Zum Hauptinhalt springen

Vom eigenen Bruder missbraucht

Jahrelang verging sich ein junger Emmentaler an seiner kleinen Schwester. Vergleichsweise «harmlose» Taten gibt er zu, die brutalen streitet er ab.

Sie war knapp neun, er knapp 13, als es begann. Als erwachsene Frau meldete sie den Missbrauch schliesslich.
Sie war knapp neun, er knapp 13, als es begann. Als erwachsene Frau meldete sie den Missbrauch schliesslich.
colourbox

Der grosse Brüetsch ist für die kleine Schwoscht im Normalfall eine der wichtigsten Bezugspersonen. Sie schaut zu ihm auf, holt sich bei ihm Rat und weiss, dass er sie jederzeit beschützen wird.

Doch Miriam* konnte diese Erfahrung nicht machen. Ihr um vier Jahre älterer Bruder Peter* muss sich seit gestern wegen sexueller Handlungen mit einem Kind, sexueller Nötigung, Vergewaltigung und Inzest vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau verantworten. Während Jahren soll er sich an seiner Schwester vergangen haben.

Als erwachsene Frau erzählte Miriam ihrem Freund und dessen Mutter – die ebenfalls von einem Verwandten missbraucht worden war – nach und nach von ihrem Martyrium. Auf deren Zureden hin wagte sie, sich der Polizei und der Staatsanwaltschaft zu offenbaren. Was sie dort zu Proto­koll gab, fasst Letztere in einer sechsseitigen Anklageschrift zusammen.

Juli 2008. «Der Beschuldigte war 12¾ Jahre alt, seine Schwester 8¾ Jahre. Er begab sich ins Zimmer seiner Schwester, gab ihr einen Gameboy, damit sie spielte, und griff ihr, während sie auf dem Rücken auf dem Bett lag und spielte, zwischen die Beine.

Er berührte ihre Vagina über und unter den Hosen und streichelte sie. Die Schwester begriff nicht, was ihr Bruder machte, und liess es geschehen.»

Oktober 2009 bis Juli 2011. «Die sexuellen Handlungen wurden gravierender. Er begann damit, ihr einen Kugelschreiber und Finger in die Vagina einzuführen. Zudem verlangte er, dass seine Schwester ihn mit der Hand befriedigt.»

Durch seine «Dominanz und Gewaltbereitschaft» habe er Mi­riam «über Jahre hinweg» eingeschüchtert, heisst es in den Prozessunterlagen. Dem Mädchen sei es unmöglich gewesen, sich zu wehren. Auch als die zum Teenager gereifte Miriam begriff, worum es ging, habe sie gegen Peter keine Chance gehabt.

«Er nötigte sie, die Handlungen zu erdulden, indem er sich auf sie legte und sie somit niederdrückte.» Die Missbräuche hätten fast immer im abschliessbaren Zimmer von Peter stattgefunden, wenn niemand sonst zu Hause war.

März 2014 bis Oktober 2015. «Der Bruder begann erneut, sexuelle Handlungen an seiner Schwester vorzunehmen, wobei er wieder einen Schritt weiterging.

Einmal band er seiner Schwester mit einem Gurt die Hände auf dem Rücken zusammen. Er steckte ihr den Penis in den Mund und bewegte ihren Kopf hin und her, bis er zum Orgasmus kam, wobei er in ihren Mund ejakulierte und sie das Sperma schlucken musste.»

September 2016. «Im abgeschlossenen Zimmer des Beschuldigten kam es erstmals zum Geschlechtsverkehr zwischen ihm und seiner Schwester. Er zog sie und sich aus und legte sie auf sein Bett. Die Schwester versteckte sich unter der Decke. Der Beschuldigte legte sich auf sie und drang in sie ein. Dieser Geschlechtsverkehr bereitete dem Opfer Schmerzen, weil der Beschuldigte grob war.»

März 2017. «Im Zimmer des Beschuldigten kam es erneut zum Geschlechtsverkehr. Die Schwester sagte ihm wieder, dass sie diesen nicht wolle. Der Beschuldigte setzte sich jedoch auch über ihre Weigerung hinweg.»

Er: «Gegenseitiges Verlangen»

Vor Gericht räumte Peter ein, es sei «Diverses passiert, was ich sehr bereue». Er habe, sagte er, «grosse Fehler» gemacht. «Einige sexuelle Handlungen» seien «vorgefallen», andere aber nicht. «Das mit dem Befriedigen und Sachen-Reinstecken» sowie den Oralverkehr gebe er zu. Wie Miriam dazu komme, ihn der Nötigung und Vergewaltigung zu bezichtigen, wisse er allerdings nicht. Er habe die Schwester nie zu irgendetwas gezwungen und schon gar nicht gefesselt.

Die sexuellen Kontakte zu Mi­riam hätten «auf gegenseitigem Verlangen» beruht, behauptete Peter. «Meist haben wir miteinander geredet oder zusammen einen Film angeschaut. Dann fingen wir an, uns zu berühren und uns gegenseitig zu befriedigen.» Er und Miriam hätten «von Anfang an gewusst, dass das, was wir taten, nicht richtig war». Aber aufhören habe er nicht können. «Vielleicht ist mir das ‹Füfi› zu spät ‹abegheit›.»

Im Laufe der Befragung konfrontierte der Vorsitzende Roger Zuber den Angeklagten mit dem Auszug aus einem Chatverlauf, der Whatsapp-Konversationen zwischen den beiden Geschwistern dokumentiert. «Wenn ich das durchlese, kommt es mir vor, als ob Sie ständig am Baggern und Ihre Schwester am Abwehren gewesen wären», sagte der Richter zu Peter.

Das könne sein, erwiderte der Befragte. Gegenüber der Polizei hatte er bemerkt, dass er «zum Teil etwas Überzeugungskraft» einsetzen musste, um Mi­riam dorthin zu bringen, wo er sie haben wollte. Wenn Miriam seine Zudringlichkeiten abgewehrt habe, sei das für ihn jedoch kein Problem gewesen.

Das Gericht wird sein Urteil am Donnerstag eröffnen. Es tagt in Fünferbesetzung, was bedeutet, dass eine Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren zur Debatte steht.

Sie will ihm nicht begegnen

Miriam will mit ihrem Bruder nichts mehr zu tun haben. Dem Single, der schuldenfrei im Arbeitsleben steht und vor einem Jahr von zu Hause auszog, ist seit September der Kontakt untersagt. Deshalb, sagte er, sei es ihm bisher nicht möglich gewesen, sich bei seiner Schwester zu entschuldigen.

Auf ihren Wunsch hin sorgte das Gericht dafür, dass die Geschwister sich bei der Verhandlung nicht begegneten. Auch die Öffentlichkeit wurde von ihrer ­Befragung ausgeschlossen. Dann konnte Miriam offen und angstfrei erzählen, wie Peter seine Stellung als grosser Brüetsch ausgenutzt hatte. Sie redete fast drei Stunden lang.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch