertig ist, wenn wir sterben». Ich will das nicht glauben, daher zwinge ich mich, ganz genau hinzusehen. So, als liesse sich den friedvoll-entspannten Gesichtszügen eine Erkenntnis über das Mysterium abtrutzen.

So ertappe ich mich auf einen leblosen Mann in den 80ern hinabstarrend, den das Alter und eine Krebserkrankung ausgezehrt haben. Seine Hände sind über seiner Brust und einem Sträusschen dessen, was der Garten der Institution hergegeben hat, gefaltet. Es eilt: Die hohen Temperaturen beschleunigen die Verwesung. Normalerweise ist Stalder mit seinem Stellvertreter Urs Lüthi innert 8 bis 9 Stunden vor Ort, so viel Zeit kann er sich aktuell nicht nehmen.

Einsargen und ins Krematorium überführen, so lautet unser erster Auftrag. Stalder reicht mir blaue Handschuhe, fährt die Bettstatt in die Höhe und den Sarg nahe an das Bett. Wir ziehen den steifen, leichten Körper – er an den Schultern, ich an den Fussgelenken – an die Bettkante und hieven ihn mit einer einzigen Bewegung in den Sarg. Wir legen den Deckel drauf, schrauben die Sargnägel bis zum Anschlag ins Holz und sind bereit, das Zimmer zu verlassen.

Um ein Haar: der erste Fauxpas. «Umgekehrt!», sagt Stalder, während ich den Sarg auf die Türe zurolle. «Mit den Füssen voran!» Ich erinnere mich an den Ausspruch, aber weiss nicht, worauf er gründet. Ist es, weil der Mensch mit dem Kopf voran auf die Welt kommt und sie auf entgegengesetztem Weg verlassen sollte? Oder spielt die mittelalterliche Angst vor Wiedergängern noch heute eine Rolle? Stalder kennt die Antwort nicht, hält sich aber daran. Das gehört für ihn zu einem professionellen und würdevollen Auftritt.

Daher fahren wir möglichst dezent Hintereingänge an, melden uns erst an, rollen den Sarg erst aus dem Zimmer, wenn die Luft rein ist – also so, dass die Bewohner oder Bewohnerinnen des Heims uns wenn möglich nicht sehen. Im Krematorium spielt das hingegen keine Rolle: Hier sind die Augen hinter geschlossenen Deckeln blicklos.

Aber nicht, dass Sie jetzt denken, ich hätte nachgesehen! Damit hätte ich mich der Störung der Totenruhe schuldig gemacht – eine Straftat. Der Tätigkeit von Bestattern sind rechtliche wie ethisch-moralische Schranken gesetzt. Das höchste Gut: Die Intimsphäre schützen und Verstorbene nicht zur Schau stellen.

Während Stalder auf der Fahrt von den Grundsätzen seiner Branche erzählt, erinnere ich mich an die rabenschwarze 80er-Jahre-Komödie «Immer Ärger mit Bernie»: Da schleppen dessen Angestellte den toten Bernie einer Puppe gleich überall mit hin, um dessen Tod zu verbergen.

Rund 130 Beerdigungen wickelt die Stalder Bestattungen GmbH pro Jahr ab oder ist daran beteiligt. Wobei dieser Begriff an sich fehlleitet: 19 von 20 würden kremiert, schätzt Fritz Stalder. In einen Sarg gebettet werden aber alle. Die meisten Todesfälle haben natürliche Ursache: Alter und Krankheiten haben diesen Leben ein Ende gesetzt.

Ein Bestatter fühle mit, trauere aber nicht mit. Diesem Grundsatz bleibt Stalder treu. Er beinhaltet über die professionelle Haltung hinaus auch einen Schutzmechanismus für ihn selbst. «Seelenpflege» hat auch der Profi hin und wieder nötig. Suizide, Unfälle, tote Kinder oder total verwahrloste Haushalte. Das könne nicht spurlos an ihm vorbeigehen.

Mein leises Unbehagen, dass der nächste Auftrag mich an meine Grenzen bringen könnte, keimt auf. Ich beruhige mich damit, dass die Rede erneut von einem Heim war. Dass diesmal die Verstorbene zwar gewaschen ist, aber nicht angezogen, erwischt mich auf dem falschen Fuss. Das Nachthemd ausziehen? Das kriegen wir hin, denke ich.

Stalder zeigt mir, wie die erstarrten Glieder bewegt werden müssen, damit sie die Beweglichkeit zurückerlangen. Ich suche innerlich nach einem Knopf für den Autopiloten, während wir die korpulente Frau von der einen auf die andere Bettseite rollen und zurück, um ihr die Hosen anziehen zu können.

Es passiert, als wir den Oberkörper anheben, um den BH schliessen zu können: Gase treten aus. Akuter Brechreiz schüttelt mich, während ich aus dem Raum und ins Freie fliehe. Fritz Stalder geht an mir vorbei, öffnet das Heck der grauen Limousine und fördert einen Zerstäuber zutage, mit dem er den Kühlraum einsprayt. Danach führen wir unseren Job zu Ende. Zu Feierabend erfüllt mich ein leiser Stolz. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.08.2018, 06:12 Uhr

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