Vom Pickel zum Spezialtiefbau

Langnau

Die Langnauer Firma Stämpfli wird 100-jährig. Zu diesem Anlass hat sie ein Buch herausgegeben, das die wechselvolle Geschichte der Bauunter­nehmung erzählt.

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Für Hannes Stämpfli geht «ein grosser Traum» in Erfüllung. Auf dem Langnauer Zeughaus-Areal präsentiert er am Samstag der Bevölkerung seinen neuen Werkhof mit modernem Maschinenpark und führt durch helle ­Büroräume. Dass das Bauunternehmen von den engen Platz­verhältnissen in der Zürchermatte in einen grosszügigen Neubau ziehen konnte, ist nicht selbstverständlich.

Als Hannes Stämpfli 1998 in dritter Generation ans Ruder kam, steckte die Firma in einer Krise, wie dem Jubiläumsbuch zu entnehmen ist, das die Stämpfli AG zum 100-Jahr-Jubiläum herausgegeben hat.

Es ist keine Chronik, in der Pioniertaten ausgeschmückt und Rückschläge bloss in Nebensätzen abgehandelt werden. Im Buch erzählen verschiedenste Protagonisten, wie sie die Zeit mit der Firma Stämpfli erlebt haben. Jedes Kurzporträt fügt ein Puzzleteil zur Geschichte bei. So entsteht das Bild einer Firma, die einfach angefangen hat, rasant gewachsen ist, aber auch Tiefschläge hinnehmen musste.

Zuerst die Lüderenstrasse

Angefangen hat alles damit, dass der 25-jährige, selbstständig­erwerbende Bauführer Friedrich Stämpfli 1918 den Auftrag erhielt, von Wasen aus eine Strasse auf die Lüderen zu bauen. «Der Materialtransport erfolgte über Rollwagengleise und Doppelspänner», liest man im Buch.

Sechs Jahre später standen bereits 220 Männer auf der Lohnliste. Die Firma wurde in Langnau ansässig und erschloss nicht bloss weitere Höger wie die Dürsrüti, die Hochwacht oder den Kapf mit Strassen, sondern baute bald auch Wohn- und Geschäftshäuser oder etwa die Ilfisbrücke in Langnau und das Fabrikgebäude der Firma Kambly. Das Buch trägt deshalb nicht ganz zu Unrecht den unbescheidenen Titel «Wir bauen das Emmental».

Der Engpass

Die Firma Stämpfli setzte zunehmend auch auf Maschinen, wobei sie diese oft erst entwickeln musste. Sein Vater sei sehr innovativ gewesen, sagt Fritz Stämpfli, der den Betrieb 1960 zusammen mit seinem Bruder Hans übernahm. «Auf unseren Baustellen traf man den ersten Betonvibrator, den ersten Trax, den ersten Gradall und den ersten Bagger an.»

30 Jahre lang haben die Brüder Hans und Fritz Stämpfli das Geschäft in zweiter Generation gemeinsam geführt, 1990 schied Hans aus. Als Fritz Stämpfli die Aktien 1997 an Sohn Hannes übergab, stand die Firma unter dem Druck der Kredit gebenden Banken, weshalb erstmals in ihrer Geschichte ein Verwaltungsrat von ausserhalb der Familie als externer Sachverständiger ins Boot geholt wurde.

Der 1985 getätigte Kauf einer Bieler Firma hatte sich als Fehler erwiesen, musste die Stämpfli AG doch plötzlich Löcher stopfen, von denen sie vor der Übernahme nichts gewusst hatte. Sie geriet in Geldnot.

Das zwang Hannes Stämpfli dazu, das Kieswerk Pfaffenboden in Grünenmatt zu verkaufen. Was damals nicht von allen verstanden wurde, habe sich als «der grosse Befreiungsschlag» erwiesen, der dem Unternehmen die nötige Liquidität zurückbrachte, stellt er rückblickend fest.

Mehrere Standbeine

Von nun an konnte sich die Firma stetig entwickeln. In den letzten zehn Jahren habe sie viel in das Unternehmen investiert und nebst dem Erwerb des Zeughausareals den Fokus auf den Maschinen- und Fahrzeugpark gelegt, gibt Verwaltungsratspräsident Raphael Häring im Jubiläumsbuch bekannt. Die Mitarbeiterzahl sei in gleicher Zeit von 147 auf 170 gestiegen. Häring spricht von einer Erfolgsgeschichte.

Nicht nur Bauaufträge aller Art lasten die Mitarbeitenden aus, die Werkstatt dient auch als regionale Servicestelle für Fiat- und Iveco-Nutzfahrzeuge. Und die Tochterfirma Reparatur- und Sanierungstechnik AG wurde unter Geschäftsleiter Ueli Haldimann gar weltweit erfolgreich.

Dass die Firma nicht nur Wohnraum baut, sondern ihn auch selber vermarktet, hat sie Hannes’ Frau Yvonne Battanta Stämpfli zu verdanken. Als Immobilienvermarkterin bringt auch sie sich in das Familienunternehmen ein. Am neuen Firmendomizil wird sich die Familie aber nicht zurücklehnen können.

«Nicht eine Immobilienkrise, sondern die Digitalisierung wird die Branche so richtig kräftig durchrütteln.»Raphael HäringVerwaltungsratspräsidentder Stämpfli AG

Verwaltungsratspräsident Raphael Häring ist überzeugt: «Nicht eine Immobilienkrise, sondern die Digitalisierung wird die Branche so richtig kräftig durchrütteln.»

Tag der offenen Tür der Stämpfli AG an der Güterstrasse 5 in Langnau: Samstag von 11 bis 16 Uhr. Nebst dem neuen Werkhof kann auch der im Untergeschoss des Neubaus eingemietete Posten der Kantonspolizei Bern besichtigt werden. Das Jubiläumsbuch ist – zumindest vorläufig – nicht im offiziellen Buchhandel erhältlich.

Berner Zeitung

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